Türkei- Fethullah Gülen, Fluch oder Segen?

Wo ich hier vor einigen Tagen über den einflussreichsten Mann der Türkei geschrieben habe,  Recep Tayyip Erdogan, den Ministerpräsidenten, will ich jetzt über den zweitwichtigsten Mann schreiben. Nicht um ein Ranking der einflussreichsten Persönlichkeiten der Türkei näher zu erläutern, sondern weil Erdogan, die AKP und vor allem die Türkei nicht ohne Gülen denkbar wäre – dabei ist Gülen weder ein Mitglied einer Partei, noch lebt er in der Türkei.

Gülen ist im Jahre 1941 in einer türkischen Provinz geboren worden, als Sohn eines Imans. Er brach die Grundschule ab und genoss danach eine informelle und islamische Ausbildung. 1959 erhielt er die Predigerlizenz. 1966 kam er nach Izmir (die Stadt in der ich lebe), arbeitete hier als Iman und – so sagte er später – definierte hier seine Lebensziele. Er wolle junge Menschen dazu ermuntern „intellektuelle Aufklärung mit weiser Spiritualität und fürsorglichem, menschlichem Handeln zu verbinden.“. In dieser Zeit reiste er viel umher und predigte so ziemlich überall, wo man ihm zuhören wollte.

Er soll über ein großes Charisma verfügen und über ausgesprochen großartige Rhetorik. So rührte er nicht nur sein Publikum zu Tränen, sondern auch sich selbst und hatte bald den Spitznahmen „der weinende Iman“ inne.

 

1981 beendete Gülen seine Arbeit als staatlicher Iman um sich nun ganz der neuen Bewegung zu zuwenden. Er hatte enge Beziehungen zu der Politik und auch Politiker die sich als streng laizistisch verstanden, respektierten ihn. So wurde er bald ein gern gesehener Ehrengast auf politischen Veranstaltung. Denn was alle an Gülens Bewegung so faszinierte, war seine Art, den Koran modern zu lesen. Eines seiner berühmtesten Zitate lautet: „Hört auf Moscheen zu bauen, baut Schulen.“

Um diesen Grundsatz in die Tat umzusetzen, baute Gülen Schulen, erst nur in der Türkei, dann weltweit. Wenn ihr mal ein „Dialog Haus“ seht, ist das eines der Gülen Bewegung. Einer der Wege Gülens mit allen in Frieden zu bleiben, ist nicht den Islam, also den eigentlichen Grund dieser Organisation, sondern Worte wie „Dialog“ oder „Toleranz“ in den Vordergrund zu stellen, eben das, was jeder gerne hört, der sich nach einem aufgeklärten Islam sehnt.

Gülen bemühte sich redlich der Welt zu zeigen, wie ernst er es meine, und arrangierte sogar ein Treffen mit dem Papst Johannes Paul II. um mit ihm darüber zu sprechen, wie man Wissenschaft mit Religion vereinbaren könnte. Kurz und gut, man liebte Gülen. Kritiker waren lediglich von seiner besonders großen Anhänger Zahl erschreckt, die wohl um die zehn Millionen zählt.

1998 wurde die RP verboten (siehe Artikel der Werdegang der Erdogans), man warf Gülen vor er habe sich für die Islamisierung des Landes eingesetzt, begründet war es mit einem inoffiziellen Video, das den Medien zu gespielt wurde. In diesem solle der Iman behauptet haben, man müsse das Spiel der Demokratie mitspielen, bis man die ganze Macht hätte und Gottes Gesetz (die Scharia) einführen könne.

Ob es sich dabei um ein echtes Video handele oder um eine manipulierte Version, war unklar. Fakt ist aber, dass Gülen sich sofort nach Amerika aus „gesundheitlichen Gründen“ zurückzog. Dort blieb er dann auch und hat seitdem sein Heimatsland nicht mehr gesehen. Auch wenn Erdogan die Verfassung so geändert hat, dass das Gericht ihn von allen Vorwürfen freigesprochen hat. Man bekommt Gülen auch nicht mehr zu Gesicht, er gibt selten Interviews.

Aber seine Macht spürt man gut. 2011 versuchte Ahmet Sik darüber ein Buch zu schreiben, „Die Armee des Imans“. Laut ihm sind bereits 80% der türkischen Polizei unter der Kontrolle Gülens. Leider kam es nicht zur offiziellen Veröffentlichung, denn sehr schnell wurde Ahmet Sik verhaftet, unter fadenscheinigen Gründen. Das allerdings sehr viele Richter, Staatsanwälte und eben Polizisten Anhänger Gülens sind, ist kein Geheimnis mehr.

Bisher war das zwar bedrohlich, und vor allem spürbar, wenn jemand es wagte etwas gegen die Regierung zu sagen, also gegen die AKP. Denn mit Erdogan versteht sich Gülen gut, und hat auch maßgeblich dazu beigetragen, dass es der AKP so gut geht, wie es das tat. Man sagt, dass der Pakt zwischen Erdogan und Gülen sei, das Gülen für Wähler sorge und Erdogan die unklaren Geschäfte von Gülen absichert. Denn ein großer Anteil der AKP-Wähler sind eigentlich Gülen-Anhänger.

Außerdem haben beide es geschafft, die Macht des überstarken Militärs einzudämmen und so einen Putsch zu verhindern, einer der Gründe, dass Erdogan noch an der Regierung ist. Zudem wurden die Ergenekon-Ermittlungen eingeleitet (Ergenekon ein angeblicher Verbund von Terroristen die regelmäßig Mordanschläge auf Regierungsmitglieder planen sowie Putschversuche). Es ist nur noch nicht mal erwiesen, dass dieser Terroristen-Club wirklich existiert, Fakt ist nur, dass von Zeit zu Zeit Leute, vorwiegend Journalisten festgenommen werden. Zufälligerweise immer nach dem sie etwas Kritisches gegen die Regierung sagten. (Siehe Artikel Türkei-Mustafa Balbay/Pressefreiheit).

In diesen Bereichen waren also Erdogan und Gülen ein ungeschlagenes Team, mit sehr viel Macht im Polizei und Beamten-Apparat. Nur im Sommer beendete sich diese Freundschaft, denn so sagt man, Erdogan hätte das Gefühl gehabt, nicht mehr auf Gülen angewiesen zu sein, nach der glorreichen 2011er Wahl.

So hatte sich Gülen ungewohnt kritisch zu den Ereignissen in Gazi Park geäußert. Erdogan darauf hin verärgert, kündigte an im kommenden Jahr alle Nachhilfeschulenzentern (Dershane) zu schließen. Diese gehören aber fast alle Gülen und sind seine Haupteinamequelle.

Nach dieser Drohung eskalierte die Situation. Im Dezember 2013 wurde bekannt, dass drei Söhne der wichtigsten Minister in Erdogans Kabinett Millionen an Schwarzgeld in ihren Häusern lagerten, die größtenteils von illegalen Handeln mit dem Iran stammen. Erdogan tauschte daraufhin zehn seiner Minister aus, versetze an die 500 Polizisten, dazu noch Richter und Staatanwälte. Weiterhin hält er aber daran fest, dass es sich hier um eine internationale Verschwörung handle.

Wer jetzt wirklich einflussreicher ist, ist schwer zu sagen. Klar ist aber, das Gülen einen viel gefährlicheren Einfluss nimmt. Denn Erdogan versucht das Volk durch Politik zu beeinflussen, und von Oben zu formen. Gülen hingegen, versucht die Veränderung von unten durchzusetzen und das mit Religion, in diesem Punkt sind Leute nicht für Kritik empfänglich.

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