Mit „Breaking the Silence“ nach Hebron

Israeli security forces hold a position during clashes with Palestinian stone throwers (unseen) following a protest on April 4, 2014 in the West Bank town of Hebron. AFP PHOTO / HAZEM BADER

Hebron: Israelische Sicherheitskräfte verteidigen ihren Posten gegen palästinensiche Steinewerfer während einer Protestaktion am 4. April 2014. Foto afp

Am letzten Freitag, dem 4. April 2014, bin ich zusammen mit einigen anderen Freiwilligen nach Hebron zu einer Tour von Breaking the Silence gefahren. Ursprünglich wollten wir eine Tour mit dieser Organisation während des politischen Seminars Ende April machen. Leider hat sich aber die Politik der Organisation geändert, auch für kleinere Gruppen eine Tour anzubieten. ( In den letzten Jahren haben die Freiwilligen von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste immer bei dem politischen Seminar eine Tour mit Breaking the Silence gemacht.)

Breaking the Silence (hebräisch שוברים שתיקה, deutsch „Das Schweigen brechen“ ) ist eine israelische Organisation von ehemaligen und teilweise auch aktiven Soldaten der IDF( Israel Defense Forces), die es sich zur Aufgabe gemacht hat, über die Aktivitäten der IDF in der Westbank und im Gaza Streifen zu berichten. Dies erfolgt zum einen über das Aufnehmen von Berichten der Soldaten, die in den besetzten Gebieten stationiert waren und über ihre Zeit und die Strategien der IDF in Form von Interviews berichten. Die Organisation wurde 2004 durch den ehemaligen Soldaten Jehuda Schaul und andere Exsoldaten gegründet, die über ihre Zeit in den besetzten Gebieten hauptsächlich während der zweiten Intifada berichten wollten. Neben den Interviews bietet die Organisation Touren nach Hebron und nach South Hebron Hills an. Ich habe eine Tour nach Hebron mit einem kurzen Abstecher nach Kirjat Arba gemacht.

Am Freitagmorgen fuhren wir vom Treffpunkt mit einem Bus Richtung Hebron. Da noch andere Busse an diesem Tag nach Hebron fahren sollten, diese aber noch auf verspätete Gäste warten mussten, fuhren wir einen kleinen Abstecher über die Kirjat Arba: Das ist eine israelische Siedlung am Stadtrand von Hebron, die 1970 auf dem Gelände einer verlassenen Militärbasis gegründet wurde und heute rund 7500 Einwohner hat. Man unterscheidet die Siedler in zwei große Gruppen. Der wesentliche Teil sind Siedler, die aufgrund von ökonomischen Gründen dort leben. Sie erhalten die Aussicht auf billigen Wohnraum und andere Vergünstigungen und ziehen deshalb in die Siedlungen. In Kirjat Arba leben jedoch größtenteils Siedler, die aus ideologischen oder religiösen Gründen hier leben.

Einer der Siedler war der Arzt Baruch Goldstein. Wir besuchten in Kirjat Arba sein Grab, wo uns unser Guide die Grabinschrift übersetzte. Neben Namen, Geburts- und Todesdatum steht auch die Todesursache auf dem Grabstein. Laut Übersetzung unseres Guides steht dort geschrieben, dass Goldstein durch Palästinenser ermordet wurde. Dies stimmt, allerdings stürmte er zuvor mit einem Sturmgewehr in die Grabstätte von Abraham, Isaak und Jakob und tötete 29 betende Araber und verletzte weitere 150 Menschen. Er wurde dann von Überlebenden mit einem Feuerlöscher erschlagen. Diese Perspektive auf dieses Attentat stellt sehr gut die Position einiger radikaler Siedler und der rechtsextremen jüdischen und inzwischen verbotenen Kach-Partei dar. Diese verteidigten den Angriff als präventive Maßnahme, da ein Anschlag auf die Siedlungen geplant worden sei.

Bei der Weiterfahrt ins Stadtzentrum hielten wir an einer Straße, und unser Guide, der selber von 2007 bis 2010 bei der IDF gedient hatte, davon sieben Monate in Hebron, machte uns auf einen geteerten Weg links von uns über ein Feld aufmerksam. Er erklärte uns, dass dieser Weg von Siedlern gebaut wurde, um von einer Siedlung besser zu einer anderen zu gelangen. Der Weg führte daher quer über ein Feld, das einer palästinensischen Familien gehört hatte, die dies jetzt nur noch eingeschränkt nutzen kann: Wenn sich ein Palästinenser, so erzählte uns der Guide, zu nahe dem Weg bewegt, würden Siedler in der Regel die Sicherheitskräfte (IDF) rufen, da sie den Palästinenser für ein Sicherheitsrisiko halten und beschützt werden wollen. Dadurch ist es für den Bauern, der dieses nun geteilte Feld bestellen möchte, sehr schwer, beide Teile seines Feldes zu bewirtschaften.

Hebron ist seit dem Hebron-Abkommen von 1997 auf Verwaltungsebene in zwei Teile geteilt. Die Zone H1 steht unter palästinensischer Verwaltung und die Zone H2 unter israelischer Verwaltung. Wir haben uns mit der „Breaking the Silence“-Tour nur der Zone H2 aufgehalten. Die dortigen Siedlungen (einzelne Wohnhäuser) sind durch Straßen verbunden, in denen sich Palästinenser nicht aufhalten dürfen. Das Gebiet, das so durch die IDF kontrolliert wird, umfasst nur drei Prozent des Stadtgebietes. Leider hat sich das Leben in der Stadt dadurch sehr verändert.
In diesem Areal wurden seit dem Beginn der zweiten Intifada rund 70 Prozent der Geschäfte geschlossen. Zum einen erfolgte dies auf Anweisung der IDF, zum anderen aus ökonomischen Gründen, da es den meisten Kunden nicht mehr gestattet war, das Geschäft aufzusuchen, da sie dafür durch eine gesperrte Straße gehen müssten.

Unser Guide berichtete uns, wie die IDF in den besetzten Gebieten die Bevölkerung kontrolliert und durch ständiges Präsenzzeigen einschüchtert: Er erzählte, dass er mit weiteren Soldaten nachts Hausdurchsuchungen gemacht habe. Dann kommen sechs schwer bewaffnete Soldaten in die Wohnung einer schlafenden Familie, wecken alle, und einer der Soldaten fängt an, die Familienmitglieder zu befragen, während die anderen systematisch alle Räume durchsuchen. Dies schließt ein, dass Polster, Kissen und Matratzen mit Messern aufgeschlitzt werden, um hineinsehen zu können. Er führte fort, dass man bei der ersten Durchsuchung in der Nacht noch die Schubladen zurück in den Schrank schiebt, hingegen sich bei der fünften oder sechsten Nacht nicht mehr sich die Mühe machen würde, die Schubladen zurückzuräumen, da man selber weder die Energie hat noch die Lust, dies zu tun. Er versuchte nicht, um Entschuldigung zu bitten für das, was er getan hat, wollte aber durch die Ausführung bei uns das Verständnis verbessern, warum er nicht mehr Schubladen zurückgeräumt habe. Wenig Verständnis hatten einige in der Gruppe von uns dafür, dass diese Razzien ausschließlich bei Familien durchgeführt werden, gegen die keine geheimdienstlichen Informationen vorliegen und daher unschuldig sind. Diese Durchsuchungen werden in unregelmäßigen Abständen vielmehr deshalb durchgeführt, um die Unsicherheit der Familien noch weiter zu erhöhen. Weiterhin ist es Praxis, bei heimlichen Durchsuchungen nachts überall in den Räumen Knicklichter zu hinterlassen. Auf Nachfrage sollten wir uns die Situation vorstellen, dass man morgens aufwacht und vor dem Bett, in der Küche, im Badezimmer und im Flur Knicklichter findet, von denen man weiß, dass sie nur von der IDF verwendet werden und einem klar wird, dass nachts Soldaten in der Wohnung waren, während man geschlafen hat.

Manchmal wollen die Siedler einen Ausflug in die Altstadt Hebrons unternehmen. Dazu müssen die Soldaten in zwei verschiedenen Gruppen die Siedler beschützen. Einerseits gibt es eine Gruppe, die mit den Siedlern geht, um vorher die Geschäfte zu „schließen“ und die Straße zu räumen. Die andere Gruppe muss von den Dächern aus die Siedler beschützen. Um auf die Dächer zu kommen, müssen sie durch Wohnungen auf die Dächer klettern und von dort weiter von Dach zu Dach. Dadurch zeigen die Soldaten in einem Bereich Präsenz, der nicht unter Verwaltung liegt, und sorgen dort für Angst und Schrecken, um Menschen zu beschützen, die es darauf anlegen, dass sie angegriffen werden. Unser Guide führte an, dass die IDF im Prinzip immer noch in allen drei Zonen (A, B und C) die vollständige Kontrolle innehat, obwohl sie diese teilweise in den Verträgen von Oslo abgegeben hat.

Auch vor dem Gesetz sind Siedler und Palästinenser nicht gleich: Siedler unterliegen einer zivilen Gerichtsbarkeit – das heißt, sie leben mit den Gesetzen, die für jeden Israeli gelten, und diese werden von der Polizei angewendet. Auf der anderen Seite gilt für die Palästinenser das Militärrecht der IDF. Schon durch die unterschiedliche Gesetzgebung entstehen also in der Regel zwei unterschiedliche Strafen für das gleiche Vergehen. Unser Guide hat uns das an einem Beispiel verdeutlicht: Wenn sich Siedler und Palästinenser gegenseitig mit Steinen bewerfen, dann hat der als Soldat nur die Möglichkeit, gegen die Palästinenser vorzugehen, da er gegenüber den Siedlern keine juristische Handhabe hat. Er muss dann zwei Dinge tun: erstens die Polizei rufen, damit diese gegen die Siedler vorgeht, und dann zweitens damit beginnen, gegen die Palästinenser vorzugehen. Dadurch entsteht bei den Palästinensern das Gefühl, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird, da die Siedler, wenn sie zur Rechenschaft gezogen werden, oft nicht so hart bestraft werden wie die Palästinenser nach Militärrecht. Bis die Polizei eintrifft, hat sich die Situation meistens schon wieder beruhigt.

Da an diesem Freitag insgesamt fünf Gruppen zu je 50 Leuten eine Führung in Hebron hatten, schienen wir als sehr große Gruppe. Unser Guide wollte uns zu zwei Häusern führen. Auf dem Weg dorthin blockierten plötzlich Soldaten die Straße und erklärten das Gebiet hinter ihnen zu einer Militärzone, die uns es unmöglich machte weiterzugehen. Unser Guide beruhigte uns damit, dass dies jedes Mal geschehe, wenn „Breaking the Silence“-Touren in Hebron anbietet, und es „Teil des Spiels“ sei. Wenn bei einer solchen Zone nicht innerhalb einer kurzen Zeit ein schriftliches Dokument, das die Errichtung einer solchen Zone vorschreibt, vorgezeigt werden kann, so ist diese ungültig. Wir konnten unseren Weg zu den beiden Häusern fortsetzen.
Eines davon war auf der linken Straßenseite und war eine Siedlung, und auf der Straßenseite gegenüber wohnte eine palästinensische Familie. Die Familie hatte 1929, als ein großes Massaker an der jüdischen Bevölkerung in Hebron verübt wurde, Juden vor Arabern versteckt und damit Juden geholfen und ihnen das Überleben gesichert.
Trotzdem wird sie heute von den Siedler auf der anderen Straßenseite gehasst und gepeinigt.
Die Türen und Fenster des palästinensischen Hauses sind vollständig und engmaschig vergittert, und an der Tür befindet sich keine Klinke, um so am besten Schutz vor den radikalen Siedlern bieten zu können.
Dies ist ähnlich wie die Grabinschrift von Baruch Goldstein: ein Beispiel für den die engstirnige Perspektive einiger Siedler.

Anschließend führte uns unser Guide zu einem Haus, das die Organisation „Youth against settlements“ beherbergt. Die Mitglieder wollen durch zivilen Ungehorsam und friedlichen Widerstand erreichen, dass sich an der Situation im Besonderen in Hebron und auch allgemein an der Siedlungspolitik etwas ändert. Ein Aktivist erzählte uns, dass das durch Siedlergewalt und die Politik der IDF bis zu 13000 Menschen aus dem Zentrum Hebrons fliehen mussten, damit nun dieses Viertel menschenleer ist und 600 jüdische Siedler nun dort leben können.

Nach der Rückkehr zum Bus und während der Fahrt nach Jerusalem bekamen wir Berichte von den Soldaten ausgeteilt. Ich habe sie am Wochenende mit Interesse gelesen und bin froh, dass ich an der Tour teilgenommen habe. Ich glaube, dass die Berichte und Zusammenhänge unseres Guides glaubhaft sind, da in den Berichten von Hunderten Soldaten über die inzwischen zehn Jahre immer wieder die gleichen Praktiken dargestellt werden. Sie geben einen guten Einblick in die Praktiken der IDF.

Die Tour hat mein Bild von der Siedlerbewegung und dem Verhalten der IDF in der Westbank verändert, und ich habe einen besseren Einblick erhalten. Allerdings bin ich lange genug in der Region, um zu wissen, dass dies keine absolute Wahrheit ist – wie fast nichts hier. Insgesamt war es aber hochinteressant, und ich kann jedem, der hier in der Region ist, die Touren nur weiter empfehlen. Es lohnt sich!

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