Himmlischer Frieden in China

Peking, 28. und 29. März 2014

Trotz der eigentlich unpassenden Jahreszeit weihnachtet es in Peking bereits oder immer noch, zumindest in musikalischer Weise. Während wir in unseren gemütlichen Sesseln versinken, den Cappuccino mit dem eingravierten „Milchschaumherz“ genießen und durch das blitzblanke Panoramafenster amüsiert das hektische Treiben auf der Straße verfolgen, plätschert schon seit geraumer Zeit ein Weihnachtsklassiker nach dem nächsten aus den Boxen.

Nach der englischen Version von „Stille Nacht, heilige Nacht“ scheint die Playlist an ihr jähes Ende gelangt zu sein. Um das direkt im Anschluss beginnende „90er-Best-Of“ nicht auch noch miterleben zu müssen, beschließen wir zu zahlen und treten hinaus auf die Straße.

Meine Eltern und ich sind vor einigen Stunden mit einem „Air China“-Flug aus Frankfurt kommend in Peking gelandet. Der Streik des Bodenpersonals am Rhein-Main-Airport konnte uns glücklicherweise nichts anhaben und auch bei der Einreise und dem anschließenden Transfer in die Stadt ist alles reibungslos verlaufen. Wir haben uns instinktiv richtig entschieden und auf eine Taxifahrt ins Zentrum verzichtet.

Das war nicht nur finanziell ein Vorteil, sondern insbesondere hinsichtlich des zeitlichen Aufwands ein echter Erfolg. Vom Fenster des Airport-Express-Trains, der für chinesische Verhältnisse schon ziemlich in die Jahre gekommen ist, konnten wir auf die verstopften Highways und die zahlreichen im Stau stehenden Taxen blicken. Zusammen mit dem hervorragenden Cappuccino und der weihnachtlichen Musikbeschallung, die uns hier in Peking noch einige Male begegnen wird, ist es also ein Einstand nach Maß.

Grafitti im Dongcheng Distrikt, Peking

Grafitti im Dongcheng Distrikt, Peking

Die restliche Zeit bis zum Abendessen und der Ankunft meiner Schwester Marthe, die sich von Taipeh aus auf den Weg nach Peking gemacht hat, verbringen meine Eltern und ich mit der Erkundung des Viertels, in dem unser Guesthouse liegt. Unsere Unterkunft ist einfach ausgestattet aber dafür zentral gelegen inmitten des Dongcheng Distrikts im Herzen der Altstadt. Was früher im vormodernen China eine Augenweide von höchster kultureller Güte gewesen sein muss, gleicht heute in Teilen eher einem Slum oder wurde bereits dem Erboden gleich gemacht.

Innerhalb der vergangenen 15 Jahre wurden in Peking ganze Viertel eingeebnet, um Platz zu schaffen für zehnspurige Schnellstraßen, neue Geschäftsviertel oder gigantische Hochhauskomplexe. Die Olympiade von 2008 hatte diese Entwicklung zwischenzeitlich gar noch zusätzlich beschleunigt. Seitdem wurde das Tempo allerdings auch wieder spürbar gedrosselt, wie uns eine junge Frau in unserem Hotel versichert. Trotzdem wirkt Peking auf den Neuankömmling immer noch wie eine einzige monströse Baustelle, die alle paar Monate ihr Gesicht zu wechseln scheint.

Baustelle in Peking

Baustelle in Peking

Nach der Ankunft von Marthe verbringen wir nun die Abendstunden in der Nanluogu Xiang, einer belebten Straße, in der auch unsere Herberge gelegen ist. Es ist eigentlich eher eine Gasse voll von Fast-Food-Länden und Souvenirshops, in der rund um die Uhr der Teufel los ist. Westliche Touristen sieht man vergleichsweise selten, was sicherlich auch daran liegt, dass sie in der schieren Masse an zumeist jugendlichen Chinesen schlichtweg untergehen.

Unsere Wahl fürs Abendessen fällt auf ein westlich geprägtes Restaurant mit Dachterrasse, nachdem die Suche nach einem authentischen chinesischen Etablissement auf dieser Ecke erfolglos geblieben ist. Auch wenn es letztlich kein einziges chinesisches Gericht auf der Speisekarte gibt, so ist doch zumindest das bestellte Thai-Curry durchaus bekömmlich und würzig im Geschmack. Die Aussicht von der Dachterrasse im zweiten Stock entschädigt zusätzlich für die wenig einfallsreiche Speisekarte. Der Weg zurück zum Hostel ist noch beschwerlicher als der Hinweg, da inzwischen der Nachtmarkt begonnen hat und das Gedränge somit ungeahnte Ausmaße annimmt. Die Freude auf einige Stunden erholsamen Schlaf ist dafür im Anschluss umso größer.

Der neue Tag beginnt mit einem vorweggenommenen Höhepunkt. Gemeint ist nicht das Frühstück, das englisch, mittelmäßig und umsonst ist, sondern die Übergabe unserer Zugtickets für den Transfer in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang am heutigen Abend. Herr Chae, wie der Abgesandte der nordkoreanischen Tourismusagentur den Unterlagen nach zu urteilen heißt, macht sich zu diesem Zweck sogar extra den Aufwand, direkt zu uns ins Hotel zu kommen.

Wie nicht anders zu erwarten, ist er überaus pünktlich, als sich um kurz vor 10 Uhr die Eingangstür öffnet und ein schlanker Mann mit Sonnenbrille, kariertem Anzug und Lackschuhen die Lobby betritt. Er begrüßt uns zielstrebig mit einem weichen Lächeln und einem noch weicheren Händedruck und kommt dann ohne langes Zögern zum Geschäft. Er erklärt zügig und dennoch ausführlich in wenigen Sätzen die Daten auf dem Ticket, beantwortet knapp einige Fragen und verschwindet dann ebenso schnell wie er gekommen ist. Unserer Zugfahrt auf die koreanische Halbinsel steht nun nichts mehr im Wege.

Die verbleibenden Stunden bis zur Abreise möchten wir natürlich möglichst effizient nutzen und begeben uns nach dem Check out zur Bushaltestelle, um zum Tian’anmen-Platz zu fahren. Die ersten zwei Haltestellen geht es zügig voran, dann kommt der Verkehrsfluss abrupt ins Stocken. 20 Minuten vergehen, ohne dass wir wesentliche Geländegewinne erzielen können. Schließlich entscheiden wir uns dazu, auszusteigen und es zu Fuß weiter zu versuchen. Auf diese Weise kommen wir zwar zunächst endlich voran, aber die verbleibende Entfernung haben wir gelinde gesagt unterschätzt.

Als wir in der inzwischen einsetzenden Mittagshitze endlich das Wahrzeichen Pekings erreichen, bietet sich uns ein wahrhaftig beeindruckendes Bild. Wie Ameisen bewegen sich zehntausende Menschen über die gigantische Fläche, die von drei ebenso monumentalen Gebäuden eingerahmt wird. Die Eingänge zum Platz werden spätestens seit dem missglückten Anschlag von mutmaßlich uigurischen Islamisten im Oktober 2013 streng bewacht. Die Nervosität der Sicherheitskräfte zeigt sich nicht nur an der beispiellosen Dichte an Kameras sowie uniformierten Polizei- und Armeeeinheiten, sondern auch an den zusätzlich installierten Sicherheitsschleusen mit Metalldetektoren und Röntgen-Maschinen.

Bei den Kontrollen an sich lässt sich jedoch beobachten, dass die Verantwortlichen ganz offensichtlich mit zweierlei Maß messen. Während Han-Chinesen und westliche Touristen entweder gar nicht oder allenfalls halbherzig überprüft werden, müssen alle Personen mit dunkler Hautfarbe (in der Regel Mongolen oder Uiguren, teilweise auch Tibeter) eine deutlich schärfere Leibesvisitation über sich ergehen lassen. Um den „Himmlischen Frieden“ auf dem gleichnamigen Platz und im Rest des Riesenreiches zu erhalten, ist den Spitzen von Partei und Militär jedes probate Mittel recht. Es bleibt abzuwarten, wie lange diese Strategie noch aufgehen wird.

Denn die eigentlichen Ursachen der vermehrten Unruhen und Terroranschläge im ganzen Land liegen gerade in den zahlreichen Diskriminierungen der ethnischen und religiösen Minderheiten begründet. Die Sicherheitsmaßnahmen können daher allenfalls kurzfristig die Symptome bekämpfen. Für eine langfristig nachhaltige Lösung der Probleme sind sie hingegen ungeeignet.

Kameras auf dem Tian'anmen-Platz

Kameras auf dem Tian’anmen-Platz

Während im Westen beim Stichwort „Tian’anmen-Platz“ reflexhaft der Bogen zur blutigen Niederschlagung der Studentenproteste im Jahr 1989 geschlagen wird, war und ist dieser Ort für die Chinesen das Herz des neuen China. Die Kommunisten ließen hier direkt vor dem Südtor (Oder: Tor des Himmelsfriedens = Tian’anmen) der Verbotenen Stadt und damit sinnbildlich vor den Augen der verstorbenen Kaiser das bombastische Zentrum des sozialistischen China entstehen. Flankiert von der Halle des Volkes, wo der Volkskongress (das sogenannte chinesische Parlament) tagt, und dem Nationalmuseum, wurde damit das alte Machtzentrum aus der Kaiserzeit, das exklusiv dem kaiserlichen Hofe vorbehalten war, dem Volk gewidmet.

Das diese „Großzügigkeit“ durchaus Grenzen hat, ist spätestens 1989 jedem schmerzlich bewusst geworden. Der Genosse Mao Zedong, der einbalsamiert in einem nicht gerade sehenswerten Zweckbau an der Südseite des Platzes seine letzte Ruhe gefunden hat, blickt jedoch nach wie vor mit wachem Blick vom Tian’anmen hinab auf sein Volk. Das kann sich inzwischen die Reise in die Hauptstadt immer öfter auch finanziell leisten und fotografiert munter, mit iPad und Smartphone bewaffnet, zurück.

Touristengruppe in der Verbotenen Stadt

Touristengruppe in der Verbotenen Stadt

Auch wir würdigen den „Großen Steuermann“ mit einem Schnappschuss für die Urlaubsgalerie, ehe wir uns in den reißenden Menschenstrom stürzen und uns durch das Tor des Himmelsfriedens treiben lassen. Um den gewaltigen Menschenmassen Herr werden zu können, gilt in der Verbotenen Stadt, der ehemaligen Residenz der chinesischen Kaiser, strikter Einbahnstraßen-Verkehr von Süd nach Nord. Bei den Pekinger Tourismus-Planern hätten die Verantwortlichen im Duisburger Ordnungsamt inklusive McFit-Boss Schaller und (Ex-)Oberbürgermeister Sauerland sicherlich noch einiges lernen können.

Peking scheint durch den alltäglichen Besucherwahnsinn auf jeden Fall bestens vorbereitet zu sein, um etwaige größere Techno-Events jederzeit ausrichten zu können. Bis es soweit ist, wird ohne die wummernden Bässe gedrängelt und gedrückt. Obwohl wir zwischen den abertausenden chinesischen Touristen kaum zu lokalisieren sind, schaffen es die geschäftstüchtigen Tourenguides immer wieder uns aufzuspüren, um uns ihre englischsprachigen Palastrundgänge anzupreisen. Da in jedem Reiseführer vor dieser Sorte Nettigkeit gewarnt wird, ziehen wir einen Rundgang auf eigene Faust vor. Für unseren Kurzbesuch ist das auch vollkommen ausreichend.

Ein ausführlicher Rundgang ist allenfalls am frühen Morgen ratsam, wenn man, ohne latente Platzangst haben zu müssen, frei in seinen Bewegungen ist. Das ist uns diesmal leider nicht gegönnt und so kämpfen wir uns mit zunehmenden Schwierigkeiten durch die immer enger werdenden Tore bis zum nördlichen Ausgang. Dort angekommen, bahnen wir uns unseren Weg aus dem Gedränge, vorbei an den mit bunten Mützen ausgestatteten Reisegruppen und zahlreichen Straßenhändlern. Ein Genuss war dieser Ausflug für uns wahrlich nicht und ein Gang auf den berühmten Kohlehügel im Norden des Palastkomplexes kommt uns angesichts von vergleichbaren Zuständen dort nicht in den Sinn. Der frühe Vogel ist in Peking eindeutig im Vorteil.

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Lasse Kroll

Über Lasse Kroll

Ich bin gebürtiger Kieler, 25 Jahre alt und studiere seit 2008 in Lüneburg. Nach meinem erfolgreich absolvierten Bachelorstudium in BWL und Politikwissenschaften stehe ich nun kurz vor meinem Masterabschluss in Staatswissenschaften. Reisen ist eine große Leidenschaft von mir und ich war bereits mehrmals für einen längeren Zeitraum im Ausland. 2012 habe ich eine Reise um die Welt unternommen, die ich ebenfalls via Blog und später in Form eines Taschenbuchs in Text und Bild dokumentiert habe. Darüber hinaus liegen mir kulturelle Veranstaltungen sehr am Herzen, sodass ich in Lüneburg das lunatic Festival betreut und in Kiel den MUDDI Markt zur Kieler Woche ins Leben gerufen habe. Über Fragen und Anregungen zu meinen Beiträgen freue ich mich jederzeit.

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