Erdogans Werdegang

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Foto dpa

 

Recep Tayyip Erdogan soll derzeit der einflussreichste Mann in der Türkei sein. Das ist nicht weiter verwunderlich, da er nun einmal Begründer der AKP ist und seit 2001 Ministerpräsident. Wer also wissen will, wer Erdogan eigentlich ist und woher er kommt, ist hier richtig. Interessant zu wissen, der Ministerpräsident war in vier Parteien, die verboten wurden, weil sie gegen die staatliche Ordnung der Türkei verstießen.

Erdogan kommt aus kleinen Verhältnissen, er hat sich hochgearbeitet von einem Sesamkringel-Verkäufer zu einem ganz Großen, so sagt man gerne über ihn. Man sagt, als Sohn eines Fischers und mit vier anderen Geschwistern im Istanbuler Hafenviertel aufgewachsen, wisse er, wie Armut aussieht.

Er besuchte ein islamisch-orientiertes Gymnasium, danach studierte er in Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften, in dieser Zeit war er Mitglied einer islamistisch-türkischen Untergrund-Organisation. Sehr an Politik interessiert, wurde er Mitglied der MNP (Nationale Ordnungspartei), die frisch im Jahr 1970 gegründet wurde. Ein Jahr später wurde die Partei aber auch schon ein vom Bundesverfassungsgericht wegen „Aktivitäten gegen die laizistische Ordnung“ verboten. Dies geht auf Staatsvater Kemal Atatürk zurück, der die Republik Türkei erst im zwanzigsten Jahrhundert gegründet hatte und hierbei für eine absolute und klare Trennung von Staat und Religion „für immer und alle Zeiten“ festlegte.

Davon wenig verdrossen, wurde gleich 1972 eine Nachfolge-Partei gegründet, die MSP (Nationale Heilspartei). Erdogan machte hier eine eher bescheidene Karriere.  Die Partei hielt sich länger, 1980 gab es allerdings einen Militärputsch, und die MSP wurde, wie alle anderen Parteien auch, verboten. 1983 wurde eine weitere Partei, die RP gegründet, Erdogan wurde in den Vorstand gewählt, 1994 wurde er Istanbuler Bürgermeister.

Übrigens: Seit dieser Zeit wird in städtischen Lokalen kein Alkohol mehr ausgeschenkt (in privaten Gastronomien ist das aber – noch –  erlaubt). Doch auch die RP (Wohlfahrtspartei)  wurde 1998 aus ähnlichen Gründen wie die MNP verboten. Die Partei sei „Brennpunkt anti-laizistischer Aktivitäten“ geworden, so hieß es. Diesmal ein bisschen früher, nämlich schon als das Verfahren gegen die RP 1997 eingeleitet wurde, wurde die FP (Tugendpartei) gegründet. Erdogan war zwar Mitglied, stieg aber 1998 schon aus. Das hatte aber nichts damit zu tun, dass er nicht darauf warten wollte, bis auch die vierte Partei verboten wird: Erdogan wollte eine eigene Partei. Er gründete die AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) im Jahr 2001.

Dass Erdogan ganze drei Jahre gebraucht hat, um diese Partei zu gründen, und nicht wie sonst im Rekordtempo gleiche Politik unter anderem Namen fortsetzte, war nicht dem Umstand geschuldet, dass er vielleicht alt würde oder ihm die Lust ausginge. Nein, Erdogan hatte von 1998 bis 1999 einsitzen müssen. Er hatte nämlich ein Gedicht von Ziya Gökalp in einer seiner Reden auf einer Konferenz zitiert. „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Neben seiner Gefängnisstrafe wurde ihm noch ein lebenslanges Politikverbot auferlegt.

Zeitgleich zur Gründung der AKP 2001 wurde die FP verboten. So konnte Erdogan viele alte Anhänger für sich gewinnen. 2002 schon errang die AKP bei den Parlamentswahlen einen überraschenden Sieg. Erst konnte Erdogan wegen des bestehenden Politikverbotes nicht Ministerpräsident werden, den Platz nahm sein Stellvertreter Abdullah Gül ein. Allerdings gab es 2003 schon eine Verfassungsänderung, so dass das Politikverbot schnell wieder aufgehoben wurde. Und seitdem ist Erdogan bekanntlich Ministerpräsident.

Zuerst einmal war Erdogan, vor allem in den europäischen Ländern, sehr beliebt, er verabschiedete Reformen, die zu der Demokratisierung der Türkei beitrugen, und es kam zu einem enormen Wirtschaftswachstum. Man muss dazu sagen, dass es vor allem den großen Städten gut geht. Auf dem Land und besonders im Osten sieht es zu Teilen noch mittelalterlich aus, und die Armut ist groß.

Nur, dann änderte sich Erdogans Verhalten plötzlich, obwohl so lange ein Modernisierungskurs gefahren wurde. Der Ministerpräsident ließ sich zu immer mehr, zu Teilen skurril anmaßenden Äußerungen hinreißen.

Hier sind nur einige aufgelistet:

Eine Frau sollte mindestens drei Kinder haben.
http://www.focus.de/politik/ausland/muessen-unsere-nation-unterstuetzen-erdogan-fordert-drei-kinder-pro-tuerkin_aid_1066848.html

Kaiserschnitt sollte nur noch in Ausnahmen durchgeführt werden, außerdem ist Abtreibung Mord, und deshalb sollte das nur noch bis zur fünften Schwangerschaftswoche legal sein.
http://www.zeit.de/2012/24/Tuerkei

Gleichgeschlechtliche Wohngemeinschaften sollten verboten werden.
http://www.zeit.de/2013/47/tuerkei-erdogan-studenten-wohngemeinschaft

Alkoholkonsum und -Ausschank sollten massiv eingeschränkt werden.
http://www.tagesschau.de/ausland/alkoholeinschraenkung-tuerkei100.html

Markante Veränderungen des Schulwesens, Umwandlung von einigen staatlichen Schulen zu islamischen, Koranunterricht gestärkt, das Mindestalter wurde hierbei übrigens auf drei Jahre gesenkt, wobei gleichzeitig die Anforderungen an die Religionslehrer oder Imame immer geringer werden. http://www.tagesspiegel.de/politik/tuerkei-proteste-gegen-islamisierung-im-schulwesen/7154674.html

Hier wollte ich einmal skizzieren, welch eine interessante politische Laufbahn Amca (Onkel) Tayyip doch hat. Und von den neusten Ereignissen habt Ihr sicherlich gehört. Das hat allerdings etwas mit Fethullah Gülen zu tun und ist fast noch interessanter als die vier verbotenen Parteien Erdogans. Siehe nächster Artikel, Fortsetzung folgt…

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