Wenn man den Boden unter den Füßen verliert

Ich sitze am Küchentisch. Es ist Pause und wie immer haben wir Lehrer – oder zumindest die, die nicht gerade Aufsicht auf dem Schulhof haben, uns in der Küche versammelt, um gemeinsam unser „Schulbrot“ zu essen und uns über die vergangenen zwei Schulstunden auszutauschen. Ein bisschen Lehrerzimmerathmosphäre, nur gibt es halt kein Lehrerzimmer.

Ich habe mir vorgenommen, etwas mehr auf meine Ernährung zu achten und lehne dankend ab, als mir meine Kollegin Teil ihres Brotes anbietet. Weitere Lehrer treten ein, ich biete einer Kollegin meinen Sitzplatz an – denn ich esse ja nicht – und setze mich auf den Boden. Das Gespräch ist im vollen Gange. „XY ist schon wieder nicht da heute. Sein Vater bringt ihn aber auch wirklich nur, wann er Lust hat.“ „Habt ihr gesehen, wie YZ heute gekommen ist? Als wäre sie so aus dem Bett gestiegen und ihre Mutter hätte nicht mehr geschafft, ihr die Haare zu kämmen.“ Ich schmunzel nur und stelle mir vor, was für Klatsch und Tratsch wohl damals im Lehrerzimmer der Hebbelschule ausgetauscht wurde. Wie oft ich wohl Thema des Tages war?

Mein Gedanke wird unterbrochen, als die Gläser anfangen zu klirren. Der Boden unter mir wackelt und somit sämtliche Möbel in der Küche mit ihm. Verwundert schaue ich meine Kolleginnen an. Eine verdreht die Augen und seufzt „Erdbeben“ – das einzige Problem: bis zu dem Zeitpunkt hatte ich das spanische Wort für Erdbeben „temblor“ noch nie gehört.

Währenddessen wird das Wackeln stärker, langsam wirken auch die anderen unruhig. Viele stehen auf, eine Lehrerin rennt blitzartig aus der Küche Richtung Schulhof. „Die Kinder!“, schreit sie. Der Rest verlässt ebenfalls das Zimmer, ich folge ihnen. Inzwischen ist die Direktorin auch aus ihrem Büro getreten, sie erblickt uns. Ihr Blick ist ganz ruhig. Sie bleibt auf dem Innenhof stehen und blickt gen Himmel. Allmählich habe auch ich verstanden, was vor sich geht und werde unruhig.

Der Anblick meiner Chefin beruhigt mich jedoch etwas. Hat er zumindest, bis sie die Arme ausstreckt und in den Himmel blickend lautstark anfängt zu reden – zu Gott. Meine Kollegen fallen auf die Knie und fangen ebenfalls murmelnd an zu beten. JETZT bin ich wirklich unruhig. Horrorfilm-Athmosphäre. Ich bleibe unbeholfen stehen, halte mich am Gelände fest und beobachte nur das Geschehen. Tausende Gedanken blitzen mir durch den Kopf.

Das Zittern nimmt ab, der Boden fühlt sich langsam wieder wie Boden an. Meine Kollegen erheben sich, gucken sich verstört an. Einige fallen sich in die Arme, erste fangen an, sich mir zuzuwenden. „Ist alles okay?“

„Geht es dir gut?“ Ich versichere allen, dass es mir gut geht. Wir begeben uns gemeinsam zum Schulhof, um nach den Kindern zu sehen. Auf dem Weg erzählt mir eine Kollegin, dass dies der wohl stärkste Erdbeben war, den sie in ihrem Leben je erlebt habe. Wir sind am Schulhof angekommen, die Kinder haben schon wieder angefangen zu spielen.

Ich beneide ihre Sorglosigkeit. Die Schulglocke klingelt, alle kehren zurück in die Klassenräume. Viele Kollegen versuchen ihre Familien anzurufen, um nach ihnen zu fragen. Die Idee hatten natürlich auch etliche andere Menschen, die Leitungen sind überbelastet. Eine SMS meiner Gastmutter erreicht mich, ob es mir gut gehe. „Natürlich“, antworte ich, doch freue ich mich auch, als der Schultag dann endlich zu Ende ist und ich wieder zu Hause bin. I’s Fitnessstudio kann ich nicht mehr wie geplant, denn das komplette Einkaufszentrum, in dem es sich befindet, wurde evakuiert und geschlossen.

Also schreibe ich meinen Eltern eine Mail und erzähle ihnen von meinem Erlebnis des Tages, damit sie sich nicht sorgen, falls sie denn am nächsten Morgen in den deutschen Nachrichten davon hören sollten. Ich atme tief durch und freue mich, den Tag überstanden zu haben. Was für eine abenteuerliche Erfahrung!

Dies war meine Erfahrung vom Erdbeben der Stärke 6,6, das Kolumbien am 10. März 2015 erschütterte. Kleine Erdbeben gehören hier zum Alltag, dies soll aber der stärkste seit vielen Jahren gewesen sein. Auch deutsche Magazine berichteten davon. Außerdem erzähle ich von dieser Erfahrung in meinem neuesten Video auf meinem YouTube-Kanal:
https://www.youtube.com/watch?v=P8O4bcXuSvw

Vielen Dank, dass ihr mich noch immer interessiert hier begleitet auf meinen Abenteuern in Kolumbien. In Zukunft möchte ich wieder viel aktiver mein Leben hier und auf YouTube mit euch teilen. Bleibt gespannt!

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