Türkei – Hoffart leidet Pain

Das türkische Wetter sorgt dafür, dass meine Haare schneller wachsen und sich meiner Meinung nach mindestens verdoppelt, wenn nicht gar verdreifacht haben. Für einen blonden Wuschelkopf ist das super, für die restliche Körperbehaarung eher nicht so.

Ich hatte eine Beinrasur bisher abgelehnt, weil ich es für mich mit meinen blonden Haaren nicht als nötig befand. Wahrscheinlich auch wegen Emanzipation oder so etwas. Ich fand, es sei eine Zeitverschwendung, mich alle zwei Tage mindestens eine halbe Stunde mit der relativ aufwendigen Enthaarung meines Körpers zu beschäftigen.

Aber hier wird man sich seiner weiblichen Stellung mehr bewusst. Das ist nicht unbedingt schlecht, meist eher zum persönlichen Nutzen. Ich bekomme immer einen Stuhl angeboten (von jedem gleichzeitig, das sorgt mitunter für Entscheidungsschwierigkeiten) und das Essen als erste. Ich werde immer nach Hause gebracht, egal wann, von wo und in welcher Situation, und ich friere niemals (dafür die Herren um mich herum, die mir ihre Jacken angeboten haben). Und ich werde in Ruhe gelassen, wenn ich meine Tage habe.

Dieser Komfort, den ich eben nur meinem Geschlecht – und ein wenig meinen blonden Haaren – zu verdanken habe, weckt aber auch das Bedürfnis, sich eben weiblicher zu benehmen. So fühle ich mich haarig nicht mehr ganz so wohl. Und mit Beinen wie von einer mongolischen Bergziege schaute ich mit Sorge dem Thermometer beim Steigen zu, denn eine Rasur schien mir keine gute Lösung.

Dabei geht es mir noch verhältnismäßig gut, die Türkinnen mit ihren schwarzen und kräftigen Haaren haben da mehr zu beklagen. Wie zum Beispiel meine Gastschwester. Aber in der Türkei rasiert man sich nicht, da lässt man waxen. Als nun die Gute einen Besuch beim „Kuaför“ (einer Frisörin, die auch waxt) plante, entschied ich mich für einen weiteren Kulturschock und bat sie kurzerhand, mich mitzunehmen.

Die Nacht verbrachte ich schlaflos. Ich stellte es mir einigermaßen schrecklich vor, mit Hilfe von heißem Wachs sämtliche Haare ausgerissen zubekommen. Um mich zu beruhigen, las ich einige Erlebnisberichte von mutigen Menschen, die sich bereits in den Salon gewagt hatten, und sah eine Reportage über den Enthaarungszwang.

Am nächsten Tag begleitete ich meine Gastschwester zu der Dame, die angeblich die sanftesten Hände ganz Izmirs hat. Dort ließ ich ihr höflich den Vortritt. Während ich nun wartete, vergaß ich eine Kleinigkeit über die türkische Kultur: Wenn jemand sagt, es wird eine halbe Stunde dauern, heißt das nicht, dass es auch stimmt. Statt aufzustehen, etwas Sinnvolles zu tun und nach einer Stunde (oder später) wiederzukommen, blieb ich sitzen und wartete anderthalb Stunden, lauschte dem Ratsch-Ratsch-Geräusch aus dem Hinterzimmer und fragte mich, ob die Friseurin wohl mit einem Pflaster arbeitete, um die Prozedur in die Länge zu ziehen.

Als es nun endlich soweit war und meine Gastschwester, nackt wie eh und je, zurückkam und noch lebte, wies sie mich noch darauf hin, dass sie den Friseurladen gerne noch einmal betreten würde: Ich solle also möglichst leise schreien (Türken finden nämlich, dass Deutsche sehr laut sprechen, reden und lachen und insbesondere laut brüllen).

Die süße Türkin bat mich in ein Hinterzimmer: Es war fünf Quadratmeter groß, mit einer Neon-Leuchte an der Decke, ziemlich viel weißem Licht, einer Liege, wie man sie vom Doktor kennt, Metallregal und Wachstöpfen. Das Wachs war grün, nicht gerade die schönste Farbe, es hätte auch blau sein können, das soll ja bekanntlich eine beruhigende Wirkung haben.

Ich solle mich ausziehen, hieß es, und auf die Liege legen. Alle Berichte, die ich gelesen hatte, hatten eins gemeinsam: Es gab ein Handtuch. Das verdeckt den Intimbereich und wird nur stückchenweise von der Waxing-Lady bewegt. In diesem Raum gab es kein Handtuch – nicht einmal einen Stofffetzen.

Die Friseurin wusste, dass es mein „erstes Mal“ war und redete beruhigend auf mich ein, während ich dort in voller Blöße vor ihr lag. Sie fing mit meinem Schienbein an und das war noch okay, überhaupt waren die Beine in Ordnung. Ich war schon dabei, mich zu entspannen.

Da sagte sie, ich solle mein Bein an die Wand stellen. Und diese Türken sind da auch ganz entspannt dabei: Fröhlich nahm sie zwischen meinen Beinen Platz und fing an drauf los zu waxen. So ein bisher unrasiertes Bein zu waxen ist auch etwas ganz anderes als die Intimzone. Das tut nämlich weh – mir entfuhr ein „Jesus“. Aber als Deutsche erinnerte ich mich daran, dass es nicht zu schreien galt – es ging hier schließlich um die Ehre – und ich biss die Zähne zusammen.

Die Friseurin übersah meine Lage nicht und versuchte, mich zu trösten, indem sie mir die ausgerissenen Haare zeigte. Wollte ich nicht sehen. Ich schloss die Augen und ergab mich meinem selbstgewählten Schicksal und fragte mich, wohin Neugierde und Schönheitswahn einen wohl bringen können. Irgendwann war an mir auch genug ausgerissen, und sie fand wohl keine Haare mehr. Es fühlte sich an, als hätte sie die Haut auch noch entfernt, und ich schaute lieber nicht nach, sondern zog mich sehr schnell an. Ich verabschiedete mich, Küsschen links, Küsschen rechts, die Friseurin schaute mich sehr stolz an.

Es ist schon interessant, dass wir den Türken Prüderie unterstellen. Auf eine Weise stimmt es ja auch, wir sind im Umgang mit Sexualität freimütiger. Trotzdem, ich möchte als Deutsche weder Hilfe beim Anprobieren eines BHs von der Verkäuferin bekommen (http://weltenbummlerblog.kn-online.de/2014/02/03/tuerkei-bh-kaufen/), noch will ich mich mit gespreizten Beinen auf die Pritsche eines Frisörs legen. Wahrscheinlich bin ich nur verklemmt…

Als ich nun eine halbe Stunde später wieder auf meine Gastschwester traf, hatte sich mein Dauergrinsen festgefroren, und mein Kopf leuchtete mit meinen Beinen um die Wette. Ich wurde auf einen Tee eingeladen, ich hatte das Gefühl, ein Geheimnis zu kennen. Ich wusste nun, was die türkischen Frauen und ich erleben müssen, um glatte Beine zu haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.