Türkei – noch im Bus

Es ist 1.23 Uhr am Morgen, und ich sitze im Bus nach Istanbul, mit meiner Schule. Wir wollen Universitäten besuchen, falls dort jemand studieren möchte. Ich hoffe sehr, dass mein Türkisch ausreicht, um alles zu verstehen. An der Reise reizt mich etwas anderes mehr: Erst einmal muss Istanbul eine unbeschreibliche Stadt sein, oder wie manche sagen, eine ganz eigene Welt. Mich interessiert aber auch, wie eine Stadt tickt, die von der AKP und nicht, wie Izmir, von der CHP regiert wird. Vor allem so kurz nach den Wahlen.

Hundert Leute fahren mit – zwei große Reisebusse. Und in einem sitze ich. Es ist extrem laut, und ich bin schon relativ genervt. Wir werden morgen die Besichtigung beginnen und haben diese Nacht zu schlafen, dabei aber noch acht Stunden Fahrt vor uns. Aber Türken sind ein bisschen mehr im Moment verhaftet, deshalb scheint es jetzt wohl mehr angebracht, Diskomusik über Handyboxen abzuspielen. Naja. Ich bin ein bisschen unglücklich platziert worden, mein Sitznachbar ist beleibt, und es mangelt mir an einem halben Platz. Und irgendjemand neben mir hat sich die Nägel lackiert.
Ich bin also direkt in den Unruhepol hinein umgezogen und verteile böse Blicke. Mit diesen Leuten habe ich noch nie gesprochen, deshalb nutze ich den „Die-kann-ja-türkisch-Effekt“ aus. Seitdem ist die Musik abgeschaltet. Das haben sie gar nicht erwartet. Ich bin sonst doch immer die fröhliche, frische Austauschschülerin. Heute halt nicht. Darüber redet man jetzt auch, und ich genieße es sehr, dass die Lästermäuler denken, ich würde sie nicht verstehen. Tu ich aber doch. Und nach einer Weile tippe ich dem Wortführer auf die Schulter und sage höflich, dass ich ihn sehr wohl verstehe. Das ist meine Rache für die Schlaflosigkeit und den schlechten Remix.

Ich muss mich an den letzten Schulausflug erinnern, der war nach Uludağ. Das ist das Skigebiet der Türkei. (Ja hier kann man auch Ski fahren, mit echtem Schnee auf einem echten Berg.) Es ist nicht besonders aufregend, was die Pisten begrifft, die sind kurz und wenig steil. Deshalb kommen da Leute aus nordischen und Ski erfahrenen Ländern eher nicht hin. Aber dafür Araber. Die wenigsten kommen zum Skifahren. Sie wollen Schnee sehen. Also werden Familienfotos im Schnee gemacht mit Schnee- und Eisbrocken in der Hand. Ich wurde auch einmal in ein Schneebild gebeten, so als echte Skifahrerin. Ich legte meinem Arm um ein kleines Burka-Mädchen und werde wohl in einem arabischen Land als Schneeheldin Teil einer Powerpoint-Präsentation sein.

Ich versuche ja sehr, Muslime zu respektieren. Aber trotzdem machen mir diese vollverschleierten Frauen Angst. Jedenfalls gruselten sie mich. Man weiß einfach nicht, wer dort vor einem steht, wie alt sie ist und was sie wohl fühlt oder denkt.

Egal, ich war mit meiner Schule Skifahren. Und ich begegnete einer sehr türkischen Eigenart, die das Leben hier einfach schöner macht. Als wir auf dem höchsten Berg standen und ich voller Vorfreude gleich den Berg heruntersausen wollte, bemerkte mein Freund, dass er gar nicht Ski fahren konnte. Achso. Aber mal schnell sich eine rote Piste vornehmen. Ich gab also Skiunterricht. Und für eine Abfahrt, für die ich normalerweise fünf Minuten brauche, benötigten wir 90. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie glücklich und stolz ich war, als mein Schüler nur noch alle 20 Meter hinfiel. Aber egal: Sie mochten mich, weil ich den Skiern hinterherjagte, die sich selbstständig machten und die Offshore-Piste hinunter in einem Wald verschwanden.

Naja, gerade mache ich mich unbeliebt, weil um fast drei Uhr morgens zumindest einige gerne schlafen wollen. Die, die laut sind, werden sich morgen insgeheim wünschen, dass sie es gewollt hätten. Ich werde berichten. Wenn es nicht lustig wird, reicht es wenigstens noch für einen bösen Artikel.

Gute Nacht.

Ein Gedanke zu „Türkei – noch im Bus

  1. hanne

    Liebe Hille,Deine Schilderung des „türkischen“ Skifahrens hat mich amüsiert und Dein mulmiges Gefühl den Burkafrauen kann ich gut nachvollziehen. Ich bewundere Dich wegen Deiner Nervebstärke, mit der Du hoffentlich diese stressige Nachtbusfahrt überstanden hast und bin gespannt auf Deine Eindrücke in Istanbul. Mach’s weiter gut. Hanne

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