Türkei – Kopftücher und ich

Ich fahre nicht sonderlich gerne mit der Metro. Ich habe lieber Abstand zu den Menschen um mich herum, eine Armlänge mindestens und außerdem habe ich noch eine empfindliche Nase.

Vielleicht liegt es daran, dass ich deutsch bin und Körperkontakt zu Fremden deshalb generell meide. Oder es liegt einfach an mir, weil ich immer leicht gestresst bin und mich gerne auf eine Sache konzentriere. Ich kann mich nicht in der Menschenmasse treiben lassen.

An diesen Tag aber war ich entspannter, ruhiger vielleicht auch und bekam einen Sitzplatz.In solchen Momenten mag ich es, die Leute zu beobachten. Ich zeichne gerne und schaue mich dann nach interessanten Gesichtern um, die ich dann heimlich fotografiere um sie später abzuzeichnen.

Heute aber blieb mir die Hand an der Tasche, denn das Gesicht, um das es mir ging, wurde verdeckt von drei zusteigenden Frauen. Sie alle trugen schwarze Kopftücher. Schwarz ist eine eher ungewöhnliche Farbe und so fragte ich mich, ob sie wohl von einem traurigen Anlass her kämen. Aber sie lachten. Und das was noch ungewöhnlicher.

Denn normalerweise sehe ich, zumindest in der Metro, keine Frauen mit Kopftuch, die jemals so lachen würden, dass sich ihre Nasen krausen und man ihre Zähne sehen kann. Ich weiß nicht, ob es ungehörig ist, so zu lachen, aber ich sah es zumindest nie.

Sie schienen mir sehr schön und sie waren groß. Die Frau, die ich aus der frontalen Ansicht sah, bückte sich um ein ebenfalls schwarzes und kleines Täschchen aus einer der Einkaufstüten zu holen.

Ihre Kleidung war modisch und sah teuer aus, aber natürlich weit geschnitten. Sie benutzten Make-up und trugen hohe Schuhe. Es fiel mir schwer ein Alter zu bestimmen, denn die Gesichter waren faltenfrei – wie glatt gebügelt – und strahlten. Ich fragte mich, warum sie so glücklich waren und warum sie so sehr lachten. Für einen Moment wollte ich gar aufstehen und sie fragen, aber ich traute mich nicht.

Der Grund für meine Verwunderung war, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass eine Frau mit Kopftuch so sehr gelöst und fröhlich in der Öffentlichkeit sein könnte, wie ich es zum Beispiel bin. Es schien mir nicht möglich.

Für mich war ein Kopftuch, das von einer jungen, schönen Frau getragen wird, das Hindernis zum freien Glück. Ich glaubte nicht, dass ein Mädchen mit Kopftuch so frei lachen könnte in der Öffentlichkeit, sondern nur zu Hause.

Und irgendwie war mir das ja bestätigt worden, von allen kopftuchtragenden Frauen, die ich beobachtet hatte. Ich stellte ich mir manchmal vor, dass diese Mädchen, die traurig oder nachdenklich in der Metro saßen, sicher genau wie ich das Kopftuch als Belastung ansehen und es lieber absetzten würden.

Dabei ist es nicht so, als wäre ich strikt gegen das Kopftuch, wer es tragen möchte, soll es tragen, ich trage ja auch ein Kreuz. Nur denke ich, dass es einen sehr abgrenzt von der kopftuchlosen Gruppe.

 So wird ein Mädchen, das bedeckt ist, schnell als unmodern und nicht emanzipiert eingestuft, was gar nicht zwangsläufig stimmt, zum Beispiel von Leuten wie mir. Ich sah mich um und schaute mir eines der traurig guckenden Mädchen an. Hätte sie ein Kopftuch getragen, würde sie bei mir sofort einen Befreiungs- und Entschleierungsdrang hervorgerufen.

Ich fragte mich, ob die drei Frauen ohne Kopftuch glücklicher wären oder schöner. Nein, wären sie nicht. In diesen Moment, weil sie so sehr lachten, wusste ich:  Am Kopftuch ist nichts auszusetzen. Ich wünschte mir sehr, ich könnte mich mit ihnen unterhalten, aber natürlich stand ich nicht auf.

Da wurde die nächste Haltestelle ausgerufen und sie sie griffen nach ihren Tüten. Es kehrte Ernsthaftigkeit ein, sie wollten sic, bei dem bevorstehenden Gedränge nicht aus den Augen verlieren. Ohne ein Lachen und ohne gekräuselte Nase sahen sie plötzlich sehr normal aus. Nicht außergewöhnlich schön, einfach gewöhnlich. Vielleicht traurig.

 Aber so wirkten sie nur, weil ich das Kopftuch bisher, ungewollt, mit Traurigkeit verband. Ich dachte mir, dass die meisten Frauen, die ich bisher beobachtet hatte, wohl genauso lachen könnten, vielleicht sogar, wenn ich ihnen nur einen Witz erzählt hätte. Ich habe es halt nur noch nicht vorher ausprobiert.

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