Studieren in Bergen die Zweite: Studentenleben

Dass Studieren nicht nur aus Studieren besteht, ist wohl hinlänglich bekannt. Und dass das Leben neben dem Studium gerade in einem Auslandssemester einen hohen Stellenwert hat, muss eigentlich auch nicht erwähnt werden – schließlich möchte man neben dem Universitätsapparat auch Land und Leute kennenlernen und möglichst viel in rückblickend betrachtet doch sehr kurzer Zeit erleben. Was also hat Bergen zu bieten?

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Erste gemeinsame Unternehmungen mit Freunden aus dem Wohnheim

Die ersten Freunde findet man natürlich im Wohnheim. Die meisten Studenten werden überall in Bergen in den SiB-Wohnheimen untergebracht. Eine WG ist nämlich – erstens – von außerhalb nicht ganz einfach zu finden und – zweitens – auch lange nicht so bezahlbar wie in Deutschland. Dementsprechend trifft man zunächst auf einen Haufen verschiedene Sprachen sprechender Studenten, die genauso wenig Ahnung von allem haben wie man selbst. Ob man sich jetzt küchen- oder doch eher nationenweise zusammenfindet, bleibt jedem selbst überlassen, aber eins ist sicher: Auf Norweger trifft man hier eher nicht.

Das ist nicht per se schlecht, schließlich kennt man schon einmal eine Menge gleichgesinnte und unternehmungslustige Neulinge; das richtige „Norwegen-Feeling“ bleibt aber noch aus. Gerade ich, die ich primär hergekommen bin, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern, sollte einen Weg aus der häufig sogenannten „Erasmusblase“ zu finden versuchen. Was also tun?

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Von der Fachschaft organisiertes Grillen mit Kubbturnier im Nordnespark

Zunächst einmal sei gesagt, dass die Fachschaften der Uni und zahlreiche damit verbundene Organisationen sich zu Beginn des Semesters mächtig ins Zeug legen, um die neuen Studenten und damit auch alle Internationalen in das Studentenleben einzubinden. In der sog. Fadderuke (Patenwoche – Äquivalent zur deutschen Orientierungswoche) werden norwegische Erstis mit interntionalen Studenten gemischt und zu zahlreichen Aktivitäten animiert. Infoabende, Kneipentouren, Stadrallies, Grillfeste und jede Menge Alkohol sollen das Eis brechen und den Neuen helfen erste Freunde zu finden und Kontakte zu knüpfen. In meinem Fall hat das weniger gut funktioniert, obwohl ich in der Fadderuke sehr viele nette Menschen kennengelernt habe (Norweger oder auch nicht).

Das liegt zum einen daran, dass der Altersunterschied zu den norwegischen Studienanfängern doch relativ groß ist (immerhin bin ich schon fast fertig). Zum anderen werden die Nationalitäten nur in der O-Woche gemischt. Wenn es dann ans Studieren geht, gehen die Austauschstudenten brav wieder in die eigens für sie bereitgestellten Kurse, während die Norweger das normale Kursangebot wahrnehmen.

Um Anschluss an das hiesige Studentenleben zu finden, gibt es ja aber noch andere Möglichkeiten: Sportverein oder Freiwilligenarbeit zum Beispiel. Die Uni selbst hat einen gut organisierten Hochschulsportverein (BSI) mit einer großen Auswahl an Sportarten und Aktivitätsgruppen. Neben den gewöhnlichen Breitensportarten werden viele Outdooraktivitäten angeboten. Besonders beliebt ist die Gruppe „BSI friluft“: hier finden sich Studenten zusammen, die Wandern, Klettern und andere in Norwegen hoch geschätzte Draußensportarten unter einen Hut bringen wollen. Neben der Organisation von Hüttentouren und Skireisen verleiht BSI auch die dafür notwendige Ausrüstung an die Studenten. Ein weiterer Vorteil: Da die Norweger so versessen sind auf alles, was das Wort outdoor im Namen trägt, kann man hier den Einheimischen etwas näher kommen.

Onsdag

Mein Arbeitsplatz: das Kafé Stjernesalen im Kvarteret – Quelle: http://kvarteret.no/wp-content/uploads/2015/03/Onsdag.jpg

Ich selbst habe mich für die Freiwilligenarbeit entschieden und mich im Kvarteret „beworben“, weil ich mir erhofft habe, hier mein Norwegisch anwenden zu können. Das Kvarteret – oder auch Det Akademiske Kvarter (das akademische Viertel) – ist ein ausschließlich von Studenten geführtes Kulturhaus in Bergen, das neben einem Café und einem Pub über ein kleines Kino, einen Konzertsaal und diverse kleinere Räumlichkeiten verfügt. Das gesamte Konzept fußt auf der freiwilligen Arbeit von Studenten, die sich als Kellner, Köche, Sicherheitsleute oder Lichttechniker betätigen oder in einem der zahlreichen Planungskommitées sitzen. Statt Bezahlung bietet das Kvarteret seinen Helfern eine Menge Vergünstigungen (gratis Kaffee und Tee, Rabatt auf Essen, Wein und Bier) sowie die Möglichkeit, an unzähligen sozialen Events teilzunehmen. Zu nennen wären eine Hüttentour, einige Partys für Interne, Spieleabende und kleine Fortbildungen zu Kaffee-, Bier- und Weinkenntnissen. Freiwilligenarbeit hat in Norwegen einen hohen Stellenwert und verbindet die, die sie ausüben. Näher als im Kvarteret bin ich den Norwegern und ihrer Kultur nirgendwo anders gekommen.

Was tut also der bergenser (ja, so sagt man das!) Student, wenn er nicht in der Uni sitzt, lernt oder auf Wollsocken durch die Bibliothek läuft, weil er seine Gummistiefel vor der Tür ausgezogen hat?

Erstens: Kaffeetrinken. Ohne mich auf eine offizielle Statistik berufen zu können, würde ich behaupten, dass Norwegen den weltweiten Kaffeemarkt alleine am Leben halten könnte. Ich selbst habe mit meinen Kommolitonen sehr viel Zeit zwischen und nach den Kursen im Kafé/Pub der HF (humanistisk fakultet) verbracht und den dortigen mehr-oder-weniger-Gratiskaffee konsumiert. Das Studentenwerk verkauft Kaffeeflatrates an die Studenten. Für etwa 35 € kann man sich ein Semester lang in allen SiB-Kafés und Mensen mit Kaffee versorgen. Man erkennt die Abhängigen an einem knallorangenen Thermobecher mit SiB-Aufdruck – ein Accessoire, das fast jeder Student ständig mit sich führt. Der Vorteil dieser Kaffeevernarrtheit der Norweger: das Gebräu ist verhältnismäßig günstig und es riecht immer überall gut!

Zweitens: Laufen, Laufen, Laufen. Die Norweger lieben Sport und jeder, der sich laufenderweise die Berge der Stadt raufquält, kann sich der Achtung seiner Mitmenschen gewiss sein. Die durchschnittliche Fitness der Norweger liegt weit über der der Deutschen (wenn ihr mich fragt) und man lernt erst nach einiger Zeit, dass es keinen Sinn hat, sich zu schämen, wenn man beim Wandern bergauf von joggenden Siebzigjährigen überholt wird, die dabei noch munter in ihr Headset quasseln. Laufen, Wandern, Klettern und natürlich Skifahren sind beliebte Hobbies und die Innenstadt quillt über von Läden, die das dafür definitiv notwendige Equipment verkaufen. Nichts mit Schlabber-T-Shirt, alter Sporthose und ausgelatschen Schuhen – wer sportlich ist, will auch so aussehen! Funktionskleidung in Neonfarben ist in und in Laufhose zur Uni zu kommen das Normalste überhaupt.

Drittens: Feiern. Natürlich, wozu ist man sonst Student? Obwohl Ausgehen hier unglaublich teuer ist, beiben die Norweger abends natürlich nicht zuhause sitzen. Ein gemütliches Bier trinken gehen und in der Kneipe ein Brettspiel ausleihen ist genauso drin wie tanzen gehen oder Konzerte besuchen. Bergen ist nicht groß, weshalb sich das Angebot einigermaßen in Grenzen hält – dennoch würde ich behaupten, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Zu einem ordentlichen Party-Abend gehören in Norwegen vorspiel und nachspiel. Diese Begriffe stammen zwar aus dem Deutschen, haben aber nicht mehr viel mit ihrer ursprünglichen Bedeutung zu tun. Vorspiel oder vors nennt der Norweger das Vortrinken vor dem Weggehen, während das nachspiel / nachs ein Treffen danach bezeichnet. Zum nachs kommt es vor allem deshalb, weil in Norwegen ab zwei oder halb drei Uhr nachts kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden darf und die meisten Kneipen und Clubs deshalb allerspätestens um drei zu machen. Da um diese Uhrzeit noch nicht aller Tage Abend ist, verlegt man die Party in den meisten Fällen zu jemandem nach Hause. Am Rande etwas für Sprachinteressierte: dass die Worte vorspiel und nachspiel nur noch sehr wenig mit dem Deutschen zu tun haben, erkennt man auch an den Abkürzungen vors/nachs, die nach deutscher Silbentrennung keinen Sinn ergibt.

Rückblickend auf meine fünf Monate in Bergen würde ich sagen, dass es eher die kleinen Dinge sind, die das Studentenleben hier von dem in Deutschland unterscheiden. Man gewöhnt sich schnell ein und auch die Schmerzen beim Bier bezahlen werden nach und nach weniger. Allgemein würde ich das Studentenleben so wie ich es erfahren habe als etwas gemütlicher und sozialer als zu Hause bezeichnen, aber das mag auch daran liegen, dass ich es hier mehr genutzt habe. Zu Hause hat man seine Freunde halt schon, wenn man zur Uni kommt. Vielleicht sollte ich in Kiel auch mal mehr Zeit in der Cafeteria verbringen…mit viel Kaffee versteht sich!

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