Türkei – Trauerfeier oder Protest?

10. November. Der Held, Freund, Helfer und Retter ist tot, gegangen, eingegangen wie es jeder normale Mensch einmal tut. Das war 1938, aber die Türkei stirbt diesen Tod jedes Jahr von Neuem um 9.05 am Morgen. Eine Schweigeminute genau in der Minute, in der der Vater Türken seinen letzten Atemzug tat, danach die Nationalhymne, anschließend Reden, Gedichte über ihn und ein paar seiner Lieblingslieder.

Diese Trauerfeier wird in den Schulen und öffentlichen Plätzen ausgerichtet. Ich also, mit ein bisschen türkischen Nationalgefühl ausgestattet, stellte mir einen Wecker, bin am Sonntag früh aufgestanden, habe mich schwarz angezogen (mit Blazer) und bin pünktlich um 8.30 Uhr in der Schule erschienen. Natürlich ist noch keiner da gewesen, weil ich ja pünktlich war. Als die ersten erschienen, musste ich resigniert feststellen, dass ich als Austausschülerin am seriösesten angezogen war, der Rest kam in Jeans. Die Schweigeminute begann zu früh, und meine Schule bewies zwar einiges rhetorisches Talent, machte das aber gleich wieder durch musikalische Darbietungen wett.  Es war bei weitem nicht so ernst und berührend wie ich es erwartet hatte, keiner weinte (ich habe jedenfalls keinen gesehen), von den 600 Schülern kam nicht einmal die Hälfte.

Etwas später fand ich heraus, dass es den meisten, die kamen, zwar um Atatürk ging, aber nicht so sehr darum, seinem Tod gerade hier in der Schule zu gedenken, das hätte man nämlich auch überall sonst machen können. Nein, es sei mehr eine Form des politischen Protestes, man müsste der Regierung eben nicht nur durch Aufständen wie im Gezi-Park beweisen, dass man sie nicht akzeptiert.

Ich habe keine Vergleichsmaßstäbe, aber mir wurde gesagt, dass die Nationalfeiertage, wie der Republik-Tag oder eben Atatürks Todestag, dieses Jahr viel mehr und heftiger gefeiert wurde als die letzten Jahre. Das ist keine Nationalisierung, oder etwas dieser Art, sondern nur ein Weg mehr, der führenden Politik klar zu machen, dass die Entfernung von Atatürk und seinem Idol, wie und was die Türkei sein sollte, nicht mitgemacht wird. Die Stimmung war dementsprechend: nicht besonders gut – angesichts der Tatsache, dass nur so wenige Schüler gekommen waren, viele vermissten Mitstreiter von den Straßenprotesten, die jetzt wahrscheinlich noch schliefen. Es scheint insgesamt ein ungeklärtes Thema zu sein, wie man jetzt weiter machen soll. Einfach aufgeben, wieder auf die Straße gehen, oder eben auf diese stille, aber keineswegs leise Art zu protestieren.

Atatürk zu verehren scheint aber auch hier wieder eine Lösung zu sein.

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