Vom Hier und Jetzt in Kolumbien

Langsam, aber sicher, bin ich in Bucaramanga angekommen; einer wunderschönen, aber vor allem sicheren Stadt. Um eine kurze Bilanz der vergangenen Zeit in meiner neuen Heimat zu ziehen – immerhin ist bereits über ein Monat vergangenen – lässt sich sagen, dass es mir sehr gut geht, ich wurde hier sehr herzlich aufgenommen, es ist warm, mein Spanisch ist mehr als ausreichend, um mich hier gut verständigen zu können (an dieser Stelle mal ein Gruß an Frau Holzscheiter!) und an jedem Tag wird mir die Möglichkeit geboten, etwas dazu zu lernen – ob sprachlich oder zwischenmenschlich.

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Meine Gastschwester Alexandra, meine Gastmutter Sandra und ich

Kurz und knapp: Ich bin rundum zufrieden.Größtenteils liegt das an meiner wundervollen Gastfamilie, in der ich mich sehr wohlfühle; andererseits habe ich das aber auch meiner Arbeit zu verdanken, die zwar anstregend, aber sehr interessant und lehrreich ist, aber dazu im nächsten Beitrag.

Kommen wir also zurück zu meinem Leben außerhalb meiner Freiwilligenarbeit:
Nach anfänglichen Ausspracheproblemen mit meinem Namen („Bao-Tschi? Bao-Di?“), habe ich spontan entschieden, dass „Bao“ ausreichend ist – das ist kürzer, einfach auszusprechen und gut zu merken. Meine allseits bekannte Anmerkung „einfach so wie BOUNTY ohne n“ ist hier leider wenig sinnvoll; BOUNTY gibt’s hier nämlich nicht. Von daher gebe ich mich dieses Jahr jetzt mit „Bao“ zufrieden; wer mich besser kennt, weiß, dass eigentlich mein Bruder so genannt wird, aber damals in Kiel hatte sich das zum Ende meiner Zeit auch schon so eingebürgert und stören tut’s mich nicht.
Nachdem ich jegliche Probleme mit meinem Namen also beseitigt habe, muss ich dann oft noch erste Verwirrungen über meine Herkunft klären, denn aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund nimmt hier jeder erstmal an, dass ich aus Japan komme. Wieso Japan? Das kann ich euch leider auch nicht erklären.

Na ja, dann gibt’s meist erstmal eine kurze Diskussion, in der ich erkläre, dass ich aus Deutschland komme, meist gefolgt von einem verwirrten Blick und einem Hinweis auf meine Augen. „Meine Eltern sind aus Vietnam“ – ahhhhh, ein kurzer Ausruf, verständnisvolles Nicken.
Trotz dieser etwas unangenehmen Erfahrungen sind Kolumbianer generell jedoch sehr freundlich und offen und freuen sich tierisch, mal mit Nicht-Kolumbianern sprechen zu können und versuchen dann auch sogleich ihr gebrochenes Englisch zur Schau zu stellen, denn so oft bekommen sie ja nicht die Möglichkeit, um zu üben. Meist muss ich dann erklären, dass ich eigentlich lieber Spanisch üben möchte; das ist den Kolumbianern aber auch recht, denn richtig fließend ist ihr Englisch sowieso nicht.

Zu meiner Freude habe ich schon viele Komplimente für mein Spanisch bekommen, oft auch unter etwas unangenehmen Vergleichen so wie „Ach, dein Spanisch ist ja schon viel besser als das von Tabea“ – einer anderen Freiwilligen, die auch in Bucaramanga wohnt (Zitat ihrer Gastfamilie).

Von allen Freiwillligen habe ich die besten Lebensumstände hier in Bucaramanga. Meine Gastfamilie wohnt im besten Viertel der Stadt; ich habe ein eigenes und dazu auch noch großes Zimmer mit einem riesigen Kleiderschrank; kochen und Hausarbeiten tut für uns eine sogenannte „empleada“, also ein Hausmädchen, die mit ihrer Tochter mit bei uns zu Hause wohnt.

Ich habe hier also keinerlei Aufgaben im Haus zu erledigen; trotzdem halte ich mein Zimmer ordentlich und mache mein Bett auch jeden Morgen selbst (an dieser Stelle ein Gruß an Papa, der sich immer bemüht hat, mir das in Kiel schon nahezulegen). Außerdem haben wir zwei Hunde, eine Katze und einen Fisch, von dem ich fast vergessen habe, das er überhaupt existiert und ihn gerade beim Probelesen des Beitrags noch mit schlechtem Gewissen hinzufügen musste.
Das Essen ist – wie ich finde – recht simpel gehalten. Morgens mache ich mir selbst meist Rührei oder esse Cornflakes, mittags gibt’s immer Fleisch (Rind, Schwein und Huhn im Wehchsel), immer mit einer oder mehreren Beilagen an Kohlenhydraten (oft Reis). Oft gibt’s dazu Platano, das heißt Banane entweder gebraten oder frittiert und mit Glück mal ein kleiner Beilagensalat, der aber mit Salz überstreut wird, manchmal eine Suppe vorweg, abends dann meist nur noch eine Kleinigkeit, also ein Sandwich, Crackers mit Thunfischsalat oder heiße Schokolade mit Brot und Käse. Dabei ist der Käse nicht für das Brot, sondern wird in den Kakao getunkt, bis er schmilzt, und dann gegessen – das schmeckt besser als es klingt!

Es ist anzumerken, dass wir Deutschen wirklich dankbar sein sollten für die Brotauswahl, die uns angeboten wird. Selten gibt es im Ausland so gutes Brot – geschweige denn Brötchen – wie in Deutschland und auch hier gibt es nur Weißbrot; selbst das Baguette ist hier süß und nicht ansatzweise so knusprig wie wir es kennen.
Statt Brötchen gibt’s am Wochende morgens auch manchmal Suppe, daran musste ich erstmal gewöhnen, oder Empenadas, also gefüllte Teigtaschen – sehr, sehr lecker!
Das beste an jeder Mahlzeit ist eigentlich der frisch gespresste Saft, denn an Früchten gibt es hier einfach viel mehr Auswahl und außer der Erdbeeren und Äpfel schmeckt hier wirklich jede Frucht intensiver und somit besser als in Deutschland!
Ansonsten trinke ich hier Leitungswasser, das anfangs sehr gewöhnungsbedürftig war, da es für mich wie Chlorwasser, das gerade aus einem Swimmingpool gezapft wurde, geschmeckt hat, aber da meine Gastfamilie es ebenfalls so macht, („Echt? Findest du nicht, das schmeckt so wie normales Wasser aus der Flasche?“) habe ich keine Bedenken, dass ich daran sterben werde und habe mich inzwischen auch schon dran gewöhnt; zumindest wenn ich nicht vorher dran rieche.
Samstags treffen wir uns immer mit der ganzen Großfamilie, sprich Tanten, Onkels, Cousinen, Cousins, bei meiner Gastoma zum Mittagessen, wobei der neueste Klatsch und Tratsch und andere Neuigkeiten ausgetauscht werden. Da merkt man erst, wie wichtig der Familienzusammenhalt hier in Kolumbien ist.

Ansonsten unternehme ich viel mit den anderen Freiwilligen aus Bucaramanga: wir treffen uns in der Stadt, gehen abends was trinken oder essen oder am Wochenende auch feiern. Zum Nachtleben in Kolumbien: La gente está muy loca! Da könnte ich mich wirklich dran gewöhnen. Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne tanzen gehe und auch so tanze wie es mir beliebt; hier hatte ich die ersten paar Male fast schon Hemmungen zu tanzen, weil erstens Kolumbianer sehr eng tanzen, egal ob man sich kennt oder nicht und das hat dann auch nichts Weiteres zu bedeuten; sie tanzen einfach gerne und zweitens jeder, wirklich JEDER, hier einfach tanzen kann und es im Club aussieht, als hätte Shakira selbst sich 200 Mal geklont; und selbst die Männer hier tanzen unglaublich leidenschaftich.

Aber gut, probieren geht über studieren und inzwischen habe ich mich auch schon eingefügt und gehe wieder liebend GERNE tanzen, so wie es auch sein soll.
Mit meiner Familie verbringe ich auch gerne Zeit; wir gehen zum Beispiel ins Kino oder ins Theater oder meine 18-jährige Gastschwester, die selbst für ein Auslandsjahr in Deutschland gelebt hat, und ich tauschen uns über lustige kolumbianische Gewohnheiten aus. Zum Beispiel habe ich sie vor ein paar Tagen, als sie gerade dabei war für ihre Reise nach Bogotá zu packen, zwischen Kühlschrank und Wand mit der Hand fischend aufgefunden. Natürlich habe ich gleich gefragt, ob mit dem Kühlschrank irgendwas nicht in Ordnung sei, ob er repariert werden müsse. Darauf lachte sie nur und zeigte mir ihre frisch gewaschenen Unterhosen, die sie hinter dem Kühlschrank aufgehängt hatte, da durch die vom hinteren Teil des Kühlschranks kommende Wärme die Wäsche schneller trocknet und sie – wie viele es kennen – viel zu spät angefangen hat, ihre Wäsche zu organisieren. Ihr könnt euch mein Gesicht und meine darauf folgende hysterische Lache vorstellen – herrlich!
Paragliding

Kleine Wochenendausflüge mache ich auch gerne mit Tabea, die zufällig aus Hamburg kommt, und ihrer oder meiner Gastfamilie, zum Beispiel waren wir zusammen Gleitschirmfliegen oder auf einer Salsa- und Zirkusvorführung. Dieses Wochenende fahren wir zusammen zum Nationalpark Chicamocha, die Aussicht soll dort atemberaubend sein und natürlich ist es auch schön, sich auf reinem Hochdeutsch mal auszutauschen. Da fühlt man sich fast wieder wie zu Hause, wenn man zusammen ist.
Einige kolumbianische Freunde durfte ich aber auch schon gewinnen; entweder habe ich sie beim Feiern kennen gelernt oder durch andere Freiwillige, die schon seit einem halben Jahr hier sind. Mit ihnen ist auch einiges schon in Planung; beispielsweise hat sich einer vorgenommen, mir Salsa beizubringen, aber sehen wir alles ganz locker – so wie es sich hier gehört – denn feste Pläne werden selten gemacht, stattdessen muss man vom einen auf den anderen Moment fertig sein, um auszugehen oder dies und das zu machen. Und dann wird von uns Deutschen natürlich erwartet, dass wir auf die Minute genau pünktlich sind, aber Kolumbianer selbst dürfen sich natürlich verspäten – nicht selten auch über eine halbe Stunde. Sehr gewöhnungsbedürftig, aber so ist das nun mal, wenn man in einer anderen Kultur leben und auch sich entfalten und entwickeln möchte und so schlecht ist es gar nicht, sich nicht wie gewohnt immer über die Zukunft den Kopf zu zerbrechen und ständig zu planen, was wann zu tun und zu machen ist. Deshalb habe ich mir gelobt, mir zumindest für dieses eine Jahr zu erlauben, im Hier und Jetzt zu leben und jede Minute auszuleben.

Denn wie der berühmte, kolumbianische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez zu sagen pflegte: „La vida es la cosa mejor que se ha inventado.“

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