Das Ende der Transsib (und das Problem mit der Zeit)

Ich bin in Peking angekommen. Mir geht es gut, ich bin jetzt 19 Jahre alt, meine Familie ist mit mir hier (bestes Geburtstagsgeschenk) und ich habe das Gefühl, so viel berichten zu können, dass es mich fast ärgert keine Sprachnachrichten verschicken zu können (jeder mit Smartphone weiß, was ich meine).


Trotzdem versuche ich es mal, nur kurz zum Mitschreiben, das war die Route bisher:
Kiel – Berlin – Moskau – Irkutsk – Olchon (Insel im Baikalsee) – Irkutsk – Ulaanbaatar (Hauptstadt der Mongolei) – Peking.

Der letzte Blogpost kam aus Irkutsk, Kilometer 5191, jetzt bin ich schon bei Kilometer 7622. Ich bin selbst ein wenig überrascht, wie unproportional das Verhältnis zwischen der zurückgelegten Strecke und dem Erlebten sein kann. Der Google Rechner spuckt mir 2431 km Differenz aus.

Seit ich auf meiner Reise bin, ist mein Gehirn wie ausgeschaltet. Dabei hat man doch als frischgebackener Abiturient den höchsten Allgemeinbildungsstand und ist auch sonst am Ende der Lebensweisheiten angekommen, zumindest statistisch gesehen.… Naja, für mich immer ein Zeichen der Entspannung. Dazu kommt das Schwinden von jeglichem Zeitgefühl, allerdings ist das noch nicht das Problem auf welches ich abzielen will, sondern nur ein weiteres Urlaubssymptom. Aber später mehr dazu.

Bleiben wir mal chronologisch:
Ost-Paris (Irkutsk) kann man wirklich kurz abhandeln, da ich dort nur wenig Zeit verbracht habe und bis auf einen Stromausfall nichts wirklich Nennenswertes passiert ist. Der Bericht über den Rest könnte allerdings aus gegebenem Anlass ein wenig länger werden, aber seht selbst:
Irkutsk wurde nach einiger Zeit definitv sehenswerter als gedacht, die Stadt entpuppte sich als ganz nett, allerdings nicht atemberaubend (immer noch keinen blassen Schimmer, warum es mit Paris verglichen wird, vielleicht beides gleich dreckig?!).
 Unser Hostel hingegen entwickelte sich von „sicher, dass wir hier richtig sind?“ zu „sehr, sehr empfehlenswert!“.

Das Hotel in Irkutsk.

Das Hotel in Irkutsk.

Wie kam es dazu? Nun ja, russiche Unterkünfte verstecken sich häufig in eher zwielichtigen Hinterhöfen, bei denen man sich nicht immer ganz sicher ist, ob das gebuchte Hostel tatsächlich existiert. So auch bei uns: angekommen an einem Gebäude, welches in einem Italowestern der 60er Jahre nicht auffallen würde, betraten wir eine lieblich eingerichtete Wohnung, in der uns die Hausherrin (Galina) in überraschend verständlichem Deutsch begrüßte.

Am selben Tag wagten wir noch einen Ausflug in das nahe gelegende Listwjanka (ein, wie sich herausstellte furchtbarer „Touriort“, der an ehemalige Sowjetzeiten erinnerte).
Ohne zu übertreiben würde ich sagen, dass dieser Ausflug uns fast das Leben gekostet hätte. Der Fahrer unseres Minibusses (sehr beliebtes Transportmittel der Russen) war anscheinend der Meinung, dass man sich nicht notwendigerweise an Geschwindigkeits- und schon gar nicht an die physikalischen Grenzen des Autos halten müsse. Somit hoben wir bei jedem Hügel (und davon gab es viele) fast ab, überschlugen uns gefühlt bei jeder Kurve und machten drei Kreuze, als wir endlich heil ankamen.

In dem wirklich enttäuschend hässlichen Ort angekommen versicherte man uns: „Yes, yes…all Russians drive like hell. They’re crazy.“ Was ich aus diversen YouTube Videos also schon kannte, bestätigte sich als wahr – genau wie das Klischee des Baseballschlägers im Kofferraum zur Konfliktlösung bei – nennen wir es – strittigen Szenen im Verkehr (wer an Bildmaterial interessiert ist, möge bei YouTube „Russian Car Crash Compilation“ eingeben).

Der weitere Tag war nicht wirklich spannden, deswegen spulen wir ein wenig vor: Am nächsten Morgen gab es ein atemberaubendes Frühstück mit schätzungsweise 20 Blinys (russische Pfannkuchen), von denen mehr als die Hälfte mir zum Opfer fielen.
 Vom nächsten Minibus wurden wir dann abgeholt und an unser eigentliches Ziel, den Baikalsee, gebracht: Hier begann der bis jetzt erholsamste Stop der ganzen Reise.

Die Fahrt auf die Insel Olchon, welche direkt im Baikalsee liegt, war zwar quälend lang und denkbar unbequem, doch im Endeffekt den Aufwand wert. Wir bekamen eine kleine Datscha (aus der DDR als „Datsche“ bekannt) nahe am Wasser und genossen den wirklich einzigartigen Sonnenuntergang am See.
 Auf der Insel verbrachten wir vier Tage ohne Internet, mit gewöhnungsbedürftigen Toiletten und einer Menge netter Menschen, die wir kennenlernen durften.

Der Baikalsee ist übrigens genau so kalt wie man ihn sich vorstellt (schwankenden 6-13 Grad, je nach Badestelle und Wetter). Als wir allerdings so eine Art russische Sauna in einem großen LKW am Strand entdeckten („Banya“ genannt), konnten ich mich so lange aufheizen, bis ich auch längere Bäder gut ertrug.

An dieser Stelle wollte ich eigentlich gerne auf unsere Bekanntschaften eingehen, welche mich mit unter sehr fasziniert haben, allerdings habe ich auch Empathie dafür, dass das nicht unbedingt jeden interessiert, deswegen beschränke ich mich auf das „Wesentliche“: Man trifft Menschen sämtlicher Nationalitäten und Lebensstile (von Pauschaltouristen bis hin zu Lebensmotto „Backpacking“), viele haben Interessantes zu erzählen, mit jedem kann man eigentlich einen netten Abend bei ’nem kalten Bier verbringen! Mit Außnahme von den schon erwähnten Reisegruppenrentnern und den Esoterikern („Ach ich mache diese Reise, um mich selbst zu finden“)…das geht wahrscheinlich nur, wenn man selbst eines von beiden ist. Obwohl…vielleicht ist es nach dem fünften Bier schon wieder lustig…

Wir drücken jetzt wieder die Vorspultaste, ich bin zurück aus Olchon (die Rückfahrt war ähnlich unbequem wie die Hinfahrt) und wir sitzen im Zug von Irkutsk nach Ulaanbaatar: Von dem Reisen im Zug habe ich ja schon berichtet, deswegen spare ich diesen Teil aus.Diese Fahrt war immerhin „nur“ knapp über 30 Stunden lang, allerdings mit den ersten Grenzkontrollen an der russisch-mongolischen Grenze, die sich ewig hinzogen und die einen oder anderen diplomatischen Differenzen aufwiesen.

 

Zwei deutsche Nicht-mehr-Studenten aus Darmstadt/Köln (nennen wir sie Josten und Christian), die ebenfalls dieselbe Strecke vor und hinter sich hatten.

Zwei deutsche Nicht-mehr-Studenten aus Darmstadt/Köln (nennen wir sie Josten und Christian), die ebenfalls dieselbe Strecke vor und hinter sich hatten.

Hier machten wir die wohl kompatibelste Bekanntschaft der ganzen Reise: Zwei deutsche Nicht-mehr-Studenten aus Darmstadt/Köln (nennen wir sie Josten und Christian), die ebenfalls dieselbe Strecke vor und hinter sich hatten. Nach einigem verbalen Abtasten und der Feststellung, dass keine von beiden Gruppen zu der Esoterikerseite gehörte, begannen auch ernsthafte Gespräche, welche uns auf dieser Reise noch lange Freude bereiten sollten.
Wo hingegen Josten und Christians Paarung (beste Freunde auf Reisen nach abgeschlossenem Studium) sehr gängig war, nahm man uns die Vater-Sohn-Kiste eher selten ab. Zum Einen, da ich phänotypisch eindeutig nach meiner Mutter komme, d.h. mein Vater deutsch ist und aussieht und ich mehr in Richtung Orientale gehe (halb Deutscher, halb Iraner). Zum Anderen gehen wir miteinander sehr freundschaftlich um, es macht für mich deswegen wenig Unterschied mit meinem besten Freund (Grüße an Paule) oder meinen Vater zu reisen.

 

Das Kinder-Beweisfoto

Das Kinder-Beweisfoto

So wurde ich also häufig auf Mitte 20 geschätzt und mein Vater auf Mitte/Ende 30, beides konnte man als Kompliment nehmen – erst als mein Vater stolz die obligatorischen Kinderfotos aus seinem Portemonnaie zückte, wurde das Missverständnis aufgeklärt – danke Papa.

Die Grenzkontrolle bestritten unsere deutschen Freunde nach mehreren Partien Doppelkopf in irgendeinem russichen Grenzkaff leicht angetrunken, während ich mir die fiesen Fangfragen der Grenzbeamten nach meinem Namen und Alter nüchtern gefallen lassen musste. Angekommen in Ulaanbaatar ging es direkt ins Hostel, zur Stadt an sich ist nicht viel zu sagen, sie verhielt sich ähnlich wie Ost-Paris, wenn man so möchte…vielleicht könnte man sie der Logik nach Ost-London nennen oder so…
Wir mussten in der Mongolei den längsten Stop (neun Tage) einplanen, da die Züge nicht anders fuhren und wir an meinem Geburtstag ein Familytreffen in Peking arrangieren wollten. Dieser Zufall entpuppte sich jedoch als Glückstreffer. Wir buchten also eine 6-tägige Tour durch die mongolische Steppe zusammen mit Josten und Christian sowie zwei weiteren Deutschen, den Medizinstudiumsabsolventen Anne und Dirk. Hmm…sechs Deutsche in der Mongolei, hört sich fast wie eine Neufassung von dre Chinesen mit dem Kontrabass an.
Hier machen wir einen kurzen Schnitt in meinem Bericht, zwar würde ich gerne weiterschreiben, aber über 1200 Wörter, die mir der Wörterzähler schon anzeigt, sollen erstmal genug sein.
Da kommt auch schon das angesprochene Zeitproblem zum Tragen: Eigentlich sollte ich genug Zeit haben, ich meine im streng bürgerlichen Sinne habe ich gar nichts zu tun (kein Job, keine Schule, keine Verpflichtungen)…Tatsächlich habe ich aber das Gefühl noch nie so viel in so kurzer Zeit erlebt zu haben und das muss natürlich alles verarbeitet werden – erstmal ganz persönlich, dann (meinem medialen Exhibitionismus zum Dank) auch in fotografischen und medialen Blogs.
Doch alles zu seiner Zeit, denn wie der deutsche Jornalist Robert Lembke einst sagte:
„Kein Mensch ist so beschäftigt, dass er nicht die Zeit hat, überall zu erzählen, wie beschäftigt er ist.“ In diesem Sinne verabschiede ich mich fürs Erste und versuche den nächsten Blogeintrag zeitnah fertigzustellen, die Mongolei und China will ich Euch nämlich nicht vorenthalten!

Ein Gedanke zu „Das Ende der Transsib (und das Problem mit der Zeit)

  1. Luis Meyer

    Ich habe mal deine Reise verfolgt (ich habe ungelogen alles gelesen, was ich gefunden hab) und bin sehr begeistert von deinen Bildern und Bloggs. Ich selbst habe schon oft über eine solche Reise nachgedacht und vielleicht mache ich sowas auch noch mal mit Josh.
    Liebe Grüße an Dich und deine Familie

    Luis

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.