Abgekoppelt auf dem Weg nach Pjöngjang

Im Zug von Peking nach Pjöngjang, 29. und 30. März 2014

Die Chinesen sind überaus abergläubisch. Dieses Empfinden geht soweit, dass die Zahl 13 im öffentlichen Leben praktisch nicht existiert in China. Ist es also ein Wink des Schicksals, dass wir ausgerechnet in Waggon Nummer 13 von Peking in Richtung nordkoreanischer Grenze fahren?

Bevor wir dieser Frage auf den Grund gehen können, gilt es jedoch die Sicherheitskontrollen am Einganz zum Hauptbahnhof zu passieren. Beginnen tut der Reigen durch die Absperrungen in vorgelagerten Schleusen vor dem Haupteingang, an deren Ende man sein Bahnticket vorzuzeigen hat. Meine Mutter sucht im Übereifer auch gleich noch ihren Reisepass heraus, was eine knappe Minute vereinnahmt und den Polizisten am Schalter angesichts der Hundertschaften in der Schlange nur zu einer gequälten Handbewegung als Aufforderung zum Weitergehen veranlasst.

Im Anschluss kommt der klassische Sicherheitscheck, wie wir ihn von jedem internationalen Flughafen und inzwischen auch aus jeder Metrostation in Peking gewohnt sind. Mit dem Unterschied, dass der Metalldetektor einen ohrenbetäubenden Piep-Ton in Dauerfrequenz abgibt, weil fünf bis zehn Leute jeweils gleichzeitig durch den schmalen Durchgang drängen und niemand auch nur einen Metallgegenstand ablegt. Die Durchleuchtung der Gepäckstücke dient auch nur der großen Show, sodass wir uns nach dem ganzen Prozedere genauso sicher fühlen wie zuvor.

Wie die Attentäter von Kunming vor einigen Wochen mit ihren Messern ungehindert auf den dortigen Bahnhof gelangen und ein Blutbad anrichten konnten, scheint dafür nun umso klarer zu sein. Sicherheit ist eben ein „Supergrundrecht“, wie schon unser ehemalige Innenminister, inzwischen Agrarminister a.D., Hans-Peter Friedrich zu sagen pflegte. Die Chinesen sehen das ganz sicher ähnlich.

Die Suche nach dem richtigen Gleis ist in Rekordzeit abgeschlossen, was durch die Tatsache begünstig wird, dass die Chinesen ebenfalls das arabische Zahlensystem nutzen. Gewartet werden kann allerdings nicht auf dem Bahnsteig, da dieser erst zum „Boarding“ geöffnet wird. Wir warten also stattdessen noch eine Weile im zentralen Mittelgang, bis meine Mutter schließlich bemerkt, dass sich spontan das Gleis geändert hat. Statt Bahnsteig zwei ist es nun die Nummer sieben und nach einer erneuten Kontrolle unserer Zugtickets können wir nun endlich hinunter zum Zug. Dieser hat 15 Wagen insgesamt, wobei jeder feinsäuberlich und gut sichtbar durchnummeriert ist. Die Nummer 13 ist nicht dabei. Nach Wagen zwölf folgt direkt die Nummer 14, sodass sich Ratlosigkeit bei uns breit macht.

Wir zeigen dem chinesischen Schaffner, der vor Wagen 12 steht, unser Ticket. Dieser verdreht nur die Augen und zeigt auf das Ende des Zuges. Und tatsächlich stehen am Ende desselbigen noch zwei weitere olive-grün gestrichene Waggons, die sich in ihrer Erscheinungsform deutlich von den weiß-blauen Waggons davor unterscheiden.

Der erste der beiden Wagen trägt klein und verdeckt die Nummer 13 und als wir näher kommen, tritt ein Mann in gebügelter Uniform vor die Tür. Leicht irritiert blickt er zunächst auf uns und dann auf unsere Tickets. „Where are you from?“ fragt er in gebrochenem Englisch und mit harschem Ton. „Germany“ antworte ich leicht verunsichert, was ihm kein Begriff zu sein scheint. „Deutschland“ schicke ich reflexhaft nach. „AAAAAHHHH, DEUTSCHLAND!“ Sofort hellt sich sein Gesicht auf und es bricht fast so etwas wie Euphorie auf dem Bahnsteig aus. Wie aus dem Nichts erscheinen zwei weitere uniformierte Männer, mustern uns mit einem Lächeln und das Wort „Deutschland“ ist in aller Munde. Ohne weitere Fragen werden wir zu unserem Abteil geleitet und können unser Gepäck ablegen.

Der Zug wirkt im Innern wie ein deutscher Schlafwagen und unser Abteil ist auf den ersten Blick recht sauber und ordentlich. Während wir gespannt auf die Abfahrt des Zuges warten, bemerken wir endlich, dass die letzten beiden Wagen ausschließlich Nordkoreanern vorbehalten sind. Auch die drei Schaffner, die uns so herzlich in Empfang genommen und direkt im Abteil neben uns Quartier bezogen haben, sind Angestellte der nordkoreanischen Staatsbahn. Da wir anscheinend die letzten noch fehlenden Passagiere waren, sind die drei inzwischen zum „informellen Teil“ ihrer Arbeit übergegangen. Sie entledigen sich ihrer Uniformen und beginnen im Unterhemd und mit Zigarette im Mund mit dem Verstauen von Unmegen an Paketen und Taschen.

Als Stauraum dient neben ihrem eigenen Abteil, das in Minutenschnelle bis unter die Decke gefüllt ist, auch der Gang sowie einer von zwei Toilettenräumen, der im Anschluss an das Verstauen der Pakete in feinster „Tetris-Manier“ denn auch folgerichtig „außer Betrieb“ ist. Der Zug hat sich währenddessen langsam in Bewegung gesetzt und rollt gemächlich aus der Halle des Pekinger Hauptbahnhofs heraus. Vor den Fenstern zieht die Gigantomanie der chinesischen Hauptstadt in der Dämmerung an uns vorbei, die Errungenschaften der vergangenen 25 Jahre: zwölfspurige, mit zehntausenden Autos verstopfte Schnellstraßen, 40-stöckige Wohnblocks, glitzernde Hochhausfassaden und endlose Industriekomplexe.

Unsere Schaffner haben mittlerweile jeden Quadratzentimeter des Zuges mit ihren Besorgungen belegt und einer von ihnen kommt zurück in unser Abteil. Sein Blick fällt auf die Ablagefläche unter unseren Betten und seinen englischen Wortfetzen ist zu entnehmen, dass er dort noch zwei Pakete unterbringen möchte. Gesagt, getan. Die hektische Betriebsamkeit im Schaffnerabteil neigt sich nun allmählich ihrem Ende zu. Stattdessen werden die ersten Flaschen Bier geöffnet und Zigarette nach Zigarette geraucht. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden und wir erreichen unsere erste Station Tianjin.

Hunderte von Menschen bevölkern auf einen Schlag den zuvor gähnend leeren Bahnsteig und steigen in die Wagen des chinesischen Zugabschnitts. Bei uns bleibt dagegen alles ruhig, nur der Zigarettenqualm der Schaffner wabert durch den menschenleeren Gang.

Nordkoreanische Diesellokomotive

Nordkoreanische Diesellokomotive

Nachdem der Zug wieder angefahren ist, beschließen wir, es mit einem Abendessen im Speisewagen zu probieren. Dieser befindet sich in Wagen zehn, sodass wir durch drei chinesische Waggons hindurch müssen. Die Versuch endet allerdings schon am Ende unseres Ganges, denn die Türen sind verriegelt. Einer der drei Schaffner ist sofort zur Stelle, immer noch im Unterhemd gekleidet und schließt uns die Tür auf. Schwieriger ist der zweite Schritt: Auch die Chinesen haben ihre Tür abgeschlossen und auch nach minutenlangem Klopfen unseres koreanischen Komplizen ist kein chinesischer Kollege in Sicht. Kurz bevor wir aufgeben, wird die Tür schließlich doch noch geöffnet und wir erhalten Zutritt. Doch der Blick in den Gang zwingt uns schnell zur Rückkehr. Er ist wie der Rest des chinesischen Zugabschnitts derart überfüllt, dass an ein Durchkommen bis zum Speisewagen nicht zu denken ist.

Die Rückkehr ins Abteil ist die deutlich bessere Wahl und als alternatives Dinner bekommen wir im Vorbeigehen vier große Flaschen Bier aus dem Schaffner-Abteil gereicht. Auch eingeschweißte Saté-Spieße werden uns angeboten, die wir allerdings höflich ablehnen. Wir revanchieren uns mit drei Packungen Marlboro-Zigaretten, die reißenden Absatz finden, obwohl sie aus dem Land des Klassenfeindes stammen. Bei Zigaretten hört bekanntlich die große Politik auf und die Völkerverständigung beginnt, weshalb unsere Taschen vorsorglich gut gefüllt sind mit Devisen der besonderen Art. Als das Feierabendbier schließlich geleert ist, beziehen wir unsere Kojen und dösen langsam ein.

Nach einer mehr oder minder geruhsamen Nacht werden wir in der Früh von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Wir befinden uns – der Landschaft nach zu urteilen – mittlerweile in der Mandschurei im Nordosten Chinas. Die Gegend ist karg und öde, die Felder und Dörfer entlang der Bahntrasse sind alle in denselben tristen braunen Farbton getaucht. Viele Häuser sind verfallen oder unvollendet, die Flussläufe und Straßen sind von Müll übersäht. Einzig die vielen Solarthermie-Anlagen auf den Dächern und einige neuere SUV’s auf den Landstraßen zeugen vom Fortschritt der vergangenen drei Dekaden.

Dieser erste Eindruck relativiert sich allerdings bei der Ankunft in der Grenzstadt Dandong. Nicht nur der neue, derzeit noch im Bau befindliche Bahnhof, sondern das gesamte Stadtbild muten durchaus modern an. Die chinesischen Grenzbeamte sammeln unsere Pässe ein und es beginnt eine dreistündige Rangierfahrt durch den Bahnhof von Dandong und die angrenzenden Gleisanlagen. Es wird an- und wieder abgekoppelt, mal ist die Lok vorne, mal ist sie hinten, es geht 500 Meter in die eine Richtung und anschließend wieder 500 Meter in die andere. Immer, wenn wir einen der zahlreichen Bahnsteige passieren und kurze Zeit zum Stehen kommen, verlassen die Schaffner zusammen mit gut einem Dutzend anderer Koreaner den Zug und verschwinden in der Bahnhofshalle. Einige Minuten später kehren sie vollbepackt in den Waggon zurück und laden ihre Errungenschaften im Gang ab.

Das Schauspiel wiederholt sich unzählige Male, bis wir nahezu jedes der zehn Gleise des Bahnhofs einmal befahren haben und der Gang des Waggons nicht mehr passierbar ist. Die chinesischen Waggons wurden in der Zwischenzeit durch weitere koreanische ersetzt, wenigstens etwas. Schließlich bekommen wir unsere Pässe zurück und der Zug setzt ein weiteres Mal zur Abfahrt an. Dieses Mal mit Erfolg.

Ein letzter strenger Gruß des chinesischen Soldaten am Bahndamm erinnert uns daran, dass es nun ernst wird. Im Schritttempo holpert der Zug auf die „Freundschaftsbrücke“, die über den Yalu hinüber nach Nordkorea führt. Der Name könnte besser nicht gewählt sein und beinhaltet einiges an Symbolik. Denn die Freundschaft zwischen den beiden sozialistischen Bruderstaaten ist wie die Brücke selbst schon ziemlich in die Jahre gekommen. Auch wenn einige Kilometer entfernt derzeit eine neue, moderne Hängebrücke entsteht, tun die Chinesen ansonsten allenfalls das Nötigste, um den missliebigen Nachbarn als „Pufferstaat“ zu Amerikas Verbündetem im Süden vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Das Kim-Regime hat durch das international in Szene gesetzte Atomprogramm auch in Peking inzwischen viele Sympathien verspielt.

Die weiße Skyline von Dandong entfernt sich derweil unaufhaltsam in Zeitlupe aus unseren Augenwinkeln. Einige hundert Meter entfernt endet eine weitere, parallel verlaufende Brücke in der Mitte des Flusses. Sie wurde im Korea-Krieg von den Amerikanern zerstört und im Anschluss nie wieder aufgebaut. Heute dient sie zusammen mit den Bootsfahrten auf dem Yalu entlang der Grenze als größte Touristenattraktion von Dandong und als Ausguck nach Nordkorea. Unsere Passage dauert eine gefühlte Ewigkeit. Letztlich erreicht der Zug doch noch das koreanische Ufer, passiert eine MG-Stellung sowie einen zur Salzsäule erstarrten koreanischen Wachsoldaten und kommt in einer Industriebrache, die wohl gleichzeitig der Grenzbahnhof sein soll, zum stehen.

"Aussichtspunkt" von Dandong hinüber nach Nordkorea

„Aussichtspunkt“ von Dandong hinüber nach Nordkorea

Man ist vorbereitet. Keine 30 Sekunden vergehen, bis der erste Soldat in unserer Tür steht und freundlich, aber bestimmt unsere Pässe verlangt. Es folgen weitere Beamte in unterschiedlichsten Uniformen. Wir legen unseren mitgebrachten Lesestoff zur Kontrolle vor, wobei ein Buch über Nordkorea „zur genaueren Überprüfung vorübergehend mitgenommen werden müsse“. Es ist ein dezenter Hinweis an uns, dass wir dieses Buch niemals wiedersehen werden. Mein Handy, immerhin mit GPS ausgestattet, interessiert hingegen wider Erwarten niemanden. Wir machen uns im Gegenteil anscheinend eher verdächtig damit, dass wir ansonsten keinerlei Elektronik mit uns führen. Als wir die Frage des Beamten nach unserem iPad verneinen müssen, ist dieser sichtlich irritiert. Die chinesischen Touristen, die inzwischen zu Zehntausenden ins Land einreisen und dabei mit jeglichem Elektroequipment ausgestattet sind, haben schon merklich zur Aufweichung der vormals äußerst strikten Zollbestimmungen beigetragen.

Draußen vor dem Fenster ist indessen der „kleine Grenzverkehr“ in Schwung gekommen, auch dies ein Zeichen der vorsichtigen Öffnung des Landes. Auf dem Bahnsteig wird getauscht und gehandelt, wie auf dem Basar und der Gang vor unserem Abteil beginnt sich zu leeren. Hohe Parteifunktionäre und jeder, der es sich leisten kann, lässt sich hier mit allerlei Konsumgütern aus China versorgen, um den spartanischen Alltag zu Hause ein wenig aufzumöbeln. Der Handel ist offiziell natürlich strengstens limitiert, was aber offensichtlich niemanden hier ernsthaft zu besorgen scheint. Die gesamte Prozedur dauert deutlich weniger lang als in China und nach 45 Minuten setzt sich der Zug bereits wieder in Bewegung. Nun sind wir also abgekoppelt vom Weltgeschehen, nächste Station: Pjöngjang.

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Lasse Kroll

Über Lasse Kroll

Ich bin gebürtiger Kieler, 25 Jahre alt und studiere seit 2008 in Lüneburg. Nach meinem erfolgreich absolvierten Bachelorstudium in BWL und Politikwissenschaften stehe ich nun kurz vor meinem Masterabschluss in Staatswissenschaften. Reisen ist eine große Leidenschaft von mir und ich war bereits mehrmals für einen längeren Zeitraum im Ausland. 2012 habe ich eine Reise um die Welt unternommen, die ich ebenfalls via Blog und später in Form eines Taschenbuchs in Text und Bild dokumentiert habe. Darüber hinaus liegen mir kulturelle Veranstaltungen sehr am Herzen, sodass ich in Lüneburg das lunatic Festival betreut und in Kiel den MUDDI Markt zur Kieler Woche ins Leben gerufen habe. Über Fragen und Anregungen zu meinen Beiträgen freue ich mich jederzeit.

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