Wilde Mongolei

Erstmal in die Gegenwart: Ich sitze gerade am Flughafen. Airport Beijing. Abreise. Weniger kompliziert als die Einreise, das steht schonmal fest. Departure Card ausfüllen und den weinroten Pass mit goldenem Adler zeigen. Ein wenig neidisch bin ich schon auf die Vietnamesen neben mir, die haben so einen schönen grünen.

Naja, ich beschwere mich mal lieber nicht, der goldenen Adler rettet einem manchmal schon ziemlich den Arsch in den diplomatischen Wüsten östlich von Europa. Egal, Ticket abholen, Sicherheitskontrolle und ab zum Gate 13.Strom und Internet suchen, das heißt die nächsten Maßnahmen nach Essen und Trinken ergreifen, um die Langeweile zu verdrängen, die durch die Abreise meiner Familie aufgekommen ist.
Jetzt bin ich zum ersten Mal ganz alleine auf meiner Reise, fühlt sich ein wenig so an wie ohne Stützräder Fahrrad fahren…Aber wer fährt heute noch mit Stützrädern, ist doch uncool?! Die zurückliegende Zeit habe ich sehr genossen, wagen wir deswegen einen kleinen Rückblick
(Rückspultastengeräusch setzt ein):

Die Mongolei.
Das war das Ende des letzten Blogs und ich bin gewiss kein Fan von Lücken (wobei sich diese vermutlich nicht vermeiden lassen). Wir hatten also diese Tour gebucht. Hin zum White Lake (muss niemand kennen) und wieder zurück, alles durch die mongolische Grassteppe, sechs Tage.
Neben den schon im letzten Blog erwähnten Deutschen mit dabei: unser Fahrer Saga, der nur des Mongolischen mächtig war und unser Guide, Baagii, der sich der Doppeldeutigkeit seines Namens im Deutschen durchaus bewusst war. Arian2
Das letzte Jahr hat er in Deutschland verbracht und sprach deshalb neben seiner Muttersprache sehr gut Deutsch und Englisch. Deswegen war der Witz, dass sein Name ebenfalls ein beliebtes Transportmittel für Kleinkinder ist eher mäßig – hielt mich aber nicht davon ab, ihn trotzdem zu bringen.

Der Bus in dem wir uns fortbewegten und in dem Saga vermutlich wohnte, wenn er nicht gerade Touris durch die Steppe kutschierte, war ein russisches Modell der Marke Eigenbau. Ich würde wetten, dass an dem Ding maximal noch 50% Originalteile verbaut waren…der Motor eventuell, die sollen sehr langlebig sein habe ich mir sagen lassen, aber gewiss nicht das Innenleben.
Allerdings war der Bus verlässlich und unzerstörbar, gebaut wie ‘ne AK47.

 

In der Mongolei war einiges anders, ich hatte mich von Europa jetzt noch ein ganzes Stück weiter entfernt und das sollte ich auch bald merken. Wir mussten uns auf anderes Essen (größtenteils nur Schaf) sowie gewöhnungsbedürftige Toiletten einstellen. Ersteres brachte mich nach nur einem Tag an die Grenzen des Vegetarismus. Von letzterem würde ich in meiner westlichen Arroganz eigentlich behaupten, dass sie menschenunwürdig waren, doch da ich ja jetzt ein ganz kulturoffener Weltenbummler bin, sage ich mal gewöhnungsbedürftig.

Wenn ihr jetzt genauer wissen wollt, warum ich so pikiert reagiere, kann ich es euch gerne näher erklären:
Ich bin es gewohnt eine Toilette zu nutzen, bei der man sich hinsetzen kann, Punkt 1.
Des Weiteren ist es bei der Nutzung des guten Stücks ja üblich sein Ziel – gemeint ist die Keramikschale (soweit vorhanden) – nicht zu verfehlen, Punkt 2.
Und die letzte Bedingung, die ich an eine handelsübliche Toilette und den Umgang mit dieser stellen würde, wäre, dass man nicht die Besucherchroniken der letzten 3 Wochen an ihr ablesen kann.
Um es kurz zu machen, keine der Bedingungen wurde von den mongolischen Toiletten auf dem Land erfüllt. Stellt euch einfach das primitivste Klo vor, was es gibt. Meistens bestehend aus einer Grube mit variabler Tiefe (die Luxusmodelle waren immerhin 2-3 m tief und wurden alle paar Tage mit frischer Erde überschüttet), dazu zwei Holzbalken, auf die man sich hocken konnte und einen Sichtschutz, ebenfalls aus Holz. Es stank unmenschlich und sah auch so aus…den Rest erspare ich euch, Resultat war nur, dass mein Verdauungssystem, vermutlich aus Gründen des Selbstschutzes, einige Tage den Dienst einstellte.
Das Essen hingegen schwankte immer zwischen „wirklich gut“ und „zu viel Schaf“. Doch was sollten die Nomaden auch sonst essen mitten in der Mongolei? Ihre Pferde brauchten sie im Sommer zum Reiten, die müssten erst im Winter dran glauben, sagte Baagii. Yak kam in Frage, aber die geben ja Milch, genau so wie die Kühe, blieben also nur noch Ziege und Schaf…wahrscheinlich waren die Schafe einfach dümmer…ach ja, und Ziegen geben ja auch Milch. Somit hätte sich das auch geklärt.

Arian3
Nachdem also mit Schaf und einer 2m Grube die ersten beiden Grundbedürfnisse abgehakt werden konnte, fehlte an nennenswerten Neuerungen während der paar Tage nur noch Trinken und Schlafen. Getrunken wurde so eine Art Pferdemilch, die einen ganz geringen Prozentsatz Alkohol hatte, vergleichbar mit Cidre glaube ich. Davon tranken Guide und Fahrer immer eine Menge – „machen Mongolen so“ wurde uns gesagt. Die Milch fiel wieder in die Kategorie gewöhnungsbedürftig, wurde einem aber in jeder Jurte zur Begrüßung angeboten. Doch ablehnen geht nicht, das macht man einfach nicht als Gast, das kannte ich schon aus der persischen Kultur.
Das heißt, die Mongolen nett anlächeln und unter ihren prüfenden Blicken so tun, als wenn man aus der Schale einen kräftigen Schluck nimmt. Blöd war nur, dass die Schale dadurch nicht wirklich leerer wurde.

Muss ziemlich komisch ausgesehen haben, wie sechs Deutsche die Schale so lange hin und her nippten, bis sich einer von ihnen, meistens mein Vater, ein Herz fasste und zur Erleichterung der Gruppe das Ding leerte. Gut, dass wir genug Wasser mithatten, sage ich da nur.Naja, ich glaube bis jetzt verstehen die wenigsten, warum die Mongolei eigentlich der beste Stop der Transsib war…aber keine Sorge, das kommt noch.
Zum Einen lag es natürlich an den Jurten.
Jurten, das sind so große, mit (na klar) Schafwolle gepolsterte Zelte , die einen Ofen in der Mitte haben. Und glaubt mir, es gibt nichts Gemütlicheres als sich nach einem anstrengenden Tag und mehreren, nervenaufreibenden Psychopartien Mäxchen (und dem ein oder anderen Mongolenwodka) bei knisterndem Feuer in eines der Betten zu legen.

 

Da die Umstände der Reise jetzt weitestgehend geklärt sind, komme ich dazu, was überhaupt passiert ist und da ich eigentlich noch vor hatte in diesem Blog bis nach China zu kommen, habe ich mir aus reiner Effizienz (und ein wenig Faulheit) überlegt, die wichtigsten Ereignisse in einer Liste aufzuführen, ich versuche es chronologisch:

-Tag 1: Wir haben die Mini-Gobi gesehen (kleiner Teil der Wüste Gobi) und bei mongolischen Nomaden übernachtet, der dreijährige Sohn war überraschender Weise der kommunikativste unter ihnen.

-Tag 2: Einen Vulkankrater gesehen, den White Lake erreicht und mongolischen Wodka getrunke.
-Tag 3: Mongolische Jugendliche getroffen, auf über 2000m Höhe gegen sie Basketball gespielt (ungeheuer anstrengend) und nur der körperlichen Vorteile wegen noch gewonnen.
Danach die nächste Disziplin: Ringen. Dank zehn Jahre Judo immerhin zwei Flaschen Cola gegen die Mongolen errungen und zum Abschluss mit einem sehr herrischen, zehn Jahre altem Mädchen Schule gespielt. Am Abend völlig fertig in mein Jurtenbett geplumpst.

-Tag 4: Es schneit, absolutes Highlight, wo es an Tag drei noch 25 Grad und Sonne waren.
-Tag 5: Buddhistischen Tempel besucht und zum Wasserfall gewandert. Danach auf einem Pferd durch die mongolische Steppe bei Sonnenuntergang, Romantik pur.
-Tag 6: Auf einem Kamel, welches mich angekotzt hat, durch die Mini-Gobi geritten, Romantik zu Ende + Heimfahrt nach Ulan-Bator.

 

Warum hat mich die Mongolei also so fasziniert?
…die Toiletten waren es sicher nicht, obwohl eine gewisse Faszination schon bestand, ist halt wie bei einem Autounfall…weggucken kann man irgendwie auch nicht.
Zum Einen war es natürlich die Tatsache, dass ich gerade in die Mongolei mit keinerlei Erwartungen und Vorstellungen angereist bin. Klar, man kannte Dschingis Khan…zwar mehr aus dem von Ralph Siegel komponierten Schlagersong, als aus historischen Nachforschungen, aber man kannte ihn…
Doch die (beeindruckende) Geschichte des Mannes, der die mongolischen Völker vereinte war es auch nicht.
Mich begeisterten etwas Anderes: Es war dieses Erlebnis der touristischen Jungfräulichkeit, welches die Mongolei ausstrahlte. Eine Authentizität und Urtümlichkeit, wie ich sie bis jetzt in wenigen Ländern erlebt habe. Nein, die Menschen kannten mal kein Starbucks, nein, die meisten konnten kein Wort Englisch und nein, nicht für jeden war man ein wandelndes Portemonnaie auf zwei Beinen. In den Jurten standen schwarz-weiß Fernseher, fließendes Wasser gab es meist nicht, geschweige denn Elektrizität und die kleineren Kinder schauten einen an, als wäre man der erste Cowboy, der das Tipi ihres Indianerstammes mitten in der Prärie beträte.
Hinzu kam, dass die Grassteppe ungefähr so dicht besiedelt ist, wie es der Mond am 21. Juli 1969 um 3.56 Uhr war. So ein bisschen Pioniergefühl kam bei mir da schon auf, sowas muss man mögen, keine Frage. Doch danach suchte ich auch. Nette Gesellschaft ersetzte den facebook Newsfeed, kein Smartphone auf dem Tisch, keine Nachrichten, keine Emails…ein bisschen Social Network Diät. Das Netz, in dem ich mich manchmal so verfange und das Stunden zu Minuten werden lässt, war angenehmerweise mal abgeschaltet.
Das war auch schon die Moral von der Geschichte in der Mongolei, ich kann es nur jedem nahe legen (sofern möglich) sich mal auf in dieses Land zu machen (allerdings darfst du kein Vegetarier sein und solltest Bock auf Natur haben).

 

Danach ging es mit dem Zug über 30 Stunden über die unnötig komplizierte chinesische Grenze. Man konnte sich scheinbar nicht auf eine einheitliche Schienengröße einigen, weshalb in einer nächtlichen, nervenzehrenden Aktion chinesische Arbeiter den Räderabstand der Bahn ändern mussten. Dafür musste jeder Wagon einzeln angehoben werden…jeder…einzeln…4 Stunden.

Wir haben uns einfach hingelegt und sind morgens in Peking wieder aufgewacht. Das „wir“ erweiterte sich übrigens einen Tag nach unserer Ankunft um meinen Bruder und meine Mutter und das auch noch an meinem Geburtstag…wir haben sie am Flughafen überrascht, an dem ich gerade sitze und schreibe.
Schreibe und zurückdenke an den wohl besten Tag in China…obwohl alles toll war ohne meine Stützrädern, ist halt doch einfacher zum Fahren.
Doch das erzähle ich dann im nächsten Blog.

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