Türkei – und plötzlich weg

Jetzt ist es vorbei, denke ich, während ich vor dem Ege-Park auf den Bus warte. Es ist vier Uhr am Morgen und nicht so kalt wie ich dachte. Ich sitze auf meinem Koffer und versichere mich wieder, ob wirklich alle meine drei Taschen da sind, Reisepass, lieber noch einmal nach gucken. Ich habe hier schon mal gesessen, fällt mir ein, und ich muss lächeln.

Zwei Minuten entfernt habe ich gelebt, vielleicht die ersten sechs Wochen, mit meiner ersten türkischen Familie. Und in diesem Einkaufzentrum habe ich gleich am ersten Tag einen Kaffee getrunken – und nach dieser Erfahrung nur noch Tee.

Der Bus kommt und ich suche mir einen Platz. Seltsam, denke ich, dass ich gerade hier mit meiner Heimreise beginne. Der Bus fährt an und am Wasser entlang. Hier ist der Lebensmittelpunkt der meisten, vor allem im Sommer. Graue Pflastersteine, das schönste Meer, das jeden Tag seine Farbe ändert und die Silhouetten der Berge von der anderen Seite. Und Gras. Ein breiter Streifen, der die Ruhe des Meeres und der Fischer von der hektischen Stadt trennt.

Jeder sitzt dort, oft nach der Schule kam ich hier mit meinen Freunden her und wir lagen im Gras und schauten in den Himmel. Denn: Ja, der Himmel in der Türkei ist aufregender als in Deutschland, zumindest in Izmir. Mehr Farben und mehr Wolken, mehr Licht und mehr Wasser und jeden Abend, fast jeden, ein Sonnenuntergang, der zwischen den Bergen beginnt und im Wasser endet.

Ich sehe das Café, in dem ich meinen ersten türkischen Kaffee getrunken habe. Das erste Mal überhaupt, das ich mich mit einem Mitschüler traf. Dann der Turm einer Moschee von dem es fünf Mal am Tag singt. Ich mochte die Gesänge gerne, es erinnerte mich an meinen Gott und ans Beten und irgendwie war es auch tröstlich darum zu wissen, dass immer einer mit der Vorbereitung des nächsten Gebetes, zumindest mit dem Dienst an Gott, beschäftigt ist.

Erst jetzt bemerke ich die Ruhe im Bus, obwohl er voll mit Menschen ist. Vielleicht ist es der Uhrzeit geschuldet. Aber ich erschrecke, vielleicht ist es das erste Mal in der Türkei, dass ich zusammen mit anderen bin und es ruhig ist. So ruhig, dass noch nicht mal einer telefoniert. An der Küste ist fast kein Mensch, nur die paar Fischer, die es immer gibt.

Ein Sportplatz und daneben einer der vielen kleinen Bäume, die zum Schattenspenden gedacht sind. Wenn wir nachts draußen waren, brachte mich immer mein bester Freund nach Hause. Meist setzten wir uns unter diesen Baum und redeten über den Tag und was sonst noch alles so kommen könnte. Denn mein zweites Zuhause war unweit weg von diesen Baum.

Und etwas weiter hinten eine Gruppe von Tischen, solche mit festgeschraubten Bänken. Dort haben wir kleine Geburtstage gefeiert – oder ganz ohne Anlasseinfach irgendwas gefeiert.

Etwas dahinter liegt auch schon der Fährbootanleger. Davor der Platz und erst jetzt bemerke ich, dass ich gar nicht weiß, wie er heißt. Es ist ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass ich dort vor drei Tagen noch gesessen habe – und jetzt für lange Zeit dort nicht mehr sitzen werde.

Später kommen wir zu einer Einkaufsstraße und zu einem zweiten Fährbootanleger. Ich denke an die Bushaltestelle und wie ich dort zwei Wochen jeden Tag stand, weil ich keine dritte Familie gefunden hatte und erst einmal bei einer Freiwilligen von AFS lebte.

In Buca ganz auf der anderen Seite der Stadt, ein bis zwei Stunden entfernt, je nach Verkehrsdichte. Dort, wo zwar eine Universität ist, aber das Zusammenleben mit den Nachbarn doch ein bisschen anders ist, als ich es von meiner Türkei gewöhnt war und viel mehr so, wie wir uns die Türkei vorstellen. Türken teilen sich gerne mit und reden gerne über Vertrauliches mit Menschen, die ihnen nett erscheinen.

Natürlich sind nicht alle so, aber je ländlicher es wird, desto mehr trifft man davon. Vor allem in Buca. Weil die Frauen mein Gesicht so gerne mochten, hielten sie mich am Arm fest, wenn ich zum Einkaufen ging oder von der Bushaltestelle kam und erzählten mir von allem Möglichen, oft auch von Politik.

Meistens dachten sie, ich sei Türkin, weil es wohl keine Ausländerin nach Buca verschlagen würde, aber meine blonden Haare strahlen etwas Westliches und Modernes aus, so wusste ich schon nach einer Woche über die politische Gesinnung aller Frauen die mir beim Einkaufen begegneten, Bescheid.

Buca war eine schöne Zeit, weil ich mit immer mehr Verwunderung auf eine, mir bis dahin von meinen modernen Freunden verborgene, Türkei Einblick hatte. Ich hätte sogar einheiraten können in das hübsche Buca. Es war eine Regenschirmbekannschaft, die vor meiner Haustür und damit endete, dass ich meinte, ich sei schon verlobt und ja meine Mutter hätte einen tollen Brautpreis ausgehandelt. Buca.

Während ich so denke, sind wir schon in Alsancak und ich sehe den Eisladen, der das beste Eis ganz Izmirs macht und eine Kreuzung, wo das letzte Eis zwischen einem Freund und mir schmolz. Ich betrachtete meinen Schatten und stellte fest, dass ich zugenommen hatte. Er nickte, ja das sei ihm auch schon aufgefallen, wurde sich seines Fehlers gewahr und fügte schnell hinzu, dass ein bisschen mehr Speck auf den Rippen mir eigentlich gut täte. Charmanter wurde er nicht mehr, aber danach ein guter Freund.

Der Bus lenkt in eine Richtung, in der ich nie war und wo es auch gar keine Erinnerungen mehr für mich gibt. Ich gucke noch einmal schnell zurück, zu meinem Turm. Ein hohes Bürogebäude, das immer auf der anderen Seite stand und das mir schon am ersten Abend auffiel. Man kann es von überall her sehen. Manchmal, wenn ich die Orientierung verlor oder mir Straßen dann doch mal zu voll waren, guckte ich kurz zu dem blauen Turm. Das beruhigte mich.

Schade, dachte ich, als wir bald bei dem Flughafen ankamen, schade, dass wir nicht an meinem letzten Zuhause vorbeigefahren sind, dort zeigte sich die Türkei von ihrer schönsten Seite. Und schade überhaupt, dass diese Fahrt einmal enden musste.

 

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