Türkei – von diesem und jenem

Wenn ihr mich fragen würdet, auf welche Art ich die Türkei am meisten erfahre, würde ich „auf kulinarische Weise“ antworten. Als Jugendlicher ist man, sofern man die Erlaubnis hat, meistens draußen. Es passiert nie, dass man die Freunde nach Hause einlädt oder sich einen netten Abend auf der Couch macht. Wenn man das täte, säße man mit Sicherheit nicht alleine dort, sondern okkupiert von den Familienältesten, sei es von  Großmutter, Tante, Opa oder Mutter oder besonders unangenehm vom großen Bruder (Klischee!!).

Alles, was im Haus passiert, wird strengstens bewacht, draußen nicht. Es gibt eine ungeschriebene Regel in der Eltern-Kind-Beziehung der Türkei, ich nenne sie Höflichkeits-Lüge: „Ich weiß, was du draußen tust, weil ich auch mal jung war, aber so lange du keine Schande über die Familie bringst und den Teppich nicht vollkotzt, tue ich so, als wüsste ich es nicht, und glaube dir jede Ausrede.“ Wer also um ein Uhr nachts nach Hause kommt und etwas von Kuchenpartys und sehr viel leckerem Früchtetee erzählt, wird nicht der Lüge bezichtigt.

Wie der Tag unter der Woche so aussieht, hängt ganz von der Ausgehzeit ab. Bei mir ist sie um 19.30 Uhr zu Ende – außer ich haben einen besonderen Grund oder Plan, dann kann ich nach Absprache länger draußen bleiben. Das ist jetzt nicht super außergewöhnlich, aber auch nicht der Normalfall, die meisten (also die Mädchen, bei den Jungs ist das entspannter) müssen früher zu Hause sein. Man zieht dann nach der Schule (14.45 Uhr) mit Freunden los, geht zu einem Einkaufscenter oder einfach spazieren und meistens zum Kaffee und isst etwas. Vor allem jetzt im Winter, wenn es zu windig und zu kalt ist, den lieben langen Tag draußen herumzustreunen.

In Deutschland war das mit meinem Essverhalten diszipliniert, ich frühstückte, aß in der Schule nichts, danach eine Kleinigkeit und am Abend viel. Das hat sichergestellt, dass ich schlank blieb. Aber die Türken lieben Essen. Ich frühstücke morgens, weil meine Mutter mir leidtut, (ich habe übrigens die Familie vor zwei Monaten gewechselt, deshalb kommt das jetzt nicht so bekannt vor), die ist nämlich Hausfrau, hat einen Morgenmuffel geheiratet und jetzt eine Morgenmuffelin als Tochter. Die gute Frau steht jeden Morgen auf, macht Frühstück, was natürlich keiner isst, weil Mann wie Tochter in letzter Minute das Bad verlassen, um aus dem Haus zu stürzen. Das ist übrigens auch so eine Sache. In Deutschland steht man mindestens eine Stunde auf, bevor man das Haus verlässt, macht sich in Ruhe fertig und frühstückt mit der Familie, und während des Frühstücks plant man den Tag gemeinsam, so kenne ich das jedenfalls. Deutsche Disziplin? Pustekuchen. Hier steht man 20 oder nur zehn Minuten, bevor man eigentlich gehen möchte, auf und plant gar nichts.

Egal, meine Mutter tut mir leid, und ihr zuliebe nehme ich mir die Zeit zu frühstücken, alleine allerdings, weil nämlich der Fernseher schon läuft und sie den Tag lieber auf der Couch als am Frühstückstisch beginnt. Dann gehe ich zur Schule. Um 12.30 gibt es Mittagspause, und ich kann einen großen Teller Manti (türkische Tortellini) oder einen Brotlaib mit vielen Köfte (türkische Frikadellen) für umgerechnet zwei Euro essen. Eigentlich könnte ich auch schon für 20 Cent super essen. Nach der Schule geht es gleich weiter, super Sache, überall Straßenstände und tolle Dinge, die ich noch nicht probiert habe. Das fängt dann so an: „Hey Hille, hast du schon „Schwierigetürkischelautfolge“ probiert?“ Nein, habe ich natürlich nicht.

Am Anfang habe ich noch nachgefragt: „Bu ne?“ (was ist das?), aber den Wiederstand habe ich aufgegeben. Ich öffne willenlos den Mund und erlebe die Türkei in ihrer  geschmacklichen Vielfalt. Meistens schmeckt es auch gut oder wenigsten annehmbar, nur einmal bin ich fast gestorben. „Turschu Suyu“. Keine Ahnung, woraus das besteht, schmeckt aber wie 90 Prozent Essig. Es hat eine popel-grüne Farbe, ist trübe und transparent, darin schwimmen Gurken, Artischockenherzen und Weißkohlblätter. Getrunken wird das eiskalt, und meine Freunde lieben es. Ich habe es ganz brav getrunken, während der Essig meine Zunge auflöste, und ich glaubte, eine ziemlich präzise Vorstellung davon zu bekommen, wie Jesus sich gefühlt haben musste. Dann habe ich das Gemüse gegessen, der Verkäufer hat mir auch ganz viel davon gegeben, weil er ja so froh war, dass ich meine ersten Erfahrungen mit diesem Teufelsgebräu bei ihm machte. Die Kohlblätter quietschen zwischen den Zähnen. Ich ging zwei Schritte, bekam Zuckungen, weil meine Eingeweide verätzt waren, und starb einen langsamen und grausamen Tod, während meine Freunde in ihrer Hilflosigkeit versuchten, meine brennende Stirn mit „Turschu Suyu“ zu kühlen.

Nein, das stimmt nicht. Ich ging zwei Schritte und bekam Magenkrämpfe und wollte kotzen, tat es aber nicht, weil ich nicht wollte, dass meine Speiseröhre auch noch von Magensaft gereizt würde. Die Menschen, die sich meine Freunde nannten und mich diese Verwandtschaft vom Essigreiniger haben trinken lassen, retteten mich in einen Dönerladen und bestellten einen halben Liter Ayran. Den trank ich dankbar. Apropos Ayran. Ich liebe dieses Milchzeugs, vor allem weil es die Schärfe des türkischen Essen ein bisschen mildert und den rohen Zwiebelgestank lindert. Aber es gibt da eine Regel. Isst man einen Döner oder ähnliches und trinkt einen Ayran dazu, muss man den letzten Bissen mit dem letzten Schluck in einem nehmen. Warum auch immer. Klingt einfach, ist es aber nicht. Mein erster Versuch ist in einem schlimmen Hustenanfall geendet, weil der Dürümteig in meiner Kehle festsaß, der Ayran schon alle war und ich ihn nicht mehr runterspülen konnte. Aber es saßen nur Jungen am Tisch, und diese wollten mich nicht schlagen, hatten irgendwie Angst, mir weh zu tun.

Egal, ich lebe ja noch. Der türkische Alltag ist für süße, deutsche Mädchen wie mich so oder so gefährlich. Vor allem der Verkehr. Was auf einer zweispurigen Straße alles gleichzeitig fahren kann, ist erstaunlich. Das sind nicht nur Autos und Motorräder, von den man aber sagen muss, dass ich erstaunt bin, wie lange ein Zweirad fahrbar ist, manchmal sieht man nämlich nur noch Räder, Lenker und ein halbes Innenleben, weil die Verkleidung abgefallen ist. Es gibt auch noch Kutschen. Also Gipsy-Kutschen, ein altes Klapperpony und ein Holzverschlag auf vier Rädern, sei es Fahrradräder, Autoreifen oder etwas anderes mit runder Form. Auf dem ganzen Provisorium thront ein Gipsy und ein Berg an Müll, den er den Tag über aus den Müllcontainern der Stadt zusammengesammelt hat und am Abend recyceln wird. Diese Pferde sind erstaunlich, da fährt ein Auto mit 60 km/h zwei Zentimeter von deren Scheuklappe entfernt vorbei und macht auf den Gaul nicht den geringsten Eindruck. Die Gipsypferde sind auch der Grund, dass es nicht nur Straßenkatzen und Straßenhunde, sondern von Zeit zu Zeit auch Straßenpferde gibt, die sind dann nämlich weggelaufen und grasen sich erst einmal alleine durch die Stadt, bis eine andere Familie sie einfängt.

So geht es eben. Und dann noch Bettler und Leute mit Bauchläden und noch andere, die sich auf irgendeine ungeheuerliche Weise im öffentlichen Verkehr bewegen. Im braven Deutschland muss ich nicht mehr als auf zwei Autos gleichzeitig achten, die auch freundlich anhalten, wenn die Ampel für mich grün ist, oder es einen Zebrastreifen gibt. Deutsche Autos warten so oder so für Fußgänger. Hier ist das ganz anders, da wartet alles, was keine Räder hat, auf die Motorisierten, unabhängig von der Ampelfarbe – die Leuchtsignale dienen mehr der Dekoration. Ich also, hoffnungslos überfordert und verloren in diesem Verkehrsdesaster, komme bis zur Mitte der Straße und bleibe dann stehen, wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Gebannt von Straßenkatzen und dem spannenden Straßenalltag bin ich zu beschäftigt, um auf meine Füße zu achten, falle dauernd hin. Den ersten Monat und vielleicht länger hatte mich immer jemand am Arm festgehalten, diese etwas entwürdigend anmutende Hilfe nahm ich gerne an.

Wenn ich also die Todesgefahren des türkischen Alltags durchgestanden habe, komme ich nach Hause. Meine Mutter hat dann schon gekocht, mit ganz wenig Öl (also nur 2-6 EL). Danach gibt es süßen türkischen Kaffee und Schokolade.

Die Wahrheit ist, dass ich von dem ständigen Essen fett werde. Ich hatte in Deutschland keine Waage, und hier habe ich auch keine, aber ein paar meiner Hosen passen mir nicht mehr. Das tut schon weh. Ich habe heute versucht, mir eine neue Hose zu kaufen, war aber so geschockt darüber, nicht in meine alte Größe zu passen, dass ich davon gleich Abstand genommen habe. Das heißt, ich weiß meine Größe nicht, ich probiere die Hosen an, die passend aussehen, das klappt meistens. Aber heute nicht. Ich habe das meiner Mutter erzählt, die wusste gleich Hilfe, sie erzählte mir von einem sehr günstigen Shop, wo ich Markenkleidung mit Mängeln kaufen könnte.

So ist das hier. Ich habe eine bessere Idee, ich werde einfach wieder abnehmen, Ich war immer stolz darauf, Kleidergröße 34-36 tragen zu können, das werde ich sicherlich nicht wegen zu viel türkischer Küche aufgeben. Die Türken um mich herum finden das nicht so schlimm. Eigentlich freut sich meine Umgebung. Ich habe jetzt nämlich in meinem eh schon runden Gesicht noch viel mehr Wange zum Reinkneifen! Einer hat meinen deutschen Spitznamen „Kartoffel“ in „Kartopu“ umgewandelt, was Schneeball heißt. Ich möchte das nicht kommentieren.

5 Gedanken zu „Türkei – von diesem und jenem

  1. hanne

    ein sehr interessanter und amüsanter Bericht aus dem türkischen Alltag! G. und ich haben herzlich gelacht. Wir würden dir auch mal ganz zart in deine Wange kneifen. Täten wir natürlich nicht. Ich freue mich schon auf deine nächste Beobachtung. Hanne

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  2. Kenan Bıçakcıoğlu

    Also , was soll ich sagen, in manchen Punkten hast du recht. Mir gefällts wie gut du dich hier angepasst hast. Bleib immer so wie du bist und schreib weiter.

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    1. Hille Paul Beitragsautor

      Vielen Dank Hocam 🙂

      Anpassung ist gut so lange es Spaß bringt, denke ich. Und so versuche ich es auch zu halten. Ich mag die Leichtigkeit mit der in der Türkei das Leben genommen wird sehr, aber manchmal wird es dann zu leicht und ich freu mich wieder über meine deutschen Wurzeln. Sie wissen sicherlich besser als ich, das die Mischung dieser beiden Kulturen eh das beste Lebensmodel ist 🙂

      Und schreiben, wie könnte ich das aufhören?

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