Türkei – Bloßes Gemetzel?

 

headBayram – das ist der muslimische Höhepunkt des Jahres. Tatsächlich wird die Abschaffung der Menschenopfer gefeiert.

Die Story gibt es in der Bibel übrigens auch (1. Mose, Kapitel 22, Verse 1-20). Es geht darum, dass Gott Abraham befiehlt, seinen einzigen Sohn Isaak als Brandopfer dar zu bringen. Abraham ist auch guten Mutes das zu tun und drauf und dran seinem Sohn die Kehle durchzuschneiden, als ihm „der Engel des Herren in den Arm fällt“ und ihm mitteilt, dass er Isaak doch nicht töten müsse. Aber er könnte den Ziegenbock (der ist plötzlich aufgetaucht) opfern. Das wird als Versprechen gedeutet, dass nie mehr ein Menschenopfer dar gebracht werden muss.

Um das zu unterstreichen, wird in Islamischen Ländern dann geschlachtet. Man muss sich das wie folgt vorstellen: Es hat ungefähr den Stellenwert von Weihnachten für Christen, das Fest an sich dauert minimal vier Tage, mit Wochenenden ist es aber manchmal auch eine ganze Woche. Diese Tage werden mit Familienbesuchen (war ja klar) und kochen verbracht, es gibt ziemlich viele Süßigkeiten und außerdem wird Geld verschenkt. Der Höhepunkt ist allerdings ein anderer. Und der ist ganz schön blutig.

Nämlich das Schlachten von Tieren – man kauft sich ein Schaf oder eine Kuh, vielleicht auch eine Ziege, geht zu einer Markthalle oder einem anderen öffentlichen Platz und schlachtet dort sein Tier. Früher haben das alle gemacht, mittlerweile ist das nicht mehr so, meine Familie hat auch drauf verzichtet. Ich habe eine Zeit hin und her überlegt und bin dann mit einem Freund zu einem der Schlachtplätzte gegangen.

Schon beim Aussteigen bin ich in eine Blutlache getreten. Ich wurde etwas misstrauisch beäugt, weil ich eindeutig fremd aussah, aber weil ich weder anfing zu kreischen, noch versuchte, die Tiere zu retten, fragte keiner, was ich hier zu suchen habe. Tatsächlich, muss ich zugeben, hatte ich auch gar nicht das Bedürfnis das zu tun. Auch wenn ich eigentlich damit gerechnet hatte, dass mir übel werden würde, oder dass ich danach niemals wieder Fleisch essen könnte, fühlte ich keinen Ekel.

Es ist vielleicht seltsam zu sagen, dass die Situation schon fast lustig war, aber meinem Freund und mir fiel es sehr schwer, keine Witze zu machen. In diesen Plätzen herrscht eine Picknick-Atmosphäre, es gleicht einem Familienausflug, die Großmütter haben Flickendecken ausgebreitet, die Mutter stillt vielleicht das Jüngste, die anderen Kinder spielen, die Väter und Großväter trinken Tee und rauchen: alles sehr harmonisch also. Und nebenbei schlachtet man halt das Tier, das dann auch gleich an Ort und Stelle sauber zerlegt wird. Das gibt der ganzen Situation eine derartige Leichtigkeit, dass, wenn man Schlachten so oder so nicht schlimm findet, schnell seinen Humor wiederfindet.

Auch wenn die Tiere hier nicht so geschlachtet werden, wie man sich das vielleicht wünscht (Stichwort: Reinheitsgebote), so wird das Tier auf die Seite gelegt, einer stellt seinen Fuß auf den Kopf, dann wird mehr oder weniger professionell die Kehle durchgeschnitten. Diese Art des Schlachtens sorgt dafür, dass das Tier komplett ausblutet und dann auch „rein“ ist, leider aber auch einen ziemlich langsamen Tod stirbt.

Die Kuh, die ihr auf dem Bild sehen könnt, war ziemlich kräftig und es fiel den Männern schwer, sie festzuhalten. Als sie ihr die Kehle durchschnitten, floss das Blut so ungünstig, dass sie anfing, es einzuatmen, und weil sie sich so sehr bewegte, dauerte es eine lange Zeit, bis sie endlich tot war. Obwohl der Tod für einen Dilettanten wie mich so oder so erst sicher ist, wenn der Kopf auch wirklich ab ist, weil sich das Tier noch einige Minuten länger bewegt.

Nachdem das Schlachtopfer dann also ausgeblutet ist, wird es an den Füßen an der Decke aufgehängt, das Fell wird abgezogen, das Fleisch von den Knochen gelöst, gleiches wird zer- und verteilt, die Hörner werden vom Schädel abgehackt und die Knochen zerhackt oder ausgekocht.

Anschließend, geht dann jeder mit seiner „Beute“ nach Hause, das können schonmal zehn Kilo sein. Was folgt, ist eine richtige Fleischparty. Die Familie setzt sich auf den Boden und das Fleisch wird sortiert und gesäubert, und das war der Moment, wo ich fast anfing zu weinen. Nie in meinem Leben habe ich so viel herrliches, saftiges Rindfleisch auf einmal gesehen. Und während ich noch von vielen duftenden Steaks träumte, fing der Türke schon an, alles was nicht in den Fleischwolf sollte, in Geschnetzeltes zu zerhacken. Dass ist tatsächlich so, außer im Steakhouse  (und das ist nicht türkisch) gibt es keine Steaks oder richtiges Fleisch am Stück, ausgenommen Hähnchenkeule. Alles Fleisch, ist entweder feinstes Hack und vor allem gut für das Aroma oder bereits eine Köfte (Frikadelle) oder eben Geschnätzeltes, wobei dieses auch nicht gebraten wird, sondern gekocht, das macht das Fleisch aber leider ziemlich hart.

Aus reiner Gnade und weil ich so traurig war, wurden aber einige Stücke für mich aufbewahrt, so dass ich doch noch die Chance hatte, die deutsche Küche würdig zu vertreten. Ich habe also das ganze Fleisch eingelegt und medium gebraten, Kartoffelspalten, Erbsen und Möhren, was eben so deutsch ist. Erstaunlicherweise, haben die Herren der Familie viel mehr gegessen als gewöhnlich und als gut war, und waren nicht bereit sich für die nächsten zwei Stunden von der Couch zu bewegen. Ich weiß nicht, was die türkischen Hausfrauen dazu bewegt das Fleisch immer ganz durch zu kochen.

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