Türkei – Atatürk und Nationalstolz

Der türkische Nationalheld, er beobachtet dich rund um die Uhr, jeden Tag, überall wo du stehst und gehst. Wenn du Pech hast, sogar auf der Toilette. Überall ein Bild, eine kleine Statue oder nur die Signatur.

Natürlich wurde ich oft gefragt, was ich denn so über Atatürk denke, und natürlich, wollte jeder halbewegs stolze Türke (und ich habe noch keinen nicht-stolzen getroffen) hören, das ich ihn bewundere und großartig finde. Meine Standardantwort ist darauf, dass ich ihn mag, weil ich ihn für einen ziemlich lustigen Typen halte.

Das meine ich ernst, man möge diese ganze Geschichte mal mit ein bisschen Abstand betrachten: Man hat sich das einmal vorzustellen, das stolze, alte osmanische Reich, das vielleicht schon etwas lädiert ist (aber immerhin) auf der einen Seite und dieser kleine Mann, der Zucker in seinen Mocca träufelt, zu viel Anisschnaps trinkt und plant, Vater der Türken zu werden (was ja auch geklappt hat) auf der anderen.  Das war so verrückt, seine Vorstellung wie das Land sein sollte, und wie es wirklich war, waren so unterschiedlich, wie es mehr nicht hätte sein können. Aber anstatt zu verzweifeln und das Land zu verlassen, gar die Hände in den Schoß zu legen und zu resignieren, oder sich zumindest anzupassen und der damaligen Opposition zu folgen, war er sich so sicher, dass er das Reich in einen neuen Zustand versetzen könnte, in dem es wieder, aber anders aufblühen würde, dass er es einfach tat.  Um die Geschichte ein bisschen abzukürzen; Atatürk hat das osmanische Reich gründlich ausgeschüttelt, manche Löcher geflickt, einige Fäden getauscht oder ausgewechselt und versucht es vom Geschichts-Muff und Traditions-Staub zu befreien, wie manche andere es wohl mit einem alten Teppich täten. Das ist der Grund warum ich Atatürk wirklich bewundere, auch waren seine Reformen klug und die Umsetzung gut gemacht, er war genial, ohne Frage.

Jedenfalls ist das eine gute Antwort, um Diskussionen zu vermeiden, aber natürlich ist da mehr über ihn zu sagen.

Aber wenn man über Atatürk spricht, spricht man auch gleich über die Türkei und so geht es hier mehr um einen Ländervergleich.

Ich bin deutsch, und deshalb habe ich schon mal generell Angst Glorifikation und Verherrlichung. Ich würde mal sagen, die meisten Deutschen versuchen krampfhaft jegliche Art von besonders starker Bewunderung oder unkritischer Liebe (es sei denn für die eigenen Kinder, versteht sich) zu vermeiden, besonders gegenüber Politikern. So hat jede Kultur die einen nationalen Helden allzu göttlich und herrlich darstellt (auch wenn es Jesus ist) etwas Gefährliches an sich. Vielleicht ist das so etwas wie eine nationale Angst? Mir wurde, und den meisten die ich kenne, geht es genauso, von Kindheit an beigebracht, bloß niemanden und nichts unkritisch zu sehen, weil jeder und alles einen Fehler haben muss und wenn jemand oder etwas fehlerfrei anmutet, dann ist schon dieser Eindruck möglicherweise gefährlich.

Immerhin, das hat mich zu einem wirklich kritisch denkenden Menschen gemacht, der seine Umwelt und sich selbst reflektieren kann. Aber wie ihr euch vorstellen könnt, fühlte ich mich nicht besonders wohl, umgeben (fast umzingelt) von den hunderten von Atatürks in wenigen Quadratmetern. Aber nach dem ersten Schock (der hielt für 20 Minuten, war nicht so schlimm), war ich vor allem skeptisch amüsiert. Nicht nur über Atatürk, generell über jegliche Form vom nationalem Benehmen, wie das Singen von der Nationalhymne zum Beginn und Ende der Arbeitswoche, die Flaggen (wirklich überall) und überhaupt der nationale Stolz.

Ich für meinen Teil, kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal die deutsche Nationalhymne gesungen habe, ich weiß den Text auch nicht. Und Flaggen gibt es, wenn dann auch nur zur WM, und dann auch nur die ganz kleine Ausgabe. Ziemlich selten, dass einer mal die Flagge in groß aus dem Fenster hängt. Ich habe auch noch niemals gesagt, dass ich stolz bin, deutsch zu sein, bevor ich hierher kam. Hätte ich das getan, wäre da sicherlich immer einer gewesen (und genauso sicher ein Deutscher) der fragt: „oh, du bist stolz deutsch zu sein? Bist du eigentlich auch stolz, mehr als sieben Millionen Juden getötet zu haben?“.

Hier, in der Türkei, würde jeder nur sagen: „wäre ich auch, an deiner Stelle.“ Ich denke, wir tun das, um zu vermeiden, dass irgendjemand auch nur denken könnte, dass wir zu unseren alten Zeiten zurückkehren. Nur übersehen wir dabei die simple Tatsache, dass ein gesunder Nationalstolz nicht bedeutet, gleich alle anderen Völker ausrotten zu wollen, sondern lediglich für ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, eine Gemeinschaft zu sein, und das meint wiederum nicht, dass in dieser Gemeinschaft kein Platz für „Fremde“ wäre. In meinen Augen ist es kein Muss ein Nationalbewusstsein zu haben, wir kommen ohne ja auch gut zurecht, aber es ist einfach schöner, ich kann meine Nationalität eh nicht ändern – warum sie dann nicht einfach mögen? Denn auch wenn wir eine wirklich, wirklich düstere Vergangenheit haben, muss man auch sagen, dass diese gut aufgearbeitet wurde und dass es daneben auch noch ein paar andere Dinge gibt, mit denen man Deutschland verbinden kann. Also, ob ich stolz drauf bin, weiß ich nicht, aber ich bin es wirklich gerne. Es ist gut, deutsch zu sein.

Aber zurück zu Atatürk und der Türkei.

Klar, hat er tolle Sachen gemacht, er war ein Genie und sicherlich einzigartig, er hat die Türkei auf selbstlose und aufopferungsvolle Art und Weise gerettet und ist am Ende vielleicht sogar für sie gestorben. Aber ist es gesund, an jede Wand ein Bild von ihm zu hängen, eine Kette mit seinem Namen zu tragen, oder sich gar seine Signatur zu tätowieren lassen?

Ich kann es natürlich nicht vollständig beantworten. Aber zumindest vorsichtig versuchen. Wie bereits erwähnt, wird der Nationalstolz hier ziemlich hoch gehängt. Und weil Atatürk nun mal das osmanische Reich in die Türkei verwandelt hat, hat er damit auch die Nationalität und das Bewusstsein über gleiche geändert. Damit kann man eigentlich nicht Türke sein (und erst recht nicht stolz), ohne Atatürk zu lieben. Trotzdem oder deshalb, sind (wie wohl mitbekommen)  viele mit der jetzigen Türkei unzufrieden und ich höre oft, dass sei nicht die Türkei wie sie es einmal war, nicht wie es sein sollte, und nicht wie es geplant war (von Atatürk). Atatürk zu lieben, bedeutet also, nicht einfach stolz zu sein auf sein Land, so wie es gerade ist, sondern es in der Form zu wahren, die zumindest auf seinen Grundlagen gegründet sind.

So kann Erdogans Regierung noch so viel Reichtum und wirtschaftlichen Aufschwung mit sich bringen, es ist eine Atatürk-Feindliche und deshalb für einen Kemalisten nicht akzeptierbare Regierung. Denn würde die Erdogan Atatürk folgen, wären seine  Schulreformen nicht pro-islamistisch und es gäbe sicherlich keine Einschränkung des Alkoholausschanks und –verkaufes. Das ist in diesem Fall nicht der einzige Grund die AKP abzulehnen, aber trotzdem sicherlich einer der Punkte, die die Gegner am wütendsten machen.

Die gängige Meinung: Wie kann das Land, das von Atatürk aufgebaut wurde, nicht einmal hundert Jahre danach von einer Regierung geführt werden, die ihn eigentlich ablehnt? –

Worauf ich hinaus möchte ist, dass Glorifikation und Heroisierung eines Politikers bloß stumpf und taub macht und dafür sorgt, dass willenlos gefolgt wird, eigentlich. In diesem Fall funktioniert Atatürk in seiner fast prophetenähnlichen Stellung wie ein Gefahrenbarometer und eine gute Messlatte. Wird also in der Politik etwas verändert, das wider den Ideologien Atatürks ist, so fangen wenigsten bei den Kemalisten die Alarmglocken an zu läuten. Das meint nicht, dass ein Atatürk-Anhänger nicht reformbereit ist, aber es sollte eben den Vorstellungen des Vaters der Türken entsprechen. Und die sind ja ziemlich vernünftig. So ist das Bestreben auf den Wegen des Staatsgründers zu wandeln, wenigstens ein guter Leitfaden für die Politik. Schade, dass das im Moment nicht so klappt.

Und diese bedingungslose und unkritischen Liebe, die einige „Fans“ ihm entgegen bringen? Naja, vielleicht ist es auch einfach eine schöne Art ihm zu danken, für die Dinge die er getan hat. Letztlich möchte doch jeder so geliebt werden, trotz und mit seiner Fehler.

5 Gedanken zu „Türkei – Atatürk und Nationalstolz

  1. Gunther Otto

    Gratuliere, dass du dich dieses Themas annimmst. Die Probleme, die man als Deutscher beim Nationalstolz hat, sehe ich auch so.
    Zu Erdogan: Obwohl Kemalistengegner, wie du schreibst, wird auch unter seiner Regierung die Ermordung von Armeniern durch Atatürk-Jünger tabuisiert.
    Es wird hier in den Medien von zunehmender Islamisierung der Türkei unter Erdogan berichtet. Manche Türken sollen deswegen schon daran denken auszuwandern. Hast du davon auch schon was mitbekommen? Gunther

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    1. Svenja Kahnt

      Hallo Gunther,
      Leider muss ich dich ein wenig verbessern. Nicht „Atatürk-Jünger“ sind für die Ermordung der Armenier verantwortlich, sondern die Jungtürken. Atatürk hatte damit gar nichts zu tun! Um so verwunderlicher dass sich die heutige Türkei trotzdem noch so dagegen wehrt die Ermordung anzuerkennen…

      Hille, ich finde es nach wie vor sehr interessant deine Berichte zu lesen, genieß die Zeit und ich wünsch dir noch ganz viel spannende Momente!

      Liebe Grüße
      Svenja

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      1. Hille Paul Beitragsautor

        Hallo Svenja, Hallo Gunther

        Ob tabuisiert oder nicht, ist das Armenierthema ist sehr umstritten, weil es zuweilen unterschiedliche Quellen gibt und sich die Parteien uneinig sind, wer wie viele, wann, warum, unter welchen Bedingungen und wie umgebracht hat. Ich für meinen Teil, tendiere schnell dazu den „Opfern“ recht zu geben, schon um zu vermeiden einen Genozid in jedweder Form zu leugnen, das ist allerdings keine besonders neutrale Sichtweise, so maße ich mir dazu (noch) kein Urteil an. Was hat man dir denn gesagt, als du in der Türkei warst, Svenja? da ist sicherlich noch mal ein unterschied zwischen Izmir und Istanbul.

        Stimmt, Erdogan hat das Armenierthema in Angriff genommen, wohl aber weniger im Sinne der Moderne, als den Richtlinien der EU und damit dem Drängen seiner Wählerschaft folge zu leisten. Das hat er aber auch mittlerweile aufgegeben, ich liste hier einfach mal ein paar seiner letzten interessanten Aussagen auf:

        -eine Frau sollte mind drei Kinder haben
        http://www.focus.de/politik/ausland/muessen-unsere-nation-unterstuetzen-erdogan-fordert-drei-kinder-pro-tuerkin_aid_1066848.html

        -Kaiserschnitt solle nur noch in Ausnahmen durchgeführt werden, außerdem sei Abtreibung Mord und deshalb sollte das nur noch bis zur 5. Schwangerschaftswoche legal sein
        http://www.zeit.de/2012/24/Tuerkei

        – gleich geschlechtliche WG sollten verboten werden
        http://www.zeit.de/2013/47/tuerkei-erdogan-studenten-wohngemeinschaft

        -massive Einschränkung des Alkoholkonsums bzw Ausschanks
        http://www.tagesschau.de/ausland/alkoholeinschraenkung-tuerkei100.html

        -markante Veränderungen des Schulwesens, Umwandlung von einigen staatlichen Schulen zu islamischen, Koranuntericht gestärkt, das Mindestalter wurde hierbei übrigens auf drei Jahre gesengt, wo gleichzeitig die Anforderungen an die Religionslehrer oder Imame immer geringer werden. http://www.tagesspiegel.de/politik/tuerkei-proteste-gegen-islamisierung-im-schulwesen/7154674.html

        ….und so weiter…übrigens ist auch Erdogans politscher Werdegang sehr interessant, wenn nicht gerade zu alarmierend. er gehörte drei Parteien an, die dann verboten wurden… so viel dazu.

        Vielen dank für das aufmerksame Lesen, und eure Komentare!

        Liebe Grüße aus Izmir, Hille

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  2. Svenja Kahnt

    Hallo Hille,

    Ich war übringends in Antalya nicht in Istanbul ;P

    Ich hatte selber erstmal nicht von mir aus ein Gespräch über das Thema angefangen, weil es sehr heikel ist und uns im vorhinein geraten wurde sehr vorsichtig damit umzugehen.
    Einmal hatte mein Gastvater dann von mir wissen wollen, was ich negativ an der Türkei, an der türkischen Regierung fände. Er meinte ich solle ganz ehrlich sein, und man könne mit ihm wirklich über jedes Thema reden. Also hab ich dann auch das mit den Armeniern angesprochen, dass die Regierung das verleugnet. Daraufhin fing er an mir einen langen Vortrag drüber zu halten, dass das gar nicht stimmt, dass die Regierung schon Historiker mit dem Thema beauftragt hätten und diese einfach zu dem Schluss gekommen seien, dass man das nicht klar sagen könne. Und auch zu anderen Themen hat er ähnlich reagiert. Das ist jetzt auch schon wieder 4 Jahre her. Damals meinte ich, dass man in der Türkei nicht frei demonstrieren könne. Auch da hatte er sich entschieden gegen gewährt. Würde er heutzutage wohl nicht mehr…

    Man kann da aber niemanden was vorwerfen, das kommt einfach dabei raus, wenn man keine ausgeglichene Berichterstattung hat. Ich denke gerade jetzt nach den Unruhen ist es viel einfacher geworden mit Türken (auch nicht mit allen) über negative Seiten der Regierung zu sprechen, aber man muss nach wie vor sehr viel Fingerspitzengefühl haben um niemanden auf den Schlips zu treten.

    Liebe Grüße
    Svenja

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    1. Hille Paul Beitragsautor

      Hallo Svenja,

      hm, war mir irgendwie sicher es war Istanbul, aber egal, irgendwo ist Türkei dann doch Türkei 🙂 obwohl der Unterschied zwischen den Städten doch größer als manchmal vermutet, vor allem zwischen Izmir und dem Rest der Türkei.

      Also wegen der aktuellen Stimmung im Land, und weil ich eben in Izmir bin, ist mein ganzes Umfeld strikt gegen Erdogan und alle behaupten, sie würden nicht für ihn wählen, hätten das nie getan, und würden auch keinen kennen, der das täte. Bleibt natürlich die Frage offen, wo her der gute Mann dann seine Stimmen hat. Egal. So ist meine persönliche Abneigung hier willkommen. Ich habe meine Gastfamilie und einige meiner Freunde gefragt, wie und was mit den Armeniern denn genau passiert ist. Die gängigste Antwort ist, dass man die Armenier zu einem sicheren Territorium umsiedeln wollte, weil diese nämlich dazu neigten, zu randalieren und die Polizei einen besseren Zugriff haben wollte. Auf dem Weg dahin waren die Umstände wohl mehr als widrig, so sind viele erkrankt oder erfroren, aber nicht nur auf den Seiten der Armenier, es seien auch viele Türken gestorben, Und ja es möge wohl war sein, dass eine Türkische Soldaten Armenier während dieser Umsiedlung getötet haben, aber das seien weit aus nicht so viele wie die Armenier behaupten. Und außerdem, so sagt man hier, hätten die Armenier keine stichhaltigen Beweise und als die Forderung nach dem Schadensersatz laut wurde, wollte die Türkei Gutachter anstrengen um der Situation auf den Grund zu gehen, was von den Armeniern aber abgelehnt wurde, so sagt man hier. Ich hatte erstens noch keine Gelegenheit mit einem Armenier darüber zu sprechen und zweitens sind die Quellen im Internet hier ähnlich verwirrend wie alles andere was man dazu hört, ich mache mir also kein Urteil und diskutiere bisher darüber nicht. Erst mal lerne ich die Türkei noch ein bisschen besser kennen, dann mach ich mir darüber Sorgen…
      aber du hast recht es ist ein empfindliches Thema.

      Liebe Grüße aus der Türkei, Hille.

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