Studieren in Bergen: über Bürokratie und das Vergehen der Zeit

Studieren, ja, genau! Deswegen bin ich ja eigentlich hier, oder? Manchmal vergisst man die Uni ein bisschen neben all den anderen schönen Sachen, die man hier sonst so erleben kann und will. Dabei ist in einem fremden Land zur Uni gehen eigentlich auch schon ein kleines Abenteuer für sich.

Nicht, dass Norwegen im Vergleich zu Deutschland besonders exotisch wäre, aber Universitäten und ihre Systeme brauchen ja in den meisten Fällen so ihre Eingewöhnungszeit. Und bis man weiß, wie alles läuft, ist man erst einmal verwirrt.

Nicht anders erging es mir in Bergen, obwohl man sagen muss, dass die Uni hier sehr fortschrittlich und hervorragend organisiert ist. Hier gilt: wenn Du registriert bist, ist alles kein Problem! Ja, aber wo muss ich denn überall registriert sein und wo muss ich dafür hin? Was muss ich mitbringen? Gibt es dafür eine Frist? Die meisten dieser Fragen werden gottseidank in ausführlichen Informationsveranstaltungen thematisiert oder stehen in dem kleinen roten Heft, dass man als Austauschstudent gleich am Anfang in die Hand gedrückt bekommt. Die ersten Wochen heißt es also erst einmal: Von Termin zu Termin und Helpdesk zu Helpdesk vorarbeiten, um dann endlich voll ins norwegische Unileben einsteigen zu können.

Mein Welcome Letter wird in der ersten Zeit mein wichtigstens Dokument. Hier stehen alle Registrierungsnummern und vorläufigen PIN-Codes drauf, die man benötigt. Die Norweger lieben Nummern. Genau wie in Schweden bekommt jeder norwegische Staatsbürger (im Idealfall bei der Geburt) eine vielstellige Identitätsnummer, die ihn sein ganzes Leben lang begleitet und für alles, aber auch wirklich alles benutzt wird.

Du willst eine norwegische Handynummer? Dann bitte hier die ID-Nummer eintragen! Du willst ein norwegisches Bankkonto? Nicht ohne ID-Nummer! Du willst einen Arbeitsvertrag? …naja ihr wisst schon! Diese Nummer bekommt man aber erst, wenn man sich sechs Monate oder länger im Land aufhält, also nicht als Student, der nur ein Semester bleibt. Anlaufschwierigkeiten sind also vorprogrammiert, und deshalb gibt es von der Uni eine Ersatznummer für alle armen Austauschstudenten, die nach fünfeinhalb Monaten wieder ihre Koffer packen. So wie mich.

Das Allerwichtigeste zuerst. Im Onlinesystem der Uni registrieren. Denn nur mit einer Student-VPN kann man auch im Wohnheim über LAN-Kabel Internet haben. W-LAN ist noch im Aufbau, heißt es. Dass ich komme, weiß die Uni in Bergen (UiB) natürlich schon, schließlich habe ich auch schon

Das Uni-Logo. Quelle: http://www.uib.no/

Das Uni-Logo. Quelle: http://www.uib.no/

vorab online meine Kurse wählen können. Nicht ohne Schwierigketen und dreifaches Ändern nach Fristende, aber naja. Also anmelden, 24 Stunden warten, wieder hin, einloggen, Kurswahl bestätigen, E-Mail-Account anlegen, auf Bestätigung warten, Link klicken, fertig! Oder so ähnlich…Dann zur Polizei und zur Post, etliche Dokumente vorlegen, Adresse registrieren, Aufenthaltsgenehmigung abholen. Dann zur SiB (das ist das bergenser Studentenwerk), Foto machen lassen, Studentenausweis abholen. Zwischendurch natürlich nicht vergessen, alles deutschen Dokumente unterzeichnen zu lassen und ans International Center und das BAFöG-Amt zu schicken. Und schon ist man fertig! War ja gar nicht so schwer!

Registrieren muss man sich natürlich auch noch bei der Wohnheimwäscherei und beim Sport (hier gehören rund zehn Fitnesszentren auch zur SiB) und bei allen möglichen Newslettern, aber die lebenswichtigen Sachen sind erstmal geschafft. Dass das Internet dann erst eineinhalb Wochen später funktioniert, scheint manche Bewohner in den Wahnsinn zu treiben (neutrale Beobachter behaupten, das hätte was mit diesen Smartphones zu tun…); es bilden sich kleine Menschenansammlungen auf den Fluren, wo es frei zugängliches W-LAN unabhängiger Mitbewohner gibt. Da soll nochmal einer sagen, die Jugend von heute entfremde sich wegen der Sozialen Medien!

Aber zurück zum Studium! Ich habe drei Kurse gewählt: einen Norwegischkurs und zwei weitere, die hoffentlich auch Anklang bei meinen Dozenten zuhause finden: Språk i Norden (Sprachen im Norden) und Modern grammatical and semantic Theory. Am liebsten hätte ich alle meine Kurse auf norwegisch, bekomme aber leider keinen Zugang zu den Kursen, die nicht nur für

Teil meiner Fakultät: Sydneshaugen Skole

Teil meiner Fakultät: Sydneshaugen Skole

Austauschstudenten gedacht und gemacht sind. Da bleibt die UiB knallhart. Man kann ja wohl gefälligst etwas aus der Liste wählen und soll nicht gucken, was es sonst noch so gibt an der Uni. Wo kämen wir denn da hin? Ich persönlich käme wohl weiter als mit den jetzigen Kursen, aber auch so versichert man mir, dass das mit der Anerkennung eigentlich selten ein Problem sei. Klar. Hab‘ ich auch so gehört… aber erstmal lasse ich die Probleme von morgen Probleme von morgen sein und freue mich auf den Uni-Alltag in Bergen. Nur drei Kurse. Hört sich wenig an, soll aber insgesamt 40 ECTS-Punkte geben. Zehn mehr also, als ich muss und auch deutlich mehr, als ich in Deutschland in einem Semester bekomme. Wie erreicht man bei acht Semesterwochenstunden 40 ECTS? Genau: lesen, lesen, lesen!

Das Lesepensum ist wahnsinnig hoch und auch Aufsätze und Übungsaufgaben sind nicht zu knapp gesäht. Dafür gibt es fast keine Anwesenheitspflicht. Ich muss zugeben, dass das nicht so mein Ding ist, da ich was Zeitmanagement und Motivation angeht eher der „Je-länger-man-wartet-desto-höher-die-Motivation-am-Ende“-Typ bin, aber diese Handhabung scheint hier recht normal zu sein. Auch sehr beliebt: Blockkurse. Viele von meinen Freunden aus dem Wohnheim haben die ersten Wochen nichts zu tun und dann irgendwann zwei Wochen lang jeden Tag von acht bis 16 Uhr Uni. Dann direkt Prüfung und fertig. Nicht die schlechteste Idee meiner Meinung nach.

Für mich rückt nun die Prüfungsphase immer näher. Die Semester sind hier nicht wie in Deutschland jahresübergreifend geplant, sondern dauern entweder von Januar bis Mai (vårsemester = Frühlingssemester) oder, wie bei mir, von August bis Dezember (høstsemester = Herbstsemester). Das hat den unglaublichen Vorteil, dass man seine Prüfungen schon Anfang Dezember schreibt und dann an Weihnachten keine Gedanken an die Uni verschwenden muss. Es hat allerdings auch den Nachteil, dass man seine Prüfungen schon Anfang Dezember schreibt und langsam Muffensausen bekommt, weil auch die Hausarbeiten dann fertig sein müssen, man also während des Semesters schreiben muss. Eine zeitplanerische Herausforderung für den „Je-länger-man-wartet-usw.“-Typ! Jetzt kommen mir meine wenigen SWS also zu Gute. Also die Gedanken an weitere Ausflüge und Reisen erstmal weit weit weg schieben und ran an den Schreibtisch! Die Hoffnung auf Anerkennung in Kiel habe ich nämlich doch nicht ganz aufgegeben!

Zum Schluss gibt’s noch einen Link zur Infoseite der Uni selbst, auf der in einem kleinen Video die Universität und ihre Umgebung gezeigt werden…weil dieser Beitrag ja schon ein bisschen fotoarm war:

http://www.uib.no/om

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