Außerhalb der Wohlfühlzone

Als ich in den Bus stieg, in dem wir die nächsten 8 Stunden verbringen sollten, musste ich mit Bedauern feststellen, dass Tabea und ich die einzigen Nicht-Kolumbianer waren. Aus irgendeinem Grund hatte ich gehofft, wir würden hier auf Backpacker oder Touristen jeglicher Art stoßen, aber gut, eigentlich wollte ich ja sowieso schlafen, immerhin war es schon 22:30 Uhr.

Vorab wurde mir schon gesagt, dass es recht kalt in den Reisebussen sein solle, da die Klimaanlage permanent laufe, also hatte ich mir vorsorglich einen Pullover und einen Schal mitgenommen – für den Notfall! Ein Blick auf meine Mitfahrer verriet mir, dass meine Vorsorgemaßnahmen eventuell nicht ganz reichen würden; neben mir auf der anderen Seite des Ganges saß eine Frau mit einer Mütze bis tief in’s Gesicht gezogen in einer Decke eingekuschelt.

Tabea und ich tauschten einen kurzen, beunruhigten Blick aus und entschieden uns, einfach gleich einzuschlafen, um die Busfahrt einfach so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. Nachdem sie mich 20 Minuten darauf noch mindestens zweimal geweckt hat, um mich auf die schönen Nachtlichter bewusst zu machen (Einschub: Da Kolumbien recht gebirgig ist, hat man nachts immer eine wunderschöne Aussicht auf die brennenden Lichter der Häuser.), schliefen wir beide nach 30 Minuten.

Die Busfahrt verlief relativ zügig, weil wir dadurch, dass wir nachts gefahren sind, keinen Stau hatten und nachdem ich gefühlt jede Stunde aufgewacht bin, weil die auf Hochtouren laufende Klimaanlage mich zu einem Schneemann verwandelt hat, sind wir sicher in Medellín angekommen, der mir am meist empfohlenen und angeblich schönsten Stadt Kolumbiens.
Anfang der 80er bis Mitte der 90er Jahre war das Medellín-Kartell noch der größte Kokain-Exporteur weltweit; die Stadt war aufgrund der Kriminalität sehr gefährlich. Inzwischen wird Medellín aber als strukturierteste Stadt Kolumbiens gesehen und ist das zweitwichtigste Industriezentrum Kolumbiens.
Auch der Verkehr machte auf der Taxifahrt zum Hostel einen strukturierteren Eindruck, bis wir auf der Schnellstraße an einem Fahrradfahrer vorbei fuhren, der sich hinten an einem geschätzt 80 km/h-schnell fahrenden Lastwagen festhielt und sich anscheinend mitnehmen ließ. Willkommen in Kolumbien, dem Land der unbegrenzten Tranportmöglichkeiten!
Beim Hostel angekommen – inzwischen war es vielleicht 7 Uhr – wurde uns dann gesagt, dass wir erst um 14 Uhr einchecken könnten, also legten wir uns auf die Sofas in der Lobby und holten etwas Schlaf nach. Bis zum Zeitpunkt des Check-Ins stießen dann noch Philipp und danach Marc, Lore und Robbe dazu. Lore und Robbe sind beide aus Belgien, also bemühten wir uns, die für die komplette Reise auf Englisch zu sprechen.

Die beiden waren mit Marc bereits ein paar Tage in Medellin gewesen und hatten für diesen Tag geplant, sich Comuna 13 anzuschauen, eine Favela, in der eine Freiluftrolltreppe  mit einer Gesamtlänge von 348m gebaut wurde, sodass man den ganzen Berg damit hochfahren kann. Diese wurde vor allem errichtet, um den älteren Bewohnern den Aufstieg zu ihren Häusern zu erleichtern. Für uns war es die perfekte Gelegenheit, die Divergenz der kolumbianischen Gesellschaft warhrzunehmen.

Während wir im schönsten Viertel Medellins wohnten, ist Comuna 13 das am dichtesten besiedelte Gebiet der Stadt. Im Internet hatte ich schon gelesen, dass das Viertel einst bekannt für blutige und tödliche Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Drogenbanden bekannt war. Auch wenn es heutzutage auch für Touristen zumindest tagsüber eine zu betretende Gegend sein soll, habe ich vorsorglich keinerlei Wertgegenstände außer umgerechnet circa vier Euro mitgenommen. Folgende Fotos von der für mich persönlich schönsten Erfahrung Medellins entstammen also aus den Kameras meiner Freunde.

Atemberaubende Aussicht auf die Comuna 13

Atemberaubende Aussicht auf die Comuna 13

 

 

 

 

 

(von links nach rechts) Robbe, Philipp, Lore, Tabea, ich und Marc vor einer Wand mit beeindruckendem Graffiti

(von links nach rechts) Robbe, Philipp, Lore, Tabea, ich und Marc vor einer Wand mit beeindruckendem Graffiti

Während der Während der gesamten Erkundung des Viertels haben wir uns nie bedroht gefühlt, haben sogar eine weitere deutsche Touristengruppe getroffen und wurden von den Bewohnern stets mit Neugier und einem freundlichen Lächeln begrüßt. Viele einzigartige Eindrücke später nahmen wir ein Taxi

Weiteres Gruppenfoto (ohne Robbe, da er das Foto geschossen hat) während des Entdeckens des Viertels

Weiteres Gruppenfoto (ohne Robbe, da er das Foto geschossen hat) während des Entdeckens des Viertels

zurück – diesmal zum Hostel von Lore und Robbe, in dem wir – nachdem wir uns intensiv über die kolumbianischen Essgewohnheiten austauschten – uns al dente gekochte Nudeln mit Tomatensauce mit geschnittenem Gemüse zubereiteten. Wir verbrachten noch einige Stunden auf der Dachterrasse des Hostels, von der man eine eindrucksvolle Aussicht auf die Nachtlichter Medellins hatte, und entschieden uns später, die Nacht zum Tanzen zu nutzen.

Zurück in El Poblado, dem Viertel unseres Hostels, hörte man bereits die verschiedensten Melodien und Bässe aus den Bars und Clubs schallen. Durch Zufall fanden wir einen Underground Elektoclub, der uns sowohl von der Aufmachung, der Musik als auch dem Publikum ansprach und so ließen wir unseren ersten Abend zu berauschenden Elektroklängen ausklingen.

Wir hatten uns fest vorgenommen, am nächsten Morgen verhältnismäßig früh aufzustehen, aber wie bereits vorsehbar war es nicht sehr realistisch, dass wir dieses Vorhaben in die Tat umsetzen würden, so machten wir uns erst gegen Mittag mit der in Kolumbien einzig in Medellin existierenden Hochbahn auf den Weg zum Zentrum Medellins. Diese ist aber samstags so voll, dass wir ohne es zu bemerken Robbe am Bahnhof hinter uns gelassen habe. Zum Glück wussten wir alle, an welcher Station wir aussteigen mussten und mussten nur 5 Minuten warten, bis der nächste Zug kam, von dem Robbe glücklicherweise auch ausstieg.

In der Metro selbst bekam man gleich den Stellenwert von Hygiene in Kolumbien zu spüren. Kolumbianer legen großen Wert darauf, mindestens ein Mal täglich zu duschen und stets gepflegt zu erscheinen. So kam es, dass es in der Metro sehr angenehm roch, obwohl es so eng war, dass ich mich nichtmal festhalten musste, um nicht hinzufallen.
Im Zentrum verbrachten wir viele Stunden damit, einfach durch die Stadt zu laufen, den „medellinischen“ Alltag auf uns wirken zu lassen und uns einige Souvenirs und Kleinigkeiten auf den Straßenmärkten zu erwerben. Auch wenn ich stets versucht habe, die Preise etwas runterzuhandeln, weiß ich, dass wir für alles trotzdem um einiges mehr zahlen als Kolumbianer es tun würden.
Robbe musste an dem Tag leider schon abreisen, also verabschiedeten Tabea und ich uns von ihm und machten uns auf dem Weg, um den Einkauf für das Abendessen zu erledigen, während der Rest Robbe zum Terminal begleitete. Da das Abendessen vom vorigen Tag uns einfach fantastisch geschmeckt hat, beschlossen wir, dass wir es einfach nochmal kochen würden.

Aus einem eigentlich simplen Einkauf zu zweit wurden circa eineinhalb Stunden durchgängiges Lachen und wir ernteten viele schräge Blicke der Kolumbianer. Wie schön es doch ist, jemanden zu haben, mit dem einfach alles Spaß macht! Zurück im Hostel haben wir dann wieder alle zusammen gekocht und unser Beisammensein genossen. Durch Zufall lernten wir im Hostel noch einige Kolumbianer kennen; einer von ihnen sprach fließend Deutsch, weil er mal ein Jahr in Minden gewohnt hat. Später stellte sich dann noch heraus, dass er die einzige Person, die ich aus Minden kenne, auch kennt. Wie klein die Welt doch ist!

Wieder einmal endete der Abend für uns tanzend zu Musik; diesmal jedoch kolumbianischer, das heißt Raggaeton, Salsa, Vallenato, Merengue, Champeta und Bachata.

Gondelbahn in Medellín

Gondelbahn in Medellín

Da uns die Erfahrung vom ersten Tag so gut gefallen hat, nahmen wir uns für Sonntag vor, eine weitere Favela zu besuchen, die durch eine Gondelbahn zu erreichen ist. Damit stiegen wir circa 400 Meter auf, um eine weitere wenig entwickelte Gegend Medellins zu erkunden, die wir schon während der Gondelfahrt von oben bestaunen konnten.IMG_0469

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Gruppenfoto

IMG_0474 (2)Auch hier gab es wieder eindrucksvolle Graffitis zu sehen und einfach einen mal anderen kolumbianischen Lebensstil aufzufassen. Wir erlaubten uns ein umfangreiches Mittagessen in eines der Restaurants für umgerechnet circa vier Euro.

 

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Man sagt, die Zeit sei ein großer Lehrer. Das Übel dabei ist, dass sie ihre Jünger tötet.

Auf dem Rückweg zur Gondelstation passierten wir eine große Menge Menschen auf der Straßen. Nach einigem Kopfausstrecken und rumschauen erkannten wir, dass eine Art Motorradfest stattfand, bei dem einige einfach auf ihren Motorrädern die Straße auf- und abfuhren und einige „Kunststücke“ zeigten. Da wir IMG_0484 (2)uns in dieser Gegend jedoch nicht so sicher fühlten, wie wir es in der anderen Favela getan haben, machten wir uns dem Weg zurück. Wieder trennte sich die Gruppe, weil Philipp noch sein Rückticket kaufen musste und Tabea und ich einige touristischen Sehenswürdigkeiten besichtigen wollten, die Marc und Lore bereits gesehen haben.

Wir machten uns auf zum „Pueblito Paisa“, einem Dorf im kolonialischen Stil, ein angebliches Must-See in Medellin; Tabea und ich waren jedoch wenig begeistert. Das Dorf war überrannt von Touristen, es gab einige Souvenirläden und ein kleines Museum, in dem alle einfach wild Fotos schossen ohne zu wissen, was überhaupt ausgestellt wurde. Wir entschieden uns deshalb dafür, den Botanischen Garten anzusehen, der uns oft empfohlen wurden.

Im Nachhinein war das die beste Entscheidung, die wir hätten treffen können, denn als wir ankamen, war dieser zwar schon geschlossen, doch wurde darin ein kostenloses Konzert von noch unbekannten Musikern in Lateinamerika veranstaltet. Es war inzwischen dunkel geworden in Medellín, man sah bereits Nachtlichter im Hintergrund, eine große Menschenmenge saß auf dem Boden, einige standen auf ihren Beinen und wippten ihre Arme im Takt der harmonischen Musik. Selten habe ich mich so wohl, entspannt und frei gefühlt.

Erst als wir einen Anruf von Marc bekamen, wurde uns bewusst, wie viel Zeit schon vergangen war. Mittlerweile war es schon spät abends; das nationale Fußballspiel, das die anderen der Gruppe besucht haben, war bereits vorbei und wir trafen uns in dem Viertel unseres Hostels zum Abendessen. Die Nacht brach ein, als wir in netter Runde einige Bierchen und viel Lachen und Lebenfreude miteinander teilten.

An unserem letzten vollen Tag waren wir uns einig, dass wir einfach einen entspannten Tag zusammen verbringen möchten und gönnten uns ein Brunch bei der kolumbianischen Kette „Crepes&Waffles“, die einerseits durch ihre wirklich köstlichen Crepes und Waffeln in verschiedensten Formen, andererseits dadurch, dass sie nur alleinerziehende Frauen einstellen, bekannt geworden ist. Den Nachmittag verbrachten wir in einem Einkaufszentrum in Läden wie Bershka, Pull & Bear, Zara und Mango. Wir erlaubten uns eine kleine Pause vom Entdecken der kolumbianischen Kultur und ließen und voll uns ganz in den Bann der europäischen Klamottenmarken ziehen.

IMG_0497 (2)Am nächsten Morgen war bereits der Tag der Abreise gekommen. Auf verzweifelter Suche nach Mitbringseln für unsere Gastfamilie machten wir uns erneut zügig auf den Weg in das Zentrum und wurden dort glücklicherweise am bekannten Plaza Botero auch fündig; einige letzten Tourifotos und ein wenig Sushi (das beste, das ich in Kolumbien bis jetzt gefunden habe!) zum Mittagessen und schon mussten wir uns mit schwerem Herzen und dem Versprechen, einander in der nahen Zukunft zu besuchen, voneinander verabschieden.
Den Rest des Tages verbrachten Tabea und ich im einzigen Ort Kolumbiens, in dem es Winter wird – im Reisebus.

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