Nächste Station: Erleuchtung!

Pjöngjang, 1. April 2014

„Ausstieg in Fahrtrichtung links!“ übersetzt uns Herr Kim die Lautsprecher-Durchsage im Waggon. Wo auch sonst, scherze ich in Gedanken, „rechts“ wird er in diesem kommunistischen Musterstaat wohl kaum sein. Selbst eine Banalität wie U-Bahn fahren wird in Pjöngjang zur Attraktion erhoben und zugegebenermaßen ist es genau das – eine Attraktion.

Da sind zum einen einige Superlative bautechnischer Art zu nennen, wie beispielsweise die Tiefe von etwas mehr als 100 Metern unter der Erde oder die aufwendige Ausgestaltung der Stationen, die einen Besuch rechtfertigen. Im weltweiten Vergleich kann nur die Moskauer Metro eine ähnliche Tiefe vorweisen und das aus demselben Grund: der latenten Angst vor einem amerikanischen Atomschlag. Zum anderen ist eine Fahrt aber auch schlicht deswegen so interessant, weil es eine der wenigen Möglichkeiten ist, hautnah in den nordkoreanischen Alltag einzutauchen. Und „hautnah“ ist in Anbetracht des Gedränges in den Zügen, das sich nicht wesentlich von den Zuständen in anderen asiatischen Metropolen unterscheidet, durchaus wörtlich gemeint.

Wir tauschen daher in gespannter Erwartung unseren komfortablen Kleinbus temporär gegen ein U-Bahn Ticket ein und betreten die Rolltreppe, die ohne Unterbrechung auf direktem Weg in die Unterwelt der Hauptstadt führt. Die Fahrt dauert knapp zwei Minuten, was nicht an dem Tempo der elektrischen Treppe, sondern an der besagten Tiefe liegt. Die Luft ist äußerst abgestanden und wird mit jedem Meter, den wir hinunter fahren, schlechter. Eine Belüftung scheint es hier nicht zu geben und wenn es sie gibt, ist sie außer Betrieb. Der unterirdische Bahnhof hat dafür andere Qualitäten, die überaus beeindruckend sind.

Die Decke ist im Stil eines sakral anmutenden Gewölbes gehalten und schwebt etwa 15 Meter über unseren Köpfen. Die hoch oben installierten Kronleuchter verstrahlen ein warmes Licht, das sich wohltuend von den grellen Neonstrahlen in U-Bahnstationen andernorts unterscheidet. Die Wände zieren riesige Gemälde, bestehend aus abertausenden winzigen Mosaiksteinen. Die Motive sind zwar hinsichtlich der beiden gezeigten Hauptakteure etwas eintönig (an dieser Stelle darf geraten werden, wer gezeigt wird. Die Auflösung folgt im nächsten Satz), aber bieten in der Auswahl der Hintergründe durchaus Abwechslung. Zu sehen sind blühende Landschaften, märchenhafte Seen, tosende Menschenmengen und eine glühende Sonne, die zumeist wie eine Art „Heiligenschein“ über dem Kopf von Kim Il-sung schwebt. Das maskenhafte Grinsen in seinem Gesicht ist zur surrealen Fratze erstarrt, derart überzeichnet ist es.

Kim Jong-il steht zumeist etwas schüchtern an seiner Seite, mitunter aber auch emanzipiert alleine ohne seinen gottgleichen Vater und stattdessen in einem Meer von Blumen. Tatsächlich hat dieser Ort mehr Ähnlichkeit mit einer Kirche oder einem Wallfahrtsort als mit einer herkömmlichen U-Bahnstation. Ohne den omnipräsenten und pseudo-religiösen Personenkult gutheißen zu wollen, so kann doch beim Anblick der Wandgemälde und Verzierungen meines Erachtens durchaus von Kunst gesprochen werden. Mit welcher Hingabe und Perfektion die nordkoreanischen Baumeister schätzungsweise unter widrigsten Bedingungen hier in der Tiefe zu Werke gingen, nötigt mir höchsten Respekt ab.

Nichtsdestotrotz fahren auch hier wie vorgesehen Züge ab, sodass wir uns langsam aus unserem Staunen lösen, um die grün-rot gestrichenen Wagen zu besteigen. Die Züge kommen uns von außen wie von innen seltsam vertraut vor und das hat einen plausiblen Grund. Seit 1998 fahren ausrangierte Züge der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf den hiesigen Gleisen, sowohl Modelle aus dem ehemaligen West-Berlin als auch Fabrikate aus dem vormals sozialistischen Ostteil der Stadt. Während die Modelle aus DDR-Produktion selbst in Nordkorea langsam ihr Dienstende erreicht zu haben scheinen, sind die Westberliner Wagen der Siemens-Baureihe „D“ nach wie vor im Einsatz, wovon wir uns höchstpersönlich überzeugen können.

Damit sind sie nun bereits über ein halbes Jahrhundert im Dienst, was auch als Anerkennung an die BVG und den Hersteller Siemens gewertet werden kann. Manch Schelm würde da glatt unken, dass die Züge damals im Vergleich zu heute wenigstens noch vernüpftig gewartet wurden und deswegen immer noch einwandfrei ihren Dienst in Fernost tun. Wobei fairerweise zu sagen ist, dass solche unhaltbaren Zustände wie bei der bahneigenen Berliner S-Bahn im U-Bahnbetrieb der BVG nie erreicht wurden. Wie auch? Die Errungenschaften von Ex-Bahnchef Mehdorn sind schlichtweg unerreichbar. Eine Tatsache, die sicherlich auch den regierenden Bürgermeister Klaus „Wowi“ Wowereit dazu bewogen hat, Mehdorn nach seinem kurzen Intermezzo bei der Pleiten-Pech-und-Pannen-Fluglinie Air Berlin sogleich als Flughafenchef weiterzubeschäftigen. So bleibt er der deutschen Hauptstadt verbunden und erhalten, Ausgang ungewiss.

Berlin ist jedenfalls weit weg, während wir fasziniert die Szenerie auf uns wirken lassen und durch die Dunkelheit des Pjöngjanger Untergrunds donnern. Herr Koo weiht uns derweil in weitere Besonderheiten des Metro-Systems ein. Um die richtige Station für den Ausstieg zu wählen, bedarf es nicht etwa geografischer Kenntnisse, sondern vielmehr des Wissens um die historischen Ereignisse, speziell nach 1945 versteht sich. Denn die Stationen sind nach wichtigen Meilensteinen in der sozialistischen Epoche des Landes benannt. Sie heißen „Fackel“, „Sieg“, „Wiederauferstehung“ oder „Triumphale Wiederkunft“.

An der letztgenannten steigen wir schließlich aus. Sie ist deutlich kleiner und weniger prunkvoll als die ersten Stationen, auch wenn der Name eher auf das Gegenteil hätte schließen lassen können. Stattdessen begrüßt uns ein vergoldeter Kim Il-sung am Rednerpult und weist uns den Weg nach draußen. Kurz vor der Rolltreppe passieren wir noch die drei aufeinanderfolgenden, jeweils mehr als einen Meter dicken und in die Wände eingelassenen Stahltore, die den Bahnhof im Ernstfall innerhalb von Minuten zum Bunker werden lassen. Sie warten seit ihrer Installtion Mitte der 1970er Jahre vergeblich auf den Atomkrieg. Vielleicht wurden sie in der Zwischenzeit wenigstens einige Male ausgiebig getestet.

Oben angekommen atmen wir tief durch und genießen die frische Luft, nach der wir uns in den vergangenen 45 Minuten vergeblich gesehnt hatten. Wir stehen an einem großen Kreisverkehr, in dessen Mitte ein riesiger Triumphbogen in den blau-grauen Himmel ragt. Er steht aus demselben Grund hier, der auch für die Namensgebung der U-Bahnstation verantwortlich ist. Hier feierte Kim Il-sung seine Wiederkehr aus dem erzwungenen Exil, nachdem die Japaner 1945 abgezogen waren. Ein riesiges und überaus farbenfrohes Mosaik-Gemälde stellt die Szene eindrucksvoll dar, die uns zuvor bereits im Untergrund mit Hilfe der goldenen Statue auf dem Bahnsteig plastisch überliefert worden war.

Ob eine solche Siegesfeier je stattgefunden hat, sei dahingestellt. Da Kim Il-sung erst 1946/47 von den Sowjets schrittweise inthronisiert wurde und zu Kriegsende allenfalls Insidern in Pjöngjang ein Begriff gewesen sein dürfte, gab es wohl eher eine zünftige „Aftershow-Party“ einige Jahre später. Aber das erscheint nebensächlich, da sich die Realität in Nordkorea bekanntlich nach Belieben im Nachhinein rekonstruieren lässt. Konkret dabei herausgekommen ist in diesem Fall ein Koloss aus Stein, der sogar sein berühmtes Vorbild in Paris um satte drei Meter überragt. Quel Malheur, Monsieur Napoleon. Das hätte sich der große, kleine französische Feldherr wohl nicht träumen lassen, dass er eines Tages ausgerechnet von einem nordkoreanischen „Kaiser der Neuzeit“ in seinem Größenwahn übertrumpft werden würde.

Dass die Nordkoreaner ein Faible für große Zahlenspiele und Vergleiche haben, um die Leistungen des Regimes zu untermauern, wird auch an vielen anderen Orten während unserer Tour deutlich. Wir sitzen inzwischen wieder im Bus und sind auf dem Weg zum Chuch’e-Turm und Herr Kim zeigt sich bestens informiert über nahezu jedes Gebäude, das am Fenster vorbeizieht. Zu nennen ist das größte Restaurant Pjöngjangs mit 2500 Plätzen, zahlreiche Theater mit wahlweise 1000, 2000, 3000 oder 4000 Plätzen, das Kim-Il-sung-Stadion mit einer Kapazität von 100.000 Plätzen und last but not least das „Stadion 1. Mai“, auf einer Insel im Taedong-Fluss gelegen, mit 150.000 Plätzen. Darüber hinaus hat die Bibliothek wie bereits erwähnt 30 Millionen Bücher im Bestand, das Ryugyong Hotel verfügt über 3000 Zimmer und sieben Drehrestaurants an der Spitze (wenn es denn je vollständig fertig wird) und diese Liste könnte beliebig fortgeführt werden.

Es ist der etwas bemitleidenswerte und eigentlich unnötige Versuch, zu zeigen, was man unter sozialistischen Vorzeichen zu erreichen vermag. Dabei ist der Beweis längst erbracht, dass das nordkoreanische Volk unter den denkbar schlechtesten Bedingungen beachtliches zu leisten imstande ist und nach Kräften versucht, das beste aus seiner misslichen Lage zu machen. Das ist aber ganz sicher nicht der Verdienst der Regierung oder des sozialistischen Systems, sondern einzig und allein der des Durchhaltewillens der Menschen in diesem Land. Hätten sie eine fähige Führung und offene Grenzen für den Waren- und Personenverkehr, so würden sie ihrem Brudervolk im Süden in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung in nichts nachstehen.

In der Zwischenzeit ist unser Bus am Straßenrand zum Stehen gekommen und wir treten hinaus in die schüle Hitze. Der „Turm der Chuch’e-Ideologie“ (oft auch „Juche“ geschrieben; gesprochen: Dschutsche), der sich vor uns mit seinen 170 Metern Höhe in die Wolken bohrt, ist mit seiner roten gläsernen Flamme auf der Spitze ein weithin sichtbares Wahrzeichen von Pjöngjang. Nachts erstrahlt das künstliche Feuer in flimmernden roten Farbtönen und bringt den Bürgern der Hauptstadt die wohldosierte „Erleuchtung“ (nichts anderes bedeutet „Chuch’e“ auf Koreanisch). Jeder Stein des Monuments, dessen Gesamtbild sich noch aus einer ganzen Reihe anderer Statuen auf dem weitläufigen Gelände zusammensetzt, hat eine bestimmte Bedeutung und Symbolik.

Die wichtigste Botschaft vermittelt jedoch zweifellos die Chuch’e-Ideologie selbst, da sie die ideologische Grundlage des Kim-Regimes bildet und ganz wesentlich zu dessen Machterhalt beigetragen hat und immer noch beträgt. Seit 1977 ist sie die in der Verfassung festgeschriebene Leitideologie der Demokratischen Volksrepublik Korea. Der bis dahin wie in allen anderen Ostblock-Staaten vorherrschende Marxismus-Leninismus trat dadurch in den Hintergrund und hat heute nur noch wenig Bedeutung im Bildungssystem wie auch in der öffentlichen Wahrnehmung.

In der von Kim Il-sung entwickelten Weltanschauung Chuch’e gilt der Mensch als Herrscher und Gestalter der Welt, unabhängig und über alle natürlichen Zwänge erhaben. Das Individuum tritt nur als Teil der großen Volksmasse in Erscheinung und hat ohne Rücksicht auf sich selbst zum Wohlergehen dieser beizutragen. Partei und Führer stehen naturgemäß über der Volksmasse und weisen ihr den richtigen Weg in eine gute Zukunft. Eine solche kann insbesondere dann erreicht werden, wenn eine Nation unabhängig von ausländischen Mächten ist und auf eigene Faust die Revolution voranbringt. Dabei ist nicht nur politische Souveränität wichtig, sondern auch wirtschaftliche und militärische Autarkie. Letztere wurde im Zuge der Son’gun-Politik unter Kim Jong-il zur alles beherrschenden Doktrin erhoben, um das nordkoreanische Atomprogramm voranzutreiben. Die ohnehin schon prekäre Wirtschaftslage im Land hat sich aufgrund dieser Fokussierung weiter verschlechtert.

Speziell der Autarkie-Gedanke begründet Nordkoreas Sonderrolle in der Welt und ist der Hauptgrund für die hermetische Abschottung nach außen und seine negativen Folgen für die Menschen im Land selbst. Noch nicht einmal zu vormals engen Verbündeten wie Russland oder China hält das Regime enge Beziehungen, sondern tut allenfalls das nötigste, um die eigene Macht zu erhalten. In einer hochgradig globalisierten Welt wird diese Strategie nicht auf ewig funktionieren und schon heute sind vielfältige Zerfallserscheinungen der rigiden Abriegelung zu erkennen, besonders an der nördlichen Grenze zu China. Aber es wird nichtsdestotrotz wahrscheinlich noch Jahre dauern, bis ein spürbarer Wandel oder gar die Wiedervereinigung mit Südkorea auf der Agenda steht. Bis dahin leuchtet allabendlich die rote Fackel hoch über dem Taedong-Fluss.

U-Bahnstation in Pjöngjang

U-Bahnstation in Pjöngjang

Turm der Chuch'e Ideologie

Turm der Chuch’e Ideologie

Rolltreppe hinunter in den U-Bahnschacht

Rolltreppe hinunter in den U-Bahnschacht

Triumphbogen in Pjöngjang

Triumphbogen in Pjöngjang

U-Bahnfahrt

U-Bahnfahrt

Deckengewölbe im Untergrund

Deckengewölbe im Untergrund

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Lasse Kroll

Über Lasse Kroll

Ich bin gebürtiger Kieler, 25 Jahre alt und studiere seit 2008 in Lüneburg. Nach meinem erfolgreich absolvierten Bachelorstudium in BWL und Politikwissenschaften stehe ich nun kurz vor meinem Masterabschluss in Staatswissenschaften. Reisen ist eine große Leidenschaft von mir und ich war bereits mehrmals für einen längeren Zeitraum im Ausland. 2012 habe ich eine Reise um die Welt unternommen, die ich ebenfalls via Blog und später in Form eines Taschenbuchs in Text und Bild dokumentiert habe. Darüber hinaus liegen mir kulturelle Veranstaltungen sehr am Herzen, sodass ich in Lüneburg das lunatic Festival betreut und in Kiel den MUDDI Markt zur Kieler Woche ins Leben gerufen habe. Über Fragen und Anregungen zu meinen Beiträgen freue ich mich jederzeit.

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