500 000 Charedim und ich – Großdemonstration der orthodoxen Juden in Jerusalem

Am letzten Sonntag, dem 2. März 2013, fand hier in Jerusalem die größte Demonstration statt, die bisher in meinem Leben erlebt habe. Ungefähr eine halbe Million orthodoxe Juden (Charedim) protestierten gegen die Pläne der Regierung Netanjahu, die vorsehen, dass auch orthodoxe Juden teilweise Wehrdienst oder alternativ einen Zivildienst leisten sollen.

Drei Oberrabbiner hatten zu der Demonstration aufgerufen. Dies reichte aus um rund eine halbe Million Menschen auf die Straße zu bringen. Die Demonstranten kamen nicht nur aus Jerusalem, wo ungefähr die Hälfte der orthodoxen Juden in Israel lebt (In Israel leben rund 800 000 charedische Juden), sondern kamen mit 1700 gemieteten Bussen aus allen Teilen des Landes. Das führte in Jerusalem zu einer Vollsperrung der Interstate 1 zwischen Jerusalem und Tel Aviv und Egged, die größte Busgesellschaft des Landes, stellte temporär ihren Verkehr ein.

Neu für mich war, dass die Charedim bei der Demonstration keine Reden hielten oder Sprechchöre zu hören waren. Anstelle wurden zusammen gebetet und gesungen. Bei dem Gebet „wippen“ orthodoxe Juden mit ihrem Oberkörper, um sich besser auf das Gebet konzentrieren zu können. An der Klagemauer habe ich das schon öfter zu Shabbatbeginn gesehen, aber nur vereinzelt. Hier „wippten“ allerdings mehrere Hunderttausend Menschen gleichmäßig zusammen, was eine sehr feierliche Stimmung erzeugte.

Anlass für die Demonstration ist ein Gesetz, mit dem erstmals Strafmaßnahmen gegen orthodoxe Juden verhängt werden können, die sich weigern zum Wehrdienst anzutreten. Orthodoxe Juden müssen bisher nicht zum Wehrdienst antreten, da bei der Staatsgründung 1948 David Ben Gurion den Orthodoxen Juden eine Sonderregelung gewährte. Damals handelte sich um rund 400 Männer pro Jahr. Aufgrund der wesentlich höheren Geburtenrate der orthodoxen Juden (zwischen 7-10 Kinder pro Generation) im Vergleich zum Rest der Bevölkerung, steigt der prozentuale Anteil in der Bevölkerung immer weiter. Heute stellen Orthodoxe Juden rund 10% der Bevölkerung. Dadurch steigt der Anteil der Wehrdienstverweigerer immer weiter. Die orthodoxen Juden lehnen den Wehrdienst aus religiösen Gründen ab: Sie argumentieren, dass sie bei dem Dienst bei der IDF (Israel Defense Forces) ihre Religion nicht richtig ausführen können: Beispielsweise finden Einsätze am Shabbat statt und die Trennung von Mann und Frau ist bei der Armee nicht in dem Maße vorhanden, wie es nach Meinung der orthodoxen Juden notwendig wäre.

Der Großteil der restlichen Bevölkerung Israels wünscht sich eine bessere Eingliederung in das gesellschaftliche Leben: Dazu gehört die Eingliederung in den Militärdienst. Außerdem arbeiten die Meisten der orthodoxen Juden nicht, um sich besser dem Studium der Heiligen Schriften, wie Talmud und Thora zu widmen. In diesem Fall leben sie von staatlicher Unterstützung in Form von Kindergeld und Sozialhilfe, was zu großem Unmut innerhalb der Bevölkerung führt, da die Lasten für dieses Leben von dem Rest der Bevölkerung getragen werden muss.

Mir hat der Besuch der Demonstration wieder gezeigt, wie vielschichtig die Menschen und damit auch die Probleme untereinander in diesem Land sind. Mir wurde, bevor ich nach Israel ging, gesagt, dass es nicht hilft nach Jerusalem zu gehen, um diese Kultur verstehen zu können, sondern dass man verwirrter wieder kommen würde, als man angereist ist. Langsam merke ich, dass diese Position stimmt und ich realisiere, dass die Eindrücke hier mich immer weiter verwirren, als Klarheit zu schaffen.

Demonstration der orthodoxen Juden in Jerusalem gegen die Wehrpflicht

Demonstration der orthodoxen Juden in Jerusalem gegen die Wehrpflicht

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