5191 km später…

Unser Abteil5191 km, ein circa 2m x 1,80m großes und 2,5m hohes Abteil und 75 Stunden nonstop im Zug:
Heute endlich die ersehnte Ankunft in Irkutsk.

Dazu kommen noch sieben Stunden Zeitverschiebung mit denen ich momentan zu kämpfen habe, trotzdem bin ich sehr zufrieden, dass bis jetzt alles glatt lief und ich im „Paris des Ostens“ – wie Irkutsk auch genannt wird (keine Ahnung warum, keine Ähnlichkeiten erkannt bis jetzt) – angekommen bin.

Unser AbteilVielleicht erstmal zu der Zugfahrt. Wie gesagt, ich selbst war sehr gespannt, was auf mich zukommt und habe wagemutig Ziele formuliert. Mal sehen,was sich davon erfüllt hat:
-Ich kann jetzt Backgammon (wenn auch schlecht)
-Ich habe ein Buch durchbekommen und ein neues Buch angefangen
-Ich habe leider keine Russen wirklich kennengelernt (nach meiner Erfahrung nicht unbedingt die gesprächigsten Menschen auf diesem Planeten)

Doch fangen wir lieber von vorne an:
Gegen Mitternacht bestieg ich in Moskau den Zug und war als verwöhntes, europäisches Stadtkind ein wenig enttäuscht von der Größe des Abteils, obwohl ich ja genau das wollte…ein wenig Adventure, ein wenig ab von dem Überfluss, den man sonst zu Hause genießt.

Also Rucksack oben ins Fach gequetscht, versucht die beiden unbekannten Russen im Zug möglichst freundlich zu begrüßen (mehr als „Danke!“ , „Ja“, „Nein“, „Wie viel kostet das und das?“ , „Entschuldigung!“ und dem üblichen „Hallo“/“Tschüss“ kann ich zu meinem Bedauern nicht).
Der vierte Mitreisende ist mein Vater, der mich bis nach Peking begleitet, den musste ich also nicht extra begrüßen. Allerdings wollte ich unbedingt von ihm Backgammon lernen, dazu später mehr.
Die erste Unbekannte war eine, ich denke man darf das schon sagen, russische Oma, die sich mit der Schaffnerin eifrig am darauffolgenden Morgen über den „presidente“ und „ukraina“ unterhielt, leider habe ich keine Ahnung mit welcher politischen Intention.

Das Gespräch ging mir ziemlich auf den Zeiger. Nicht, weil ich es uninteressant fand, sondern vielmehr, weil Mitbewohner Nr.2 (ein – und das darf man mit Sicherheit auch sagen – übergewichtiger Russe) in der Nacht so laut geschnarcht hat, dass ich erst dachte, jemand würde die borealen Nadelwälder abholzen.

Die erste Nacht war also eher so mäßig. Auch weil ich das Gefühl hatte, die Bettlänge würde exakt meiner Körperlänge entsprechen, was natürlich Quatsch war, mich aber zur genauen Vermessung des Abteils zwang. Die darauffolgenden Nächte wurden allerdings besser, man gewöhnte sich schnell an die neuen Umstände.

Zu der Ausstattung selbst (falls irgendwer mal vorhat mit der Transsib 2.Klasse zu fahren):
Man hat ein enges Vierbettabteil, bekommt saubere Bettwäsche, und zwei Schaffnerinnen sorgen für die Sauberkeit der Toiletten, die man mit ca. 30-40 Leuten benutzt (es gibt allerdings zwei pro Abteil).
Das Wichtigste im ganzen Zug ist eigentlich neben den Toiletten der Heißwasserboiler, der es einem ermöglicht Tee, Kaffee, Couscous und das absolute Highlight (habe ich mir von den Russen abgeguckt), Instantsuppen, zuzubereiten. Das hält einen während der Fahrt definitiv am Leben.
Ab und zu hat man auch 20-30 min. Aufenthalt und kann von den Einheimischen ein paar frische Lebensmittel einkaufen, sehr beliebt dabei ist der Räucherfisch.

Ein Bistroabteil mit überteuerten, aber für deutsche Verhältnisse annehmbaren Preise gibt es übrigens auch. Ach ja, die Toiletten sehen zwar aus wie im Gefängnis, sind aber überraschend sauber gewesen…habe mich auf Schlimmeres eingestellt.

Ich vertrieb mir die Zeit mit ganz viel Lesen und wahlweise Schach- bzw. ersten Backgammonpartien mit meinem Vater, die ich fast alle verlor – ganz klares Würfelpech natürlich.
Sonst unterhielt man sich über die Bücher des jeweils anderen und schaute aus dem Fenster, viel schlafen konnte man tagsüber ebenfalls bei Bedarf, den ich definitiv hatte – eigentlich sehr entspannt.
Als Mitbewohner Nr.2 zum Mittag seine Knoblauchwurst in dem schuhkartongroßen Abteil auspackte, war jedoch Schluss für uns und wir flüchteten kurzfristig in den Bistrowagon.
Hier der nächste „Schreck“ – es war mir zwar schon irgendwie klar – aber deutsche Reisegruppen fluteten den Zug (Durchschnittsalter schätzungsweise 65).
Nicht, dass ich was gegen ältere Menschen habe, die gerne Reisen (Grüße an meine Oma an dieser Stelle), allerdings war das Adventurefeeling ein wenig getrübt, als man Waldemar aus Niederbayern kennenlernte, der, bevor er seiner Reisegruppe zuprostete, mit dem offenbar mit angereisten Männerchor noch ein paar flotte Volkslieder sang.
Klar hieß die Transsib auf der einen Seite, sich mit einer wassergefüllten Colaflasche zu duschen, eng und unbequem zu schlafen, seine Einkäufe mit Händen und Füßen zu kommunizieren, sprich, sein ganzes Konsumverhalten grundlegend einzuschränken und sich wie ein echter Abenteurer zu fühlen.

Jedoch sah ich auch schnell die andere Seite der Transsib: Verschwitzte Renter, die in den Pausen Russischkurse und russische Geschichte von einer geduldigen Deutsch-Russin beigebracht bekamen, zu jeder Mahlzeit Bier und Vodka tranken (vermutlich um den Pegel zu halten) und sich im Großen und Ganzen wie auf einer Ü60 Klassenfahrt verhielten – gemeinsam rein in den Speisesaal, gemeinsam wieder raus, gemeinsam aussteigen und erkunden (glücklicherweise nicht in Zweierreihen) und dann gemeinsam ins Bett. Auch eine Art, denselben Urlaub wie ich zu erleben. Im Moment ist das noch nichts für mich, aber jedem das Seine.

In unserem Abteil gab es zumindest regen Wechsel, immer mal wieder stieg in der Nacht einer aus und ein neue/r Mitbewohner/in kam ins Abteil, niemand war wirklich unfreundlich, niemand wirklich gesprächig. Wäre ich vermutlich auch nicht, wenn ich um 5 Uhr nachts in Omsk einstiege und 30 Stunden Fahrt vor mir lägen.
Das mit dem Kennenlernen ist meiner Meinung nach noch ausbaufähig, wobei es hier in Irkutsk Hoffnung gibt, ansonsten war die Fahrt gut hinnehmbar, es waren ja auch immerhin 5191km…
Jetzt bin ich erstmal geschafft und freue mich auf mein Bett, nachdem ich heute schon den Baikalsee erblicken durfte. Aber wann anders mehr dazu…

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