Halbzeit in Nordfünen

Der Sand einer Stundenuhr rinnt am Dienstag (11.11.2008) im Niederrheinischen Freilichtmuseum in Grefrath vor einer antiken Uhr durch das Glas. Im Zeichen der Zeit steht eine Ausstellung von Sanduhren im Freilichtmuseum Dorenburg in Grefrath bei Viersen Bis zum 27. November werden in der Sonderschau "Die Zeit verrinnt - Sanduhren Gestern und Heute" etwa 65 Zeitmesser dieser Art gezeigt. Foto: David Ebener dpa/lnw (zu lnw 7160 vom 11.11.2008) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Foto dpa

Halbzeit?! Am Dienstag, 14. Januar, hatte ich Halbzeit zu meiner Abreise aus Dänemark zum YES (Young Europeans Seminar: ein Seminar von YFU für alle Europäer, die in Europa ihr Austauschjahr verbracht haben), und heute ist Halbzeit, bis ich meine Familie wiedersehe.


Die Halbzeit überschritten zu haben ist seltsam. „Ab jetzt wird es weniger.“ Bei diesem Gedanken habe ich mich selbst erwischt und dachte mir dann gleich im nächsten Moment, wie doof ich denn bin, weil es ja schon die ganze Zeit abwärts geht. Aber jetzt kann ich an sich nicht mal mehr sagen, dass man noch mehr Zeit vor sich hat, als schon hinter einem liegt.
Ich weiß noch, wie ich vor gut zwei Monaten versucht habe, eine Freundin zu überzeugen, dass wir auf Dänisch zusammen schreiben sollten, und wir dann einen Deal gemacht haben, dass wir nach der Halbzeit dänisch schreiben. Da erschien es noch so unglaublich weit weg.

Ein kleines Gemütsupdate: Ich weiß nicht recht, ob ich froh oder traurig über die Halbzeit sein soll.
Ich habe zwar ein schönes Jahr hier, habe Freunde gefunden, die über die ganze Welt verteilt leben, eine neue Sprache gelernt (und Stückchen anderer Sprachen gelernt) und einfach eine Menge Eindrücke gesammelt, aber ich habe nicht unbedingt „Das Jahr meines Lebens“, wie ein Auslandsjahr immer gerne genannt wird. Allerdings bereue ich die Entscheidung, ein ATJ zu machen, kein Stück.
Ich bin glücklich hier. Nicht himmelhochjauchzend, aber glücklich. Ich könnte nicht mehr einfach von einem Tag auf den anderen nach Deutschland zurückkehren, ohne dass mir was fehlen würde. Außerdem ist da die Sache mit der Sprache: Ich kann noch einigermaßen Deutsch sprechen (Ich hoffe diese Texte sind nicht zu schlimm 😉 ), aber es kommt mir seltsam vor, in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen. Es geht einfach nicht mehr. Ich sollte einen Vortrag vor meiner Klasse auf Deutsch halten, und ich habe mir einen abgebrochen, ich glaube, da wäre es sogar auf Dänisch noch besser gelaufen. Wenn ich mir jetzt also vorstelle, wie ich in Deutschland in einem Laden stehe und dann deutsch sprechen müsste … gruselig!

Ich bin insgesamt auch ein bisschen dänisch geworden, würde ich sagen:
Ich trage tatsächlich noch farblosere Klamotten, als ich es in Deutschland gemacht habe. In Deutschland war ich schon nicht der farbenfroheste Mensch, aber die jungen Däninnen tragen ausschließlich schwarz. Zumindest habe ich manchmal das Gefühl. Ganz schlimm ist es natürlich nicht, aber manchmal fühle ich mich schon wie ein kleiner Farbklecks, wenn ich meine hellblauen und nicht die schwarzen Jeans anhabe.
Mein Entfernungs- und Stadtgrößengefühl: In Deutschland habe ich einer Kleinstadt gewohnt (mittlerweile würde ich sie eher als Großstadt bezeichnen, aber dazu gleich), wo du 15 Minuten mit dem Fahrrad von einem Ende zum anderen brauchst, und da bist du dann auch nicht rausgekommen, weil sich schon die 20 Minuten Bahn in die nächste größere Stadt wie eine halbe Weltreise angefühlt haben.
Jetzt wohne ich auf Nordfünen… Wir haben hier ca. 500 Einwohner weniger pr. km² als in meiner Heimatstadt, und deine Klassenkameradin kann schon mal 40 km von dir entfernt wohnen.
Meine Strecke zum Sport besteht aus 6 km zur Bushaltestelle radeln, 25 min Bus fahren und dann noch mal 10 min gehen. Das hätte ich in Deutschland nicht gemacht, und hier erscheint es mir mehr als normal.
Zu meinem Stadtgrößengefühl: Zu Hause haben wir unsere 14.000 Einwohner als „könnte definitiv größer sein“ eingestuft. Jetzt würde ich sogar Morud mit seinen ca. 1000 Einwohnern als groß bezeichnen. Ich meine, immerhin fährt der Bus da mehr als stündlich. 😉
Mein Preisempfinden: Dänemark ist teuer. Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber 3 € für 100 gr Gummibärchen sind teuer. Das nur als kleines Beispiel. Der Tipp dazu: Rechnet nicht mehr um! Es tut sowieso nur im Herzen weh…

Nochmal etwas ganz anderes: Wir sind alle keine „Newbies“ mehr, und einige der „Oldies“ sind schon weg.
Ende Dezember sind die Halbjahresstudenten und die, die von Winter bis Winter hier waren, gefahren. Es war echt traurig, weil wir alle eine große Gruppe geworden sind und ich mit einer auch enger befreundet war. Allgemein sind meine „internationalen“ Freundschaften sogar „besser“ als zu den Dänen, weil dieses ganzes Austauschding – in einem Land mit fremder Sprache starten, niemanden kennen, bei wildfremden Menschen einziehen, kleinere und größere Probleme – zusammenschweißt. Wenn ich mir vorstelle, wie traurig es schon war, als die anderen gefahren sind, mag ich mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn auch der ganze Rest im Sommer wieder nach Hause muss.
Am Wochenende haben wir (die Studenten auf Fünen) die neuen Austauschschüler kennengelernt. Die ATS hatten ihr Vorbereitungscamp im YFU-Haus, und wir sind am Samstagabend zum Abendessen eingeladen. Es war interessant, den Vergleich zu sehen zwischen den alten Studenten und den neuen, dänisch unwissenden, Jetlag geplagten, vor nicht mal 24 Stunden angereisten Studenten.

Zu guter Letzt möchte ich euch noch den YouTube-Kanal von Luis, einem Freund aus Mexiko, der auch gerade auf Fünen sein ATJ verbringt, ans Herz legen. Er macht meiner Meinung nach sehr lustige Videos über sein Jahr hier und Dänemark.

http://www.youtube.com/user/LuisCarlos0405