Als Lehrer gelehrt

Zur Feier meines letzten offiziellen Arbeitstages für das Jahr 2014 berichte ich nun endlich über den Kern meines Aufenthaltes, dem Fundament meines kolumbianischen Daseins, dem Leitgedanken, der Triebfeder meiner derzeitigen Existenz: meine Arbeit im CENID: Centro Educativo del Niño con Discapacidad

Auch wenn ich Kolumbien so viel wie möglich bereisen und die Gesamtheit seines Facettenreichtums erleben und aufnehmen möchte, war mein maßgebender Beweggrund für diesen Auflandsaufenthalt nicht die Entdeckung einer neuen Kultur oder die Erkundung eines neuen Landes, sondern die Reaktion, eine Antwort auf das Glück (1), das mir bereits im Leben entgegengebracht wurde.
Meines Erachtens hat nicht nur jeder Mensch verdient, sondern auch ein Recht darauf, glück(2)lich zu sein und nach meinem Befinden hat auch jeder Mensch die richtigen Voraussetzungen für dieses Glück (3).
Ich bin der Überzeugung, dass man sich lediglich für sein Glück (4) entscheiden muss. Mit diesem Glauben machte ich es mir zur Mission, mein erlebtes Glück (5) mit meinen Mitmenschen zu teilen und sie somit aufzufordern, es mir gleich zu tun und ihr eigenes Glück(6) zu finden, aber bevor ich mich in einen Moralapostel verwandel und ausschweifend meine Lebensphilosophie zu sehr ausführe – mein Wörterzähler weist auch inzwischen sechs Male auf, die ich das Wort „Glück“(7) benutzt habe – komme ich nun zurück auf den eigentlichen Inhalt meines Beitrages.

Meinen Freiwilligendienst hier in Kolumbien sehe ich folglich als eine Ausführung meiner bereits erklärten Mission. Glücklicherweise wurde meinem Wunsch, in einer sozialen Einrichtung zu arbeiten, nachgegangen und so arbeite ich seit circa drei Monaten schon im CENID, einer Einrichtung für geistig Behinderte jeden Alters. Es ist also genug Zeit vergangen, um ein aussagekräftiges Fazit ziehen zu können, aber natürlich nicht vor einer „kurzen“ (mir fällt es wirklich schwer, aber ich bemühe mich, mich so kurz wie möglich zu halten) Zusammenfassung meiner Arbeit.
Cenid beschäftigt mit mir 14 Angestellte, davon fünf Lehrer, eine Direktorin, eine stellvertretende Direktorin, eine Logopädin, einen Psychologen, eine Physiotherapeutin, eine Ergotherapeutin, eine jährlich wechselnde Freiwillige und zwei „Mädchen für alles“.

IMG-20141126-WA0007(1)

Meine Kollegen (außer dem Psychologen Diego, der zu spät gekommen ist) am letzten Schultag des Jahres

Täglich von Montag bis Freitag folgen die Schüler einem festen Stundenplan, in dem sie in fünf Klassen eingeteilt werden – ausgehend von Alter und Intelligenz – in denen sie je nach Behinderungsgrad lesen und schreiben, sprechen, malen, rechnen, basteln lernen. Außerdem gibt es dann noch Unterricht, in dem sie lernen, sich selbstständig zu waschen, beziehungsweise sich um sich selbst zu sorgen oder auch Sportunterricht, Tanzunterricht und Musikunterricht.
Um euch einen groben Überblick über meine Arbeit zu verschaffen, möchte ich euch gerne einen normalen Arbeitstag vorstellen. Montags ist dabei eher ein spezieller Arbeitstag für mich, da ich an dem Tag – nachdem ich dies aufgrund meiner geplanten Wahl des Studiengangs Psychologie als ausdrücklichen Wunsch geäußert habe – mit dem Psychologen zusammenarbeite. Dort leiten wir zusammen entweder Sitzungen mit Schülern mit außerschulischen Problemen, in denen sie meist ihr Herz ausschütten über derzeitige familiäre Probleme oder führen konzentrations- und intelligenzfördernde Ubüngen durch.

Somit habe ich meist einen sehr interessanten Einstieg in die Arbeitswoche und konnte schon viel über die Hintergründe der Schüler lernen und somit teilweise auch ihr in einigen Fällen wirklich schon dissoziales Verhalten zu begründen und nachzuvollziehen.
Dienstags bis freitags ähneln sich meine Arbeitstage hingegen vom Aufbau.
Ich werde um circa 13:30 vom Schulbus abgeholt, mit dem die meisten Mitarbeiter und Schüler fahren. Die Fahrt zu der Schule dauert nur etwa 10 Minuten; die Schule ist also nicht sehr weit entfernt und befindet sich doch in einem sehr armen Viertel. Die Schüler selbst kommen auch meist aus eher ärmlichen Verhältnissen, denn auch wenn die Institution privat finanziert wird, sind die Studiengebühren verglichen mit anderen privaten Schulen dieser Art niedrig.
An der Schule angekommen, werde ich bereits von einer kleinen Schülerzahl mit strahlenden Augen und einer Umarmung und Küsschen auf die Wange empfangen. Wenn dann einige Zeit später die (manuell zu betätigende) Schulglocke klingelt, stellen sich alle Schüler klassenweise in Reihen auf und werden von den Lehrern begrüßt. Noch schnell ein kleines Gebet aufsagen und dann geht’s schon ab in die Klassenräume. Die Klassen bestehen aus circa 15 Schülern; inzwischen arbeite ich nur noch mit den jüngsten Schülern der Schule und mit denen, die die höchste kognitive Unterentwicklung und somit die meisten Einschränkungen im affektiven Verhalten aufweisen.

Mit letzteren arbeite ich ausschließlich im Rahmen des Sportunterrichts, wenn man das denn so nennen kann, denn einige von ihnen sind so bewegungsfaul, dass man sie nur durch Tricks oder im Notfall mit gemeinsam aufgewendeter Kraft dazu zwingen kann, sich vom Fleck zu bewegen. Keiner kann mir wirklich erklären, welche Krankheit die Schüler genau haben. Auf Fragen habe ich erst drei Antworten bekommen: entweder Down-Syndrom, Autismus oder einfach „geistige Behinderung“.

Juan Orlando
Die Schüler dieser Klasse haben alle eine bestimmte Form des Autismus, nur eine von ihnen kann (wenn auch im Wortschatz und der Aussprache eingeschränkt) sprechen, ein weiterer ist darüber hinaus blind.

Ich habe mich in diesem Unterricht bisher am meisten auf Monica konzentriert, die mit ihren geschätzten sieben Jahren bereits autistische Züge aufweist, die – wie es mir scheint – durch einige traumatische Erlebnisse unterstützt wurden. Sie hat panische Angst vor Höhen – und möge sie auch nur auf einem liegendem Autoreifen stehen – und die permanente Sorge, geschlagen zu werden. Auch wenn ich nur meine Hand hebe oder sie an der Wange streicheln möchte, zuckt sie veränstigt zusammen und hebt ihre Hände zum Schutz vor ihr Gesicht. Seitdem ich fast täglich mit ihr arbeite, macht sie wirklich große Fortschritte. Einerseits hat sie bereits gelernt, selbstständig sitzend von höheren Hindernis herunter zu kommen, andererseits konnte ich einige Wörter beibringen so wie meinen Namen (den sie als einzigen aller Mitarbeiter inzwischen kennt!) und einige Phrasen, die wir für die Übungen brauchten so wie „Jetzt alleine!“ oder „Spring runter“ oder „Ist doch nichts passiert!“. Monicas Lernprozess wird durch einfache Stimulation gesteuert, wie zum Beispiel klatschen oder loben.

Snapchat--2324468931680527362

Monica und ich

Mein nächstes Ziel ist es, ihr abzugewöhnen, am Daumen zu lutschen. Auch wenn die Arbeit mit ihrmanchmal etwas anstrengend und deprimierend sein kann, da die Ergebnisse sehr abhängig von ihrer täglichen Stimmung sind, sind nach diesen 3 Monate doch deutlich Fortschritte erkennbar, was für mich der beste Teil meiner Arbeit ist: zu sehen, wie man etwas in einem Menschen bewegt und einen kleinen Beitrag zu deren Entwicklung leistet und das ist meiner Ansicht nach auch mein Beitrag als „Entwicklungsarbeiterin“, denn in einem Jahr an der Entwicklung eines gesamten Landes mitzuwirken, ist nur eine Traumvorstellung. Ich weiß, dass ich in diesem Jahr nicht auf einmal die Welt verändern und zu einem besseren Ort machen werde, aber wenn ich nur die Herzen einiger Menschen berühren konnte, wenn ich etwas Kleines in ihnen bewegen und hinterlassen konnte, dann ist das für mich schon mehr als genug.

Und die Antwort, die ich auf meine investierte Arbeit kriege, ist unschwer erkennbar, wenn die Kinder meiner jüngeren Klasse mich schon glückstrahlend erwarten. Wenn ich mit ihnen im Unterricht bin, helfe ich ihnen überwiegend, Arbeitsaufträge zu erledigen. Die meisten von ihnen lernen gerade von eins bis 20 zu zählen und oft auch spielerisch oder malend den Unterschied von Wörtern wie „vorne“ und „hinten“ oder „drüber“ und „drunter“ oder „mehr“ und „weniger“. Einigen bereitet dies Schwierigkeiten, andere fühlen sich unterfordert und der Rest versteht schon den Arbeitsauftrag nicht und hat keine Lernmotivation und stört somit den Unterricht oder verlässt einfach den Klassenraum; so richtig strukturiert und diszipliniert ist es nicht.

Meine Arbeitskollegen sind sehr nett, greifen jedoch in chaotischen Situationen meiner Meinung nach nicht genug durch und somit ist es im Klassenraum meist ziemlich unruhig und nur die ehrgeizigen Schüler erledigen eigentlich die Arbeitsaufträge. Wenn ich gerade nicht damit beschäftigt bin, diesen dabei zu helfen, bemühe ich mich, etwas Ordnung in den Klassenraum zu bringen und die Schüler davon abzuhalten, sich gegenseitig zu hauen und ärgern. Eine Schülerin namens Alejandra bringt mich dabei oft fast zum Verzweifeln, da sie eine stark ausgeprägte aggressive Ader hat und anscheinend Spaß daran hat, ihre Mitschüler zu hauen oder ihnen an den Haaren zu ziehen, ihre Lehrer hässlich zu nennen oder diese ebenfalls zu hauen.

Im Moment versuche ich, anstatt sie jedes Mal lauthals anzuschreien oder sie zurück auf ihren Platz zu zerren – so wie die meisten Lehrer es tun – ihr die Bedeutung von Liebe und Fürsorge beizubringen. Auf mein Drängen muss sie sich dann jedes Mal entschuldigen und das „Opfer“ umarmen, was ziemlich anstrengend ist, wenn sie sich alle 5 Minuten ein neues ausgesucht hat. Durch ihre Art ist sie natürlich entsprechend unbeliebt und wird von allen Schülern – ob alt oder jung, denn sie schreckt vor niemandem zurück – abgestoßen. Zur Zeit versuche ich sie etwas zu integrieren, um ihr zu zeigen, was es bedeutet, Freunde zu haben und nett zueinander zu sein. Das klappt ehrlich gesagt manchmal mehr, manchmal weniger. Ihr Verhalten hat sich bis jetzt eigentlich kaum verbessert, aber ich verliere nicht die Hoffnung!

Jpeg

Juan David

 

Dafür habe ich auch einige Engel in dieser Klasse, wie zum Beispiel der kleine Juan David, der im Vergleich zu seinen Mitschülern sehr intelligent ist. Er hat lediglich eine Lernschwäche und ist hyperaktiv, nimmt jedoch Medikamente dagegen und arbeitet die meiste Zeit sehr konzentriert mit. Wenn Alejandra mich dann mal wieder hässlich nennt, greift er sofort ein und sagt sowas wie „Sowas sagt man nicht! Das ist gemein. Bao-Thi ist nicht hässlich. Bao-Thi ist wunderschön!“ Dann sieht die Welt schon gleich ein bisschen besser aus.

 

 

Jpeg

Eins von schätzungsweise 1000 Bildern von Carlos und mir

Während dieser drei Monate ist mir wirklich aufgefallen, wie schwer es ist, keinen Lieblingsschüler zu haben. Anfangs habe ich viel Zeit mit Carlos verbracht, weil er unglaublich süß aussieht und sein Schicksal mich sehr berührt hat. Er ist im Gegensatz zu den anderen weder geistlich noch körperlich behindert, sondern wohnt im Waisenheim direkt nebenan, das eine Kooperation mit meiner Schule hat. Ehrlich gesagt habe ich bis heute nicht verstanden, was der kleine Junge im Cenid zu suchen hat, denn er könnte genau so gut mit gleichaltrigen Kindern auf eine normale Schule gehen, doch jedes Mal, das ich das Thema angesprochen habe, wurde mir keine richtige Antwort gegeben. Es scheint ein heikles Thema zu sein. Anfangs habe ich mich viel mit ihm beschäftigt und ihm besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt, was sich im Nachhinein als ein Fehler bewiesen hat, da er jetzt so verwöhnt von mir ist, dass er manchmal sogar richtig frech wird, weil er denkt, er könne alles machen.

Er wird sogar richtig eifersüchtig, wenn ich mit anderen Kindern arbeite oder spiele. Deshalb bemühe ich mich zur Zeit mehr, alle Kinder gleich zu behandeln, denn im Grunde sind mir auch alle ans Herz gewachsen.
Auch wenn kaum einer der 60 Schüler sich richtig, geschweige denn deutlich artikulieren kann, habe ich gelernt, mit jedem von ihnen auf seine eigene Weise zu kommunizieren und kann mit Sicherheit sagen, dass sie mich ohne es zu wissen schon mehr gelehrt haben als ich sie lehren konnte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.