Türkei: die ersten Schultage

 

mein Schultisch mit meinen besten Freunden (Wasser und Lexikon)

Mein Schultisch und meine besten Freunden (Wasser und Lexikon).

Mein erster Schultag begann mit einer türkischen Tradition, von der ich bisher noch nichts gehört hatte. Das Szenario geht so: Die Schüler reihen sich, in Klassen geordnet, auf. Es sind Striche mit den jeweiligen Klassennamen auf dem Schulhof gepinselt worden. So weiß jeder, wo er stehen muss. Ich stand plötzlich in der ersten Reihe vor meiner Klasse. Dass niemand vorne stehen will, hat seinen Grund. Denn die Montage beginnen immer mit einer Ansprache des Schulleiters, deren Inhalt ich leider nicht verstand. Nur ist das Mikrofon so laut und schlecht eingestellt, dass ich mir die Ohren zuhalten musste. Und das ist der springende Punkt. Man muss nämlich gerade stehen, die Arme an den Körper gelegt, erst recht, wenn man in der ersten Reihe steht. Die Krönung war, dass alle Schüler die türkische Nationalhymne sangen, auf eine recht unmelodische Weise. Auch die Musiklehrerin dirigierte eher halbherzig. Ich musste mir das Lachen verkneifen.

Hier ist der Link: http://www.youtube.com/watch?v=hpw4dHcGxK4

…und die Übersetzung:

Fürchte nicht, die in dieser Morgendämmerung wehende rote Fahne kann nicht vergehen;
Solange das allerletzte Herdfeuer, das in meiner Heimat brennt nicht erloschen ist.
Sie ist der Stern meines Volkes, sie wird leuchten;
Mein ist sie, allein meinem Volk gehört sie.


Verziehe, um Gottes Willen, nicht dein Antlitz, du, empfindsamer Halbmond!
Lächle meinem heldenhaften Volk zu! Warum diese Heftigkeit, warum dieser Zorn?
Unser vergossenes Blut wird dir sonst nicht zu eigen werden.;
Unabhängigkeit, das ist das Anrecht meines an Gott betenden Volkes!

Quelle: Wikipedia

Wie ihr euch vorstellen könnt, war ich etwas schockiert, denn als Deutsche habe ich schon Angst, nationalistisch zu wirken, zum Beispiel wenn ich eine deutsche Flagge aus dem Fenster hänge. Hier ist das ganz normal. Überall hängen türkische Fahnen.

Ansonsten, so wurde mir gesagt, handele es sich bei der „Cihat Kora Anadolu Lisesi“ um eine sehr moderne Schule. Das kann sein, ich habe keinen Vergleich. Aber als ich den Klassenraum betrat, fühlte ich mich kurz verloren. Die Möbel sind wohl irgendwo übrig geblieben. Es sind Schreibpulte und kleine Sitzbänke, super geeignet für einen historischen Film. Ich habe mich mittlerweile damit angefreundet. Meine neuen Klassenkameraden beobachteten mich neugierig. Ich fühlte mich ein bisschen wie im Zoo. Die ersten beiden Stunden blieb das auch so, weil keiner mit mir englisch sprechen wollte und der Lehrer auch gar keine Fremdsprachen beherrscht.

Dann aber begann der Englischunterricht. Ich stellte mich vor und bewies, dass ich nicht beiße. Meine Mitschüler wurden plötzlich redselig. Wir hatten so oder so nichts besseres zu tun. In der ersten Woche – so wurde mir erklärt – lernt eh keiner etwas. Das stimmte auch. Die Lehrer machten keinen Unterricht und wir eigentlich auch nichts.

Ich war plötzlich unglaublich glücklich, ein Austauschschüler in der Türkei zu sein. Besonders, weil die Türken sehr herzlich sind und nicht so kühl wie die Deutschen. Der größte Unterschied ist das Schüler-Lehrer-Verhältnis. In Deutschland ist der Lehrer eine Respektsperson, oder auch nicht, aber vor allem jemand, der versucht, einem möglichst viel Wissen beizubringen. Auf persönlicher Ebene hat man eher wenig miteinander zu tun. In der Türkei ist der Lehrer ein Freund und Helfer und wird Hocam (mein Lehrer) genannt. Die Schüler lieben ihre Lehrer und die Lehrer ihre Schüler. Es wird fleißig umarmt und geküsst.

Auch zu mir sind die Lehrer sehr nett. Mit Ausnahme der Englisch- und Deutschlehrer können sie allerdings nur türkisch, was manchmal schwierig ist. So schüttelte mir eine Lehrerin die Hand, sagte etwas zu mir (es war ihr Name, was mir aber nicht klar war) und deshalb sagte ich gar nichts – und so starrten wir uns an.

Soweit so gut, liebe Grüße aus Izmir 🙂

 

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