Passierschein A38 sei Dank

Pjöngjang, 31. März 2014 Sie sind nach wie vor im Dienst, adrett gekleidet und verdrehen in Sekundenschnelle ihren Kopf in die verschiedensten Richtungen, sodass jeder Orthopäde wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde.

Aber von einem HWS-Syndrom haben die meisten Verkehrspolizistinnen, von denen hier die Rede ist, sicherlich noch nichts gehört. Stattdessen verrichten sie roboterhaft ihren Dienst, an dessen Sinnhaftigkeit hin und wieder gezweifelt werden kann. Denn obwohl jede größere Straßenkreuzung in Pjöngjang inzwischen über eine moderne Ampelanlage verfügt und, wichtiger noch, auch der für den Betrieb unerlässliche Strom kontinuierlich fließt, ist überall noch menschliche Präsenz zu verorten.

Nur äußerst selten sind Männer in dieser Rolle zu sehen. Sie sind eher als Streifenpolizisten mit Motorrad und Sonnenbrille auf den Überlandstraßen anzutreffen und haben darüber hinaus wahrscheinlich Wichtigeres zu tun. So bleibt es den weiblichen Uniformierten vorbehalten in dem stetig anwachsenden Verkehrsaufkommen den Überblick zu behalten.

Dass sich der ein oder andere Verkehrsteilnehmer durchaus noch nicht ganz an den wachsenden Trubel auf den Straßen gewöhnt hat, lässt sich an den oftmals halsbrecherischen Fahrmanövern erkennen. Und auch die Fußgänger und Fahrradfahrer, die nach wie vor deutlich in der Überzahl sind, haben die vielen privaten Autos manchmal noch nicht im Blick. Es bleibt also auch mit elektronischer Verkehrsführung durchaus noch einiges zu tun für die Verkehrspolizistinnen von Pjöngjang.

Zu tun oder vielmehr zu sehen bekommen wir nach dem Mittagessen nun auch wieder einiges. Unser Busfahrer bringt uns an die nordöstliche Stadtgrenze von Pjöngjang, wo wir zuerst den hiesigen Zoo passieren und anschließend an einer große Menschenmenge vorbeifahren, die sich vergnügt auf einer angrenzenden, schattigen Wiese im Picknick-Modus tummelt.

Einige hundert Meter weiter kommen wir auf einem leeren Parkplatz am Fuße eines Berges zum stehen. Eine endlose weiße Steintreppe, die fast ebenso breit wie lang ist, führt schnurgerade hinauf zum Ehrenhain der Revolutionäre, wo die sterblichen Überreste zahlreicher altgedienter Helden des Untergrundkampfes gegen die Japaner bestattet sind. Auch Kim Il-sungs zweite Ehefrau Kim Jong-suk hat hier ihre letzte Ruhe gefunden, wenn davon angesichts der dröhnenden Revolutionsklänge, die aus den dezent platzierten Boxen heraus vom Berg hallen, überhaupt die Rede sein kann.

Kim Jong-suk wird in Nordkorea fast ebenso verehrt wie ihr Mann, auch wenn sie erst 1949 in Folge einer Krankheit und nicht wie Kims erste Frau Kim Hyong-sung während der Besatzungszeit bei Kampfhandlungen beziehungsweise in japanischer Gefangenschaft gestorben ist. Von hier oben hat sie zweifellos einen unschlagbaren Blick über die Hauptstadt und wird mit Verzücken festgestellt haben, dass neuerdings mit dem pyramidenhaften, nunmehr fast fertiggestellten Ryugyong Hotel ein neuer Glanzpunkt die ansonsten mit eher wenigen ästhetischen Höhepunkten gesegnete Skyline bereichert. Unten im Tal ist neben dem Zoo auch noch ein weit ausgedehnter Freizeitpark angesiedelt, der allerdings nur in den Sommermonaten seine Tore geöffnet hat. Der Bus ist uns derweil auf den Berg hinauf gefolgt und wartet abfahrbereit vor dem Ausgang.

Wir verlassen Pjöngjang in Richtung Osten, um ein altes Königsgrab vor den Toren der Stadt zu besuchen. Die gut ausgebaute Straße ist nur schwach befahren und wir kommen zügig voran. Der Verkehr auf den Überlandstraßen von und nach Pjöngjang wird streng überwacht, angeblich aus militärischen Gründen, wie uns Herr Kim berichtet. Die Adressaten dieser Maßnahmen sind dabei wohl weniger die US-Navy SEALs oder südkoreanische Agenten-Kommandos, die im Falle des Falles sicherlich auf andere Verkehrsmittel zurückgreifen würden, als vielmehr die eigene Bevölkerung. Die zahlreichen Checkpoints von Polizei und Militär kann nur passieren, wer den richtigen Passierschein vorzuweisen hat.

Und selbst dann kann es, wie bei uns geschehen, zu außerplanmäßigen Komplikationen kommen, wenn die örtlichen Soldaten einen schlechten Tag erwischt haben oder bei der Vielzahl von unterschiedlichen Genehmigungen schlichtweg den Durchblick verlieren. An einem Kontrollpunkt vor einer Brücke, an dem wir auf der Hinfahrt ohne weiteres durchgelassen werden, wird nur wenig später bei der Rückfahrt plötzlich eine längere Kontrolle nötig. Nach kurzer Unruhe unter unseren Begleitern und einem leichten Disput mit den Soldaten vor dem Wagen dürfen wir schließlich doch problemlos weiterfahren, Passierschein A38 sei Dank.

Das Prozedere am Checkpoint, das sich in den kommenden Tagen andernorts noch unzählige Male wiederholen wird, erinnert in der Tat in seiner Absurdität etwas an die berühmte Episode aus den Asterix-Filmen, wenn auch unter deutlich weniger spaßigen Umständen.

Der eigentliche Grund für unseren ersten kurzen Ausflug aufs Land, das besagte Königsgrab aus der frühzeitlichen Epoche Koreas, ist hervorragend restauriert, wenn auch mit leicht sozialistischem Touch und fernab des Originalzustandes. Wir spazieren eine ganze Weile über die auf einem Hügel gelegene Grabstätte, wiederum begleitet von einer lokalen Fremdenführerin, die trotz ihrer hohen Schuhe überaus grazil über die groben Steinblöcke tänzelt. Nichtsdestotrotz ist der Rundgang wenig informativ und wir sind nicht traurig darum, mit dem Bus anschließend zur nächsten und auch letzten Station des Tages zu fahren.

Auf dem Weg zum vermeintlichen Geburtshaus von Kim Il-sung, das, wie es der Zufall so will, in unmittelbarer Umgebung der Hauptstadt steht, werfen wir noch einen Blick auf einen weiteren Freizeitpark. Der Park zeichnet sich nicht etwa durch spektakuläre Fahrgeschäfte aus, sondern durch die detailgetreuen Repliken nahezu aller nordkoreanischen Sehenswürdigkeiten in Miniaturform. Neben dem kurz zuvor begutachteten Grab von König Tangun finden sich auch alle anderen Gebäude und Monumente wieder, die wir im Laufe des Tages im Original gesehen haben. Sogar das neue Ryugyong Hotel ist schon zu finden, obwohl der als Vorbild dienende Bau im Zentrum noch nicht einmal fertig gestellt ist.

Ähnlich realitätsfern geht es wenig später in Mangyongdae zu, wo ein bestens erhaltenes „altes“ Bauernhaus auf uns wartet. In diesem Haus ist Kim Il-sung der Sage nach geboren und aufgewachsen, bevor er vor den Japanern in die Mandschurei fliehen musste, von wo aus er seinen heldenhaften Kampf gegen die Besatzer pflichtgemäß fortsetzte. Es ist anzunehmen, dass die Familiengeschichte hochgradig geschönt und frisiert wurde. Was tatsächlich stimmt und was nicht, ist dabei nur schwer auszumachen.

Was nach westlichen beziehungsweise russischen Erkenntnissen als erwiesen gilt und von nordkoreanischer Seite naturgemäß vehement bestritten wird, ist, dass Kim Il-sungs Eltern gläubige Christen waren und tatsächlich eine Zeit lang aktiv das japanische Besatzungsregime bekämpften. In Folge dessen flohen sie in den 1920er Jahren in die damals noch zu China gehörende Mandschurei, wo sich in den 1930er Jahren auch Kim Il-sung den koreanischen Exil-Partisanen anschloss.

Als japanische Truppen 1937 schließlich auch die Mandschurei besetzten und dort Jagd auf koreanische Untergrundkämpfer machten, floh er in die Sowjetunion, wo er auch seine militä-rische Ausbildung erhielt. Angeblich soll er als Teil einer koreanisch-stämmigen Schützenbrigade sogar an den Kampfhandlungen gegen die deutsche Wehrmacht in Stalingrad teilgenommen haben. Dass er zweifellos beste Kontakte in die Sowjetunion hatte und über ausgeprägte militärische Kenntnisse verfügte, gilt als sicher. Denn nur aufgrund dieser Tatsachen wurde er von Stalin als Stadthalter Moskaus in der sowjetischen nordkoreanischen Besatzungszone ernannt, nachdem die Japaner nach ihrer Kapitulation 1945 abgezogen waren.

Mit großzügiger Hilfe des sozialistischen Bruders konnte er sich anschließend in kürzester Zeit an der Spitze des neugegründeten nordkoreanischen Staates etablieren. Für die nordkoreanische Geschichtsschreibung scheint hingegen zweifelsfrei erwiesen zu sein, dass Kim Il-sung nie in der Sowjetunion gewesen ist und Zeit seines vorpräsidentiellen Lebens stets unter prekärsten Bedingungen gegen die Japaner auf der koreanischen Halbinsel und in der angrenzenden Mandschurei gekämpft hat. Ohne den Kriegseintritt der Amerikaner 1941 und dem daraus resultierenden Zusammenbruch des japanischen Kolonialimperiums würde er das womöglich immer noch tun.

Das Geburtshaus liegt in einem lichten Kiefernwald, der durch asphaltierte Wege bestens erschlossen ist. Eine Reisegruppe aus Taiwan ist kurz vor uns am nationalen Heiligtum angekommen und drängt sich nun im kleinen Innenhof des Gehöfts, um die besten Motive vor die Kameras zu bekommen.

Alles sei originalgetreu erhalten, wie uns eine in koreanische Trachten gekleidete Frau versichert. Neben einer Wohnstube mit offener Küche sind auch ein Stall sowie eine Werkstatt mit den Arbeitsgerätschaften der damaligen Zeit zu sehen. Mit diesen Geräten hätten Kim Il-sung und seine Familie damals zurechtkommen müssen, sie seien halt sehr einfache Leute gewesen, übersetzt Herr Koo für uns. Die bittere Ironie ist, dass die Mehrheit der Landbevölkerung in Nordkorea mit nahezu den gleichen Geräten auch heute noch auskommen muss. Familie Kim oder vielmehr ihre Nachfahren sind hingegen längst in das wenige Kilometer entfernte Pjöngjang umgezogen und leben dort in Saus und Braus. Kim Il-sungs großem Schaffen sei Dank.

Blick auf die Kim-Il-sung-Bibliothek in Pjöngjang

Blick auf die Kim-Il-sung-Bibliothek in Pjöngjang

Blick vom "Ehrenhain der Revolutionäre" über die Skyline von Pjöngjang

Blick vom „Ehrenhain der Revolutionäre“ über die Skyline von Pjöngjang

Das Geburtshaus des "großen Führers" Kim Il-sung in der Nähe von Pjöngjang

Das Geburtshaus des „großen Führers“ Kim Il-sung in der Nähe von Pjöngjang

nachgebautes Grab von König Tangun

nachgebautes Grab von König Tangun

Spielende Kinder vor dem Eingang eines Freizeitparks

Spielende Kinder vor dem Eingang eines Freizeitparks

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Lasse Kroll

Über Lasse Kroll

Ich bin gebürtiger Kieler, 25 Jahre alt und studiere seit 2008 in Lüneburg. Nach meinem erfolgreich absolvierten Bachelorstudium in BWL und Politikwissenschaften stehe ich nun kurz vor meinem Masterabschluss in Staatswissenschaften. Reisen ist eine große Leidenschaft von mir und ich war bereits mehrmals für einen längeren Zeitraum im Ausland. 2012 habe ich eine Reise um die Welt unternommen, die ich ebenfalls via Blog und später in Form eines Taschenbuchs in Text und Bild dokumentiert habe. Darüber hinaus liegen mir kulturelle Veranstaltungen sehr am Herzen, sodass ich in Lüneburg das lunatic Festival betreut und in Kiel den MUDDI Markt zur Kieler Woche ins Leben gerufen habe. Über Fragen und Anregungen zu meinen Beiträgen freue ich mich jederzeit.

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