Fiktive Realität in Pjöngjang

Pjöngjang, 31. März 2014

Es ist noch früh. Fast kein Laut dringt zu uns herauf, nur dumpfe und verschwommene Klänge. Verschwommen ist auch die Sicht von hier oben. Ob Nebel oder Smog, ich weiß es nicht. Genauer gesagt, ich weiß eigentlich nichts über dieses Land und seine Menschen, über Pjöngjang.

Über das Hotel in dem wir wohnen und aus dessen 40. Stock ich nun hinausblicke auf die geheimnisvolle, aus dem Morgendunst aufsteigende Silhouette am Taedong-Fluss. Die Umrisse der Skyline kommen mir merkwürdig vertraut vor, fast so als wäre ich schon einmal hier gewesen. Es fühlt sich an wie Fiktion, wie ein Traum, als würde ich noch ein paar Schritte entfernt in meinem Hotelbett liegen und schlafen. Aber ich bin aufgestanden, hellwach und der Blick hinaus aus dem Fenster ist Realität.

Pyramidendunststyle

In Deutschland liest man fast täglich etwas über Nordkorea, man meint alle Details bereits zu kennen. Kein anderes Land von vergleichbarer Größe, mit der Ausnahme von Israel, ist so präsent in der medialen Berichterstattung. Alle Medien mischen mit, von der anspruchsvollen Tageszeitung, über das Fernsehen bis hin zur Illustrierten. Aber der tatsächliche Informationsgehalt tendiert oftmals gegen Null. Es sind meistens immer die gleichen eintönigen Berichte, die es allzu oft noch nicht einmal in den Politikteil der Nachrichten schaffen, sondern allenfalls in der Rubrik „Panorama“ landen.

Es wird über den „Steinzeitkommunismus“ schwadroniert, ohne dass die Autoren diesen Begriff anhand von gesicherten Informationen mit Inhalt füllen könnten. Es wird über Kim Jong-Uns „Undercut“ und seine Fettleibigkeit geschrieben, über Machtintrigen innerhalb des Führungszirkels und ein neues Skigebiet.

Es wird gemutmaßt, spekuliert und sich lustig gemacht, manchmal gewürzt mit einer Prise Mitleid. Aus welchem anderen Land würde man über vergleichbare Belanglosigkeiten berichten und dazu noch in dieser Frequenz? Komplettiert wird das Ganze von dem immer gleichen mehr oder minder lächerlichen Bildmaterial. Die Quellen dieser „Nachrichten“ sind wahlweise der südkoreanische Geheimdienst, das nordkoreanische Staatsfernsehen oder amerikanische Satellitenaufnahmen. Alle drei Quellen haben gemeinsam, dass sie hochgradig interessengesteuert Informationen verbreiten und für eine objektive Berichterstattung somit unbrauchbar sind. Für einen Lückenfüller ist Nordkorea trotzdem immer gut, und die Medien sind dankbare Abnehmer von jedem noch so kleinen „Informations-Strohhalm“, der ihnen hingehalten wird.

Die Tageszeitung „Die Welt“ hatte sogar eine Zeit lang regelmäßig die Rubrik „Kim guckt“ abgedruckt, in der über Kim Jong-ils „Inspektionen“ in allerlei Betrieben und staatlichen Einrichtungen berichtet wurde. Ein beliebiges Foto von Kim und seiner Entourage wurde dabei von einem vier- bis fünfzeiligen Text ergänzt, der zwar keine Informationen, dafür aber viel zwanghaften Witz enthielt. Es war zugegebenermaßen großer Journalismus. Auch wenn diese Art von Berichterstattung für die westliche Leserschaft amüsant sein mag, und selbstverständlich auch ich viele Beiträge mit einem Schmunzeln gelesen habe und in Zukunft voraussichtlich weiter lesen werde, so wird sie dem Land doch nicht gerecht. Denn auf diese Weise wird ein ganzes Volk auf seine skurile Führung reduziert.

Die eigentlich Leidtragenden dieser verniedlicht dargestellten, aber leider überaus realen Misswirtschaft und Armut im Land, nämlich die Menschen in Nordkorea, sind für die westlichen Medien dagegen weitestgehend unsichtbar. Sie werden damit doppelt bestraft: zum einen durch die Existenz des verbrecherischen Regimes, zum anderen durch das internationale Desinteresse an den wahren Begebenheiten im Land. Die ausführliche Darstellung des jüngsten UN-Berichts, der schonungslos die Gräueltaten in den nordkoreanischen Lagern darstellte, war eine der seltenen Ausnahmen. Ein paar Tage später wurde dann mit der Nachricht (erschienen auf Spiegel Online), dass Kim Jong-Un die Rechte am britischen TV-Format „Teletubbies“ für das Programm des nordkoreanischen Staatsfernsehens erwerben möchte, wieder das gewohnte Niveau erreicht.

Im Frühstücksraum herrscht schon rege Betriebsamkeit, mehr als wir erwartet hatten. Es ist wie schon am Vorabend bei unserem ersten Abendessen nach unserer Ankunft in Pjöngjang eine chinesische Reisegruppe, die Leben in den ansonsten eher sterilen Saal bringt. Das koreanische Personal tritt dezent im Hintergrund auf und das Frühstücksbuffet besteht aus einer guten Mischung aus westlichen und koreanischen Speisen. Nach einigen Minuten erscheint auch unser Reiseleiter Herr Kim am Tisch, um mit uns den Tag zu planen.

Heute ist insbesondere eine ausgedehnte Stadtrundfahrt durch die Hauptstadt geplant mit der Besichtigung einer ganzen Reihe von Sehenswürdigkeiten. Neben Herrn Kim begleitet uns ein zweiter Reiseleiter, dessen Funktion wir während der gesamten Reise nicht abschließend begreifen werden. Mutmaßlich dient diese Doppelung der gegenseitigen Kontrolle der Reiseleiter untereinander in den Gesprächen mit uns, aber diese Annahme ist rein spekulativ. Der jugendlich wirkende Herr Koo, der ungefähr in meinem Alter ist, hatte uns gestern am Bahnhof empfangen und dabei sogleich einen sehr zuvorkommenden Eindruck gemacht.

Anschließend hatte allerdings der deutlich ältere und erfahrenere Herr Kim zügig das Heft des Handelns in die Hand genommen. Er hatte uns erst am Bus begrüßt und sich uns zunächst mit „Herr Reiseleiter“ vorgestellt. Wie sich später noch herausstellen wird, hat Herr Kim noch eine ganze Reihe weiterer Wortschöpfungen im Angebot, die teilweise überaus amüsant sind. Darüber hinaus wird er sich als kompetenter und entspannter Begleiter entpuppen, was nicht unbedingt zu erwarten gewesen ist. Der Bus wird uns im Übrigen die gesamte Woche lang samt Fahrer zur Verfügung stehen.

Unternehmungen außerhalb der Hotels ohne Begleitung sind uns, wie allen anderen ausländischen Touristen auch, nicht gestattet. Die offizielle Sprachregelung, die Herr Kim beim Abendessen zur Begründung anführte, kann als kreativ bezeichnet werden und brachte uns innerlich zum Schmunzeln. Die Begleitung sei demnach allein zu unserer Sicherheit unerlässlich, da wir auf der Straße für Amerikaner gehalten werden könnten und auf diese würden einige nordkoreanische Bürger mitunter aggressiv reagieren.

In Wahrheit sollen natürlich eher die nordkoreanischen Bürger vor uns „geschützt“ werden. Während unserer Reise sind wir wo wir auch hinkamen überaus herzlich empfangen worden, und die Menschen auf der Straße haben uns teilweise zugewunken, per Kopfnicken gegrüßt oder sogar einige Worte mit uns gewechselt, wenn es die Sprachbarriere zugelassen hat. Vielleicht sehen wir aber auch schlicht zu unamerikanisch aus.

Nachdem das Frühstück beendet ist, brechen wir ohne lange Verzögerungen in die Stadt auf. Es ist inzwischen 8.30 Uhr und die Straßen sind voll von Menschen. Der Verkehr, der nicht nur aus Fußgängern und Fahrradfahrern, sondern auch aus einer Vielzahl von Autos, Bussen und Straßenbahnen besteht, ist nicht weniger dicht als in manch deutscher Stadt, was durch die breiten Straßen allerdings nicht sofort auffällt. Die Autos sind fast ausnahmslos neuere Modelle und die Vielzahl an unterschiedlichen Marken ist beachtlich. Auch wenn chinesische Hersteller im Straßenbild dominieren, so sind auch viele deutsche, japanische und sogar einige amerikanische Wagen unterwegs.

Die Nordkoreaner haben inzwischen mit chinesischer und südkoreanischer Hilfe darüber hinaus eine eigene Autoproduktion aufgebaut, die ausgerechnet unter der Marke „Frieden“ vertrieben wird. Mehr als die reine Montage im Inland ist bisher anscheinend noch nicht dabei herausgekommen, denn die „Frieden“-Modelle entsprechen zumindest äußerlich bis ins kleinste Detail den baugleichen Vorbild-Modellen aus den Nachbarländern. Aber vielleicht ist damit zumindest die Basis für eine eigene Modellentwicklung gelegt. Das gleiche gilt auch für Busse und Straßenbahnen, die in der Mehrzahl – gelinde gesagt – etwas in die Jahre gekommen und chronisch überlastet sind. Aber auch hier sind schon einige neue Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs, die wohl aus den Fabriken in den Sonderwirtschaftszonen an der chinesischen und südkoreanischen Grenze stammen.

Schließlich beende ich meine Gedankengänge und wende meinen Blick wieder Herrn Kim zu, der bereits mit den einführenden Worten zu unserer ersten Station begonnen hat. Wie nicht anders zu erwarten war, führt uns dieser erste Stopp auf den zentral in der Stadt gelegenen Mansu-Hügel, auf dessen Gipfel die überlebensgroßen Statuen des ewigen Präsidenten Kim Il-sung und neuerdings auch seines verstorbenen Sohnes Kim Jong-il zum staatlich verordneten Gedenken thronen. Die Bezeichnung „ewiger Präsident“ für den Genossen Kim Il-sung ist übrigens wörtlich zu nehmen, denn offiziell ist er auch zwanzig Jahre nach seinem Tod das Staatsoberhaupt von Nordkorea.

Nach dem Aussteigen aus dem Bus einige Straßenzüge entfernt, werden wir höflich dazu aufgefordert, für fünf Euro einen Blumenstrauß bei einer Händlerin am Fuße des Berges zu erstehen. Danach schlendern wir die breite Asphaltstraße hinauf zur monumentalen Gedenkstätte. Mehrere Gruppen Koreaner, allesamt festlich gekleidet und mit Blumen in den Händen, stehen auf dem weiten Platz und warten auf das Zeichen, zu den beiden riesigen Bronze-Kims vortreten zu dürfen. Unter den misstrauischen Blicken von einigen dunkel gekleideten Männern, die ohne Unterlass über das Gelände schleichen und alles genauestens im Blick haben, verschafft uns Herr Kim den Vortritt und das Prozedere beginnt.

Nachdem das Blumenmeer zu Füßen von Vater und Sohn Kim um unseren Blumenstrauß angewachsen ist, stellen wir uns in einer Reihe auf und verneigen uns auf Kommando leicht nach vorne. Die Zeremonie ist uns zutiefst zuwider und Herr Kim spürt das augenscheinlich. Schon nach wenigen Sekunden fordert er uns zum Gehen auf und wir treten zurück auf den Vorplatz. Es liegt eine gewisse Anspannung in der Luft, als wir umringt vom Wachpersonal in Zivil noch einige Fotos machen dürfen. Meinen Pullover der Limonaden-Manufaktur Lemonaid+ in grellem Mintgrün mit der als provokant zu interpretierenden Aufschrift „Trinken hilft!“ kann ich dabei selbst beim Foto anbehalten, was ich nicht erwartet hatte. Die Huldigungen der Koreaner, die uns zuvor den Vortritt gelassen hatten, sind da im Hintergrund bereits voll im Gange und fallen, wenig überraschend, deutlich emotionaler aus, als unser Besuch. Für uns geht es hingegen zurück zum Bus.

Mansustyle

In der Folge werden eine ganze Reihe von Gebäuden und Plätzen angesteuert, die an Gigantomanie nicht zu überbieten sind. Nirgendwo sonst auf der Welt sind wohl die Auswüchse sozialistischer Architektur in einer vergleichbaren Totalität und Perfektion zu erleben wie in Pjöngjang. Und ganz gleich ob man diesem Baustil etwas abgewinnen kann oder nicht, man wird in seinen Bann gezogen, womit er seinen wohlkalkulierten Zweck bereits erfüllt hat. Zuerst halten wir am Kim Il-Sung-Platz, einer riesigen betonierten Freifläche im Zentrum der Stadt, auf der das Regime in berechenbarer Regelmäßgkeit monströse Paraden abhält und die neuesten militärischen Errungenschaften spazieren fährt. Der Boden ist übersät von weißen Punkten und Markierungen, die als Grundlage für die jeweils aktuelle Paradeformation dienen und dem Heer an Menschen, in aller Regel Armeeangehörige, eine Orientierungshilfe bieten.

Kim-Il-Sung-Platz im Zentrum von Pjöngjang

Kim-Il-Sung-Platz im Zentrum von Pjöngjang

Überragt wird der ohnehin schon beeindruckende Platz von einer nicht minder eindrucksvollen Halle, die zur Abwechslung in traditionellem koreanischen Stil erbaut wurde und somit sogar durchaus ansehnlich erscheint. Sie beherbergt die größte Bibliothek des Landes und ist jedem Koreaner über 17 Jahren frei zugänglich. Eine Vielzahl der 30 Millionen Bücher im Bestand wurde naturgemäß von Kim Il-sung oder Kim Jong-il höchstpersönlich verfasst und in nahezu alle Sprachen der Welt übersetzt. Die junge Angestellte, die uns durch die langen Gänge führt, versäumt es natürlich nicht, uns ein deutsches Exemplar von Kim Il-sungs „Erinnerungen an die Revolution“ vorzulegen, in dem der „Große Führer“ über seinen Kampf gegen die japanischen Besatzer siniert.

Darüber hinaus kann die Bibliothek einige veraltete deutsche Sachbücher zu Haus- und Nutztieren, Naturkunde und sogar dem Microsoft-Programm Windows 95 ihr Eigen nennen. Alle Exemplare werden von dem angeblich vollautomatischen Buchtransportsystem in Windeseile aus den Tiefen des Katalogs geholt und uns zur Durchsicht empfohlen. Diese Episode der Bibliotheksführung ist in der Tat so lächerlich, dass sie eine Eilmeldung auf Spiegel Online wert wäre. Viel interessanter und aufschlussreicher ist das, was folgt.

In einem kleineren Hörsaal der Bibliothek bekommen wir die Möglichkeit, mit den Studenten eines Deutschsprachkurses zu sprechen. Die etwa 20 Männer und zwei Frauen studieren in der Mehrzahl Medizin und bereiten sich auf ihr Auslandsstudium in Deutschland vor. Ihr Professor ist sichtlich stolz, als wir den Raum betreten und er uns kurz vorstellt. Und auch die Studierenden können es kaum erwarten, mit uns ins Gespräch zu kommen. Ohne Umschweife beginnt eine wilde Fragerunde quer durch alle gesellschaftlichen Themenfelder. Sogar einige Fragen zum politischen System in Deutschland werden mir gestellt, nachdem ich durchblicken lies, dass ich unter anderem Politikwissenschaften studiert habe.

Man merkt keinem in der Runde an, dass es erst der zweite Monat des Sprachkurses ist, zu gut sind die Sprachkenntnisse bereits. Auch von einer Reglementierung der Gesprächsinhalte kann keine Rede sein. Der einzige Wehmutstropfen ist, dass unser Gespräch bereits nach rund zwanzig Minuten zu einem Ende kommt und wir uns von allen verabschieden müssen. Dies ist umso bedauerndswerter, da keiner der Anwesenden den Eindruck erweckte, in besonderer Art und Weise ideologisch verblendet zu sein. Vielmehr haben wir mit ehrlich begeisterten und interessierten jungen Menschen gesprochen, die sich danach sehnen, die Welt kennenzulernen. Man kann nur hoffen, dass sie bald über ihr Auslandsstudium hinaus die Möglichkeit dazu erhalten werden. Für uns hat sich allein aufgrund dieser 20 Minuten unsere Reise schon gelohnt.

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Lasse Kroll

Über Lasse Kroll

Ich bin gebürtiger Kieler, 25 Jahre alt und studiere seit 2008 in Lüneburg. Nach meinem erfolgreich absolvierten Bachelorstudium in BWL und Politikwissenschaften stehe ich nun kurz vor meinem Masterabschluss in Staatswissenschaften. Reisen ist eine große Leidenschaft von mir und ich war bereits mehrmals für einen längeren Zeitraum im Ausland. 2012 habe ich eine Reise um die Welt unternommen, die ich ebenfalls via Blog und später in Form eines Taschenbuchs in Text und Bild dokumentiert habe. Darüber hinaus liegen mir kulturelle Veranstaltungen sehr am Herzen, sodass ich in Lüneburg das lunatic Festival betreut und in Kiel den MUDDI Markt zur Kieler Woche ins Leben gerufen habe. Über Fragen und Anregungen zu meinen Beiträgen freue ich mich jederzeit.

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