Türkei – Ich bin leider kein Wunderkind

Ich bin jetzt ziemlich genau einen Monat hier und leider ist kein Wunder geschehen und deshalb bin ich immer noch sprachlos. Aber nicht mehr taub. Weil ich aber vor allem im Verstehen besser werde, mich aber nicht mitteilen kann, bemerkt das meine türkische Umwelt nicht sonderlich.

Ich versuche mich gelegentlich mit Einwortsätzen am Gespräch zu beteiligen – nur um zu zeigen, dass ich etwas verstehe, was Anerkennung einbringt. Meine Frustration besteht vor allem darin, dass ich mich von vielen netten und lustigen Leuten aushalten lasse, die sehr viel Spaß am Leben haben, während ich stumm wie ein Fisch daneben stehe, und die einzige bin, die nicht lacht, weil ich die Witze nicht verstehe.

Manchmal frage ich mein Wörterbuch, welches zwar keinen Humor hat, aber immerhin die Übersetzung. Trotzdem ist es auf Dauer einsam, über alles fünf Minuten später zu lachen. Wie gesagt, ich halte mich eigentlich für einen lustigen und lebensfrohen Menschen, kann diese Seite aber nur selten zeigen. Ich stehe meistens daneben, mache ein konzentriertes Gesicht und versuche der Unterhaltung zu folgen. Aber es ist zum Verzweifeln.

Egal, wieder drei Kreuze gemacht, dass ich in der Türkei bin, und nirgendwo sonst, – noch – finden alle mein Verhalten süß. Mein Gesicht ist dauer-rot, so oft kneifen mich Leute in die Wange, deshalb haben sich die Lehrer darauf verlegt, mir den Kopf zu tätscheln. Auch ok. Das Gute an der Situation ist, dass es einen großen Ansporn zum Lernen gibt, ich gebe mein Bestes. Gestern habe ich tatsächlich meinen ersten Text, der vor Banalität nur so strotzte – aber
immerhin – ohne (!!) ein Wörterbuch verstanden.

Mit vor Stolz schwellender Brust, habe ich meinen Freunden von diesem atemberaubenden Lernprozess berichtet, nachdem sie den Text gelesen und meine Übersetzung ins Englische gehört hatten, bekam ich ein Schulterklopfen und ein Lächeln und man kniff mir in die Wange. Mir gehörte die ganze Welt – hilft trotzdem nichts, ich bin kein Wunderkind und es gibt keine Alternative zum Pauken. Angespornt von dem türkischen Vorurteil über die deutsche Disziplin (man geht davon aus, dass wir sicherlich ohne Probleme zwanzig Stunden am Tag arbeiten können) versuche ich die Erwartungen nicht zu enttäuschen.

Um Situationen, in denen ich gar nichts verstehe, mit höflicherem Verhalten zu meisten als mit bloßem Glotzen, habe ich angefangen freundlich zu grinsen und „tamam“ (ok) und „evet“ (ja) zu sagen, weil das so schön positiv klingt. Das klappt auch gut, wenn ich falsch antworte, fragt man mich, ob ich verstanden habe, dann schüttele ich lächelnd den Kopf und man  fängt an, unglaublich langsam zu reden und ich fühle mich sehr dumm, aber das macht nichts, immerhin habe ich dann verstanden (anladim).

Manchmal wird durch diese frustrierende Situation das Leben auch lustig, vielleicht so eine Art Galgenhumor. Zum Beispiel: der Türke liebt Körpersprache und es ist nicht nur ein Fuchteln mit den Händen wie bei Deutschen, sondern ein richtiges Schauspiel. Kombiniert mit dem Text, der dazu gesprochen wird, ist das sicherlich eine seriöse Unterhaltung aber ohne ihn, sieht es mehr wie ein verunglückter Ausdruckstanz aus. Trotzdem ist das ein einsames Vergnügen. Keiner versteht, warum ich plötzlich nur noch lache. Und so lache ich dann halt alleine.

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