Lost in Translation

Wie konnte ich nur? Sisyphos, ich verstehe dich jetzt, der Stein, der Berg….das ist einfach ’ne Scheißarbeit. Wie kam Camus nur darauf, dass er ein glücklicher Mensch war, dieser Sisyphos
…absurder Mensch…absurde Vorstellung. Alles begann ganz unscheinbar:


Mein Mac fragte mich ja noch…idiotensicher eigentlich…
Trotzdem habe ich es geschafft meinen schön fertig geschriebenen Blogeintrag in die ewigen Jagdgründe meines Rechners zu schicken, wo ich ihn selbst nach unökonomisch langer Internetrecherche in irgendwelchen Nerdforen nicht wiederfinden konnte (zugegeben in der Zeit hätte ich einen neuen schreiben können, ja sogar einen zum verwechselnd ähnlichen…aber es ging ums Prinzip).

In Gedenken an meinen verschollenen Blogeintrag erzähle ich Euch einfach von Ihm:
Seine Geburtsstunde hatte er auf meinem Hinflug nach Südkorea, Bangkok – Seoul.
Ich berichtete (wie ich es mir angewöhnt habe) erst von dem gerade Erlebten. 
Ich war mit Freitag zusammen auf Inselhoppingtour im Golf von Thailand, ich war natürlich Robinson…wobei phänotypisch die Rollen wohl eher hätten umgekehrt sein müssen, aber ist man in seinen Vorstellungen nicht immer der Protagonist?

Naja, Max (Freitags echter Name) ist ein sehr guter Freund von mir, mit dem ich einen Monat lang durch Südostasien backpackte. Seitdem ist viel Zeit vergangen, Vietnam, Kambodscha, Thailand und auch Südkorea liegen genau in diesem Moment, in dem ich die Reinkarnation meines verschollenen Beitrags schreibe, hinter mir.

Allerdings war der alte Blogeintrag ja noch vor Südkorea, deswegen weiter im Text:
Nachdem Freitag mich verlassen hatte, da er sich nun der Medizin in Freiburg widmet, floh ich an die Westküste auf eine…sagen wir dünn besiedelte Insel. Ich hatte drei Stunden Strom am Tag, kein Internet, habe genau zwei andere Touristen getroffen, konnte mir aber die Zeit mit ein paar Surfbrettern und Hörbüchern vertreiben. Letztere dienten als durchaus tauglicher Gesellschaftsersatz.

ArianChina2

Mein nächstes Inselszenario schwebte mir vor: Ich als Tom Hanks in „Cast Away“. Wilson, mein Volleyball war schnell gefunden, bemalen durfte ich ihn jedoch nicht, er gehörte mir nicht. Reden wollte ich mit ihm auch nicht, dafür hatte ich ja die Hörbücher. Außerdem kommt sowas nur gut in Filmen. 
Mein Inselexkurs hatte definitiv etwas Entspanntes an sich, allerdings war da eine Sache, eine Schnapsidee in meinem Hinterkopf, etwas, was mal gar nicht geplant war, sondern irgendwann auf meinem Abiball (möglicherweise unter Alkoholeinfluss) entstanden ist. 
In unserem Abibuch auf der Seite eines gewissen Dawoon Kim, steht nämlich in etwa folgender Satz:

„Mein Lieblingsasiate, irgendwann essen wir in Korea dieses coole Reissandwiche zusammen!!“

Arian Henning, 13a

Wir saßen im Musikunterricht nebeneinander, unser Musiklehrer war eher mäßig interessant, wir verstanden uns gut. Ich hatte damals schon eine Vorliebe für koreanisches Essen und ja…was soll ich sagen, ich habe mich riesig gefreut ihn zu sehen (in meinem alten Blogeintrag beschreibe ich an dieser Stelle natürlich nur die Vorfreude auf das Treffen, welche ähnliche Ausmaße besaß).
So weit seid ihr nun ins Bild gesetzt, im Moment schreibe ich aus dem Flieger nach Malaysia, danach gehts nach Thailand zurück, danach nach Sydney, bis ich schlussendlich gegen Mitternacht am 07.Oktober Neuseeland erreichen soll (soweit die Theorie).
Das ist dann mein letzter und mit Abstand längster Stop der ganzen Reise.
Warum das alles so kompliziert ist, was ich so in Südostasien gemacht habe und warum Südkorea definitiv eine Reise wert war, sollt ihr natürlich auch erfahren. So weit waren wir aber noch nicht, wenn ich mich recht erinnere.

China, das Land, steht blogtechnisch noch aus.
Gehen wir also ungefähr zwei Monate zurück:
Nach unserer Ankunft in Peking musste erstmal etwas zu essen gesucht werden. Niemand sprach wirklich Englisch, zum Glück hatten sie Bilder auf die man zeigen konnte…
Ich verstand also zum ersten Mal den Titel von „Lost in Translation“ und mein Vater und ich zeigten drauf los…das hier sieht gut aus, oder lieber das, das haben sie nicht mehr…okay nehmen wir das, damit kann man nichts falsch machen –  von wegen.

Das 
Resultat waren drei volle Teller:
Einmal Nudeln, so ‘ne Art Schweinefleisch süß-sauer und ein Teller undefinierbaren Fleisches (Gedärme, wie sich später herausstellte). Wir aßen alles an, allerdings nichts auf.
China kann jedoch, mit ein wenig mehr Übung, wie wir in den nächsten Wochen herausfanden, ein wahres Paradies an Köstlichkeiten aufbieten, aber wie gesagt mit mehr Übung…
Am nächsten Tag hatte ich Geburtstag und aufgrund der Tatsache, dass sich die ganze Familie nach immerhin einem Monat wiedertraf, ebbte die Standardfrage „Naaaaa, was möchte das Geburtstagskind jetzt machen?“ schnell ab und mündete in allgemeine Reiseberichterstattung.
Zum Glück kann ich da nur sagen, da ich mich bei dieser Geburtstagsstandardfrage immer wie ein dicklicher, verwöhnter Fünfjähriger fühle, der entscheiden darf, ob heute eher Kino oder doch lieber Vergnügungspark angesagt ist… „denn an meinem Geburtstag müssen sie ja mal machen, was ich will!“
Doch der dickliche Fünfjährige in mir wollte tatsächlich etwas machen: Spa!
Nach der Transsib war das eine Art Wunschtraum, der sich verwirklichen sollte. 
Der Laden, der dem Namen „Spatempel“ ausnahmsweise mal gerecht wurde, hieß No.8 Hotsprings, wenn ich mich recht erinnere, und lag im Zentrum der Stadt (laut Google). Der Vorschlag wurde herzlich begrüßt und wir machten uns auf den Weg. Es erwartete uns eine Art chinesisch nachgebauter Garten Eden mit kleinen Brückchen, die die heißen Becken verbanden und einem künstlichen Sternenhimmel.

Das Ganze war, wie wir im Laufe des Aufenthalts herausfanden, FKK und dementsprechend Frauen und Männer getrennt. Die Erkenntnis, dass die Chinesen das mit der freien Körperkultur tatsächlich ernst meinten und sich an wenig bis nichts störten, kam relativ schnell. Sie saßen sich splitternackt gegenüber, unterhielten sich und aßen ein paar der angebotenen Früchte. Die dargebotenen Szene hätte zweifelsohne auch das Bühnenbild einer chinesischen, leicht surrealen Fassung der Schöpfungsgeschichte sein können.

Da standen wir also zu dritt, mein Bruder, mein Vater und ich, alle noch etwas peinlich berührt mit Handtüchern bekleidet. 
Die Scham wich allerdings schnell der menschlichen Anpassungsfähigkeit.
Als wir uns gerade an die neuen Umstände gewöhnt hatten, bekamen wir ein Peeling von drei kleinen Chinesen (ohne Kontrabass) aufgedrängt, welches zwar angenehm und durchaus entspannend war, jedoch mit einer ungewohnten Gründlichkeit ausgeführt wurde, sodass mein Bruder mir im Nachhinein versicherte posttraumatische Belastungsstörungen von dem vorherigen Milch-, Honig- und Algenbad davongetragen zu haben. Nackt sieht die Welt halt anders aus…

Naja, soweit meine kleine Geburtstagsanekdote, nach ungefähr zwei Wochen fuhren wir mit dem (schnellsten) Zug (der Welt) nochmal nach Shanghai, eine beeindruckende, allerdings weniger traditionelle Stadt im Vergleich zu Peking. Wir besuchten noch ein umliegendes Fischerdörfchen, welches mir den besten Eindruck gab, wie es außerhalb der Metropolen Chinas aussah.

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Es war nicht bettelarm, man sah auch nicht überall riesige Maoplakate (wie auf dem Tian’anmen-Platz in Peking). Und dass in China nicht alle u-bahnfahrende Smartphonezombies waren, wurde ebenfalls schnell klar. Es schien ein Land der Gegensätze zu sein, ein Land zwischen historischen (Alt-)Lasten des Kommunismus und einer derzeitigen Entwicklung zur kapitalistischen Weltmacht, zwischen Metropolen, die sich ohne Weiteres mit New York, Paris oder London vergleichen lassen und Dörfern, die eher an Dritte Welt erinnern.

Man könnte jetzt noch auf Politik, Wirtschaft und Menschenrechte eingehen, auf Arbeitsbedingungen, Weltmachtsansprüche, Unterdrückung und Pressefreiheit. Um ehrlich zu sein, hatte ich sogar schon einen Absatz formuliert, der China als größte Volkswirtschaft durchleuchten und wirtschaftliche Ungerechtigkeit aufzeigen sollte. Was anhand der Statistiken erstens keine Meisterleistung war, zweitens mir beim Drüberlesen ein wenig altklug vorkam und drittens eigentlich für mich als Touristen gar nichts zur Sache tat.

Ich versuchte das Land oder besser gesagt jedes Land auf meiner Reise mal so zu sehen wie es ist, wie ich selber es erlebt habe und nicht wie es medial abgehandelt wird. Das mediale Bild von China kennt jeder, der die Tagesthemen schaut. Mein Bild – ohne dass ich behaupte, keine Parallelen gefunden zu haben – war anders. Da dieses Bild vermutlich ähnlich unvollständig und durch und durch subjektiv ist, möchte ich mal versuchen es an einer kleinen Anekdote festzumachen, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging:
Wir saßen am Bahnhof in Peking und warteten auf den Zug nach Shanghai. Ich führte eine Diskussion mit meinem Vater.

Es war solch eine Art Diskussion, wie sie wohl nur die beiden Diskutanten selbst interessieren könnte, deswegen erspare ich euch Details. Es ging, um es so kurz wie möglich zu machen, um Homosexualität im Sinne des kategorischen Imperativs.
Während wir also abwogen, ob Kant (der im sexuellen Sinne wohl selbst eine Art Sheldon Cooper gewesen sein soll) Homosexualität moralisch befürworten würde oder nicht, lauschte eine Chinesin aufmerksam. Sie dachte jedoch, dass wir unsere persönlichen Meinungen austauschen würde, den Teil mit Kant musste sie überhört haben.

Nachdem sich die Diskussion auflöste und ich runter ans Bahngleis gehen wollte, kam sie kurz auf mich zu. Sie sprach offensichtlich genug Deutsch – woher auch immer- um mir nochmal ihre Meinung zum eben Debattierten zuzutragen. Ich war sichtlich erstaunt, wo mich doch nie jemand verstand, nicht mal, wenn ich einen Kaffee wollte. Und dann äußerte sich hier plötzlich eine junge Chinesin zum heiklen Thema der Homosexualität.
 Sie sagte, es sei vielleicht nicht normal, allerdings würde sie mir recht geben. Jeder kann machen was und mit wem er es will, dass sei nunmal Teil der Freiheit. Freiheit – interessant, gibt es anscheinend auch außerhalb von Westeuropa.
Abgesehen davon, dass sie den Kern der Diskussion missverstand, war ich überrascht und gleichzeitig erfreut über ihre Bemerkung. Zum Einen hatte sie den Mut mich anzusprechen und ihre Meinung zu äußern, zum Anderen fiel ihr Urteil genau so liberal wie deutlich aus. Sie hatten scheinbar eine klare Vorstellung des Freiheitsgedanken…wie repräsentativ sie da für alle Chinesen war, weiß ich natürlich nicht…
Trotzdem beeinflusste diese kurze Begegnung mein Bild von China…
Reisen ist eben tödlich für Vorurteile, das wusste auch schon Mark Twain.

Alle Fotos aus China gibt es übrigens hier.

ArianChina4

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