Heimat in der Fremde?

Heimat muss ein Ort sein. Glaube ich. Das Elternhaus vielleicht, der Wald der Kindheit, die Laube im Garten, der Dachboden oder die Vorratskammer. Vielleicht ist es aber auch ein kleiner Ort, der in etwas Unsichtbaren liegt, in einem Gefühl zum Beispiel.

Oder in einer Bewegung, in einem Geruch, einem bestimmten Anblick. Und Heimat ist das, was „Zuhause“ bedeutet, dort wo man sich wohlfühlt. Denn weder Zuhause noch Heimat bedeutet Herkunft. Es meint einfach nur den Ort, wo man glücklich ist, und vielleicht ein wenig wehmütig, weil man an Altes denkt. Vielleicht ist es auch der Sammelpunkt aller Erinnerungen, oder gar der Ausgangspunkt von allem was wir tun. Oder immer das Ende.

Denn jede Reise endet damit, nach Hause zurückzukehren. Und natürlich ist dieses Zuhause nicht immer das Elternhaus, und auch nicht immer der Ort von wo aus wir unsere Reise begonnen haben. Es kann irgendetwas sein, etwas völlig neues, dass wir als den Ort definieren, wo wir uns wohlfühlen und ruhig, wo wir dieses merkwürdige Heimatsgefühl spüren. Dort kommen wir an.
Für mich ist Heimat noch etwas. Das wehmütige Überbleibsel vom Loslassen. Wir lassen nicht gerne Altes los, Schönes. Denn wer weiß, ob es jemals wieder so werden darf und kann, wie es jetzt ist? Und während wir das fragen, wissen wir, dass es das nie wieder wird. Denn das Leben verläuft in Abschnitten, manchmal sind die Abschnitte flüssig – und langsam und wir merken es erst später. Dann denken wir an Altes zurück und erinnern uns an die schöne Zeit. Kindheit. Es ist schwer, dass genaue Ende seiner Kindheit zu bestimmen. Aber irgendwann hört es auf, dass ist klar.

Für mich ist Kindheit ein Ort, zu dem ich manchmal wünschte, zurückkehren zu können. Aber das geht natürlich nicht. Trotzdem, wenn man sich doch noch einmal in einen Sandkasten setzt, mit hochhackigen Schuhen auf Omas Apfelbaum klettert oder beim Aufräumen alte Zeichnungen wiederfindet, dann lässt einen das lächeln und man kehrt zu Altem zurück. Weil Heimat die eigenen Wurzeln sind, das Vertrauteste.

Ich glaube, Heimat ist für mich ein windiger Ort, wo die Luft nach Salz und Meer riecht und die Haut klebrig wird nach einiger Zeit, mit vielen Wolken und viel Ebene. Eine sanfte Hügellandschaft oder Dünen. Weil meine Eltern getrennt und relativ viel beschäftigt sind, war ich an verschiedenen Orten zu Hause. An manchen bin ich es immer noch, manche haben die Bedeutung für mich verloren, oder es gibt sie schlicht nicht mehr. Das war keine schlechte Kindheit, vielleicht nur ein wenig haltlos.

Die schönsten Stunden habe ich am Meer verbracht, mit Herbststürmen gemeinsam und im Wald, an zugefrorenen Seen. Auf dem Wasser, versteckt zwischen weißen Segeltücher, mit dicken Bäuchen, aufgepustet vom Wind. Obwohl Wind und Wellen nun eigentlich alles andere als zuverlässig sind, schien mir nichts vertrauenswürdiger als ein Boot.

Eine kleine Welt, wo alles eine feste Ordnung hat und die Taue und Klampen, das Steuer und die Polster in einem Jahr noch am gleichen Ort sein würden. Und der Geruch von Segelbooten ist immer gleich. Auf Segelbooten schlief ich immer am tiefsten. Einmal als unser Schiff in einem Sturm fast zwischen den schwedischen Scheren zerbrach, war die Schaukelei für mich nur eine Wiege. Vielleicht war es nun eben diese Verlässlichkeit eines Schiffes, immer die gleichen Geräusche, das gleiche Knacken und immer die gleiche Art zurück in die Wellen zu fallen. Und das Wissen das es überall auf der Welt gleich sein würde.

Wir reisten viel und in jedem Hafen singen die Nächte gleich. Als ich noch sehr klein war, segelten wir in die Türkei. Ich war überrascht, dass in dem Land, das mir so unendlich weit weg schien, die Segelboote und Hafen gleich waren, gleich war ich Zuhause. Jetzt, wo sich meine Zeit hier zum Ende neigt, beschäftigt mich die Frage, wo ich zu Hause bin, sehr und wie viel vom Loslassen bleiben wird. Wie viel ich überhaupt loslassen kann.

Vielleicht ist der Unterschied zwischen der türkischen Kultur und der Deutschen nicht besonders groß, es scheint zumindestens so. Aber die Leute sind sehr verschieden. Wo ich älter geworden bin, habe ich aufgehört mich sonderlich für bestimmte und bekannte Orte zu interessieren. Ich glaube, das ist ein großer Unterschied zwischen Kind- und Erwachsensein. Als Kind machte ich es von einem bestimmten Kissen oder Wandmustern oder bekannten Essen abhängig, ob ich mich zu Hause fühlte oder nicht. Als Kind ist das wichtig.

Jeder hat oder hatte solche Gegenstände, und das ist es was das Heimatgefühl prägt, die Erinnerung an die Heimat der Kindheit. Daran erinnert man sich, wenn einen bestimmten Geruch, ein bestimmter Geschmack und oft eine Berührung. Und dann, wenn die Kindheit vorbei ist, beginnt man neu zu definieren, wo man lebt.

Für mich sind es zwei Dinge geworden, wer weiß ob sich das noch einmal ändert. Der Geruch von Papier und Farbe – und Menschen. Das erste ist wie ein Segelboot, Ölfarbe riecht überall gleich und Pinsel machen immer das gleiche Geräusch. Aber Leute, die sind überall verschieden. Und das ist dann doch wieder ortsabhängiges. Sobald etwas von einem Ort abhängig ist, steckt darin die Gefahr von Heimweh. Ich hatte als Kind nie Heimweh. Meine Mutter hatte ich nie vermisst, weil ich wusste, dass sie schon zurückkommt, oder dass ich zurückkomme. Und die Leute, die dann um mich waren, waren sich alle ähnlich und hatten etwas Vertrautes an sich. Das mag Kultur sein. Es war mir also noch vertraut genug um mich zuhause zu fühlen.

Hier in der Türkei vermisse ich die deutsche Disziplin und Härte. Vielleicht liegt es an Wetter, dass die Leute mehr Spaß am Nörgeln finden. Die Menschen sind insgesamt entspannter, deshalb sehr weich. Mir erscheint es oft als disziplinlos und schwach. Vielleicht ist es hier mehr nach dem Motto: „leben und leben lassen“, denn wenn man selber nicht immer alles so macht, wie angekündigt und versprochen, dann erwartet man es auch nicht von anderen.

Außerdem weiß ich selber, wie verlockend es ist, sich zu beschweren. Und immer wenn ich denn Mund aufmache, um mich wirklich auszuheulen, höre ich meine Mutter sagen: „nun reiß dich mal zusammen“ und dann sagt wahrscheinlich mein Vater: „das kann ja keiner aushalten“ und dann bin in gleich wieder still und beiße die Zähne zusammen.

Als ich noch in Deutschland lebte, wusste ich diese Härte nicht besonders zu schätzen. Mittlerweile ist es aber eines der von mir am meisten vermissten Dinge. Ein Satz wie: „erst die Pflicht, dann die Kür“, wurde mir hier zur Herzensangelegenheit, genauso wie „Arbeitsamkeit“ und „Ausdauer“. Dass es nun gerade in der Türkei dazu kommt, mag eben am Heimweh liegen. Vielleicht an der Wehmut des Loslassens, denn ich müsste meine alte Kultur loslassen, um mir eine neue vertraut zu machen. Aber das fällt schwer, weil man, sobald einem etwas unangenehm oder fremd vorkommt, sich an die „gute, alte Zeit“ erinnert. Und solange es dann eben möglich ist, lässt man doch nicht los.

Trotzdem weiß ich aber, dass nach meiner Rückkehr mir deutsche Ordnung und Disziplin doch nicht mehr so heilig vorkommen wird, und ich mir meine türkische Vergangenheit mit goldenen Pinseln malen werde. Und wieder werden es die Menschen sein, die ich vermisse, einen ganz bestimmten, kulturell bedingten Charakterzug. Auch wenn vielleicht nörgelig und schwierig, sind sie doch in einem Punkt gleich. Begeistert von Menschen, die noch ein Platz im Herzen übrig hat. Jedes Mal ist es für mich wieder ein Wunder, wie Türken mit einer gewissen Leichtgläubigkeit und natürlichen Zutraulichkeit mir alle Türen öffnen. Zu ihrem Haus und Herzen. Und wenn sie könnten, würden sie die Tür auch gleich wieder hinter mir zu machen, dass ich bloß nicht wieder gehen kann. Das werde ich vermissen, wahrscheinlich immer, von allen Menschen so bedingungslos und einfach geliebt zu werden.

Als wir vor Jahren in der Türkei waren, mit dem Schiff, da schenkte mir ein alter Mann am Hafen eine große Muschel mit einer Kordel. Ich kannte ihn nicht und mir war es ganz und gar unverständlich, solch ein wertvolles Geschenk zu bekommen. Mit großen Augen nahm ich sie entgegen und legte es an einen besonderen Ort. Ich habe die Muschel immer noch, früher war es eine schöne Erinnerung, ein wenig magisch. Die Magie hat die Muschel verloren, denn mittlerweile weiß ich ja, wie gewöhnlich solche Geschenke hier sind. Aber dafür wohnt in ihr jetzt ein kleines Stückchen Heimat.

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