Eine Vision für Europa?

Wie beginnt man am besten eine Vision für Europa? Am besten, man schaut erst einmal, was es schon alles gibt. Also gebe ich bei YouTube „Vision für Europa“ ein und finde: Eine Rede von Frauke Petry, der Parteivorsitzenden der AfD…So habe ich mir das nicht vorgestellt.

Ich wollte eher etwas, das mit großartigen Reden zu tun hat, wie die von Guy Verhofstat oder Wolfgang Schäuble, die für mich Visionäre und grandiose Redner zugleich sind. Doch momentan sucht man dort vergeblich.

Wer die Nachrichten in den letzten Monaten verfolgt hat, wird das Bild von der EU bekommen haben, dass es sich momentan eher um ein sinkendes und verirrtes Schiff handelt. Flüchtlingskrise, Brexit, Staatsschuldenkrise und hohe Jugendarbeitslosigkeit in einigen Mitgliedsländern haben es an die Grenze seiner Belastbarkeit gebracht.

Statt ein Miteinander erleben wir ein Gegeneinander. Statt einer Union erleben wir Nationalstaaten. Statt nach vorne zu blicken und Lösungen gemeinsam zu suchen, erleben wir gegenseitige Schuldzuweisungen.

Ich möchte bei der Metapher mit dem Schiff bleiben. Habt ihr schon einmal versucht, ein Schiff zu steuern, welches keinen Zielhafen hat? Nein? Ist vielleicht auch besser so, denn es könnte zwar mit etwas Glück passieren, dass es sich in die richtige Richtung fortbewegt, doch wahrscheinlich wird es sich schnell auf dem Meer verirren und vom Kurs abkommen. Vor allem wird es nicht seinen Weg finden, wenn 28 Kapitäne jeweils einen anderen Zielhafen ansteuern wollen. Merkt ihr, worauf ich hinaus will?

Auch wenn die Europäische Union kein Schiff ist, so hat diese Metapher doch einen wahren Kern. Wohin wollen wir eigentlich mit der EU, was ist unser Ziel? Es wird immer gesagt, dass wir in diesen schwierigen Zeiten auf keinen Fall visionär denken sollen, auf keinen Fall ein Ziel ausgeben sollten, welches wir nicht morgen, sondern vielleicht erst in zehn Jahren, vielleicht aber auch in 30 Jahren erreichen werden. Doch ich möchte genau das tun! Haltet mich für einen Träumer, doch manchmal ist es dringend notwendig, sich zurückzulehnen und zu träumen und dabei festzustellen, wohin es eigentlich gehen soll. Erst dann kann man zurückkehren und wichtige Entscheidungen treffen, die momentan von so großer Bedeutung sind.

Vor 1990 hatte Deutschland das Ziel, die Wiedervereinigung mit der DDR endlich durchzuführen. Dann in den 90er Jahren hatten wir unter Helmut Kohl das Ziel, eine verstärkte europäische Integration mit einer gemeinsamen Währung zu schaffen. Und jetzt?

Es ist unbestritten, dass damals auch Fehler gemacht wurden. Eine gemeinsame Währung kann nur funktionieren, wenn man auch die Wirtschaftspolitik aufeinander abstimmt. Doch gelernt haben wir daraus bis heute nicht. Klare Ziele haben wir schon lange nicht mehr.

Großbritannien war immer ein Verfechter starker Nationalstaaten, die nur das Nötigste auf europäischer Ebene gemeinsam abstimmen, vor allem um die Wirtschaft durch einen gemeinsamen Binnenmarkt zu stärken. Doch meine Vision besteht nicht nur aus dem Binnenmarkt.

Ich möchte, dass die Europäer in Frieden miteinander und nebeneinander leben, dass wirtschaftliche Unterschiede zwischen den Ländern langfristig ausgeglichen werden, dass die Menschen gegenseitige Vorurteile abbauen und einander schätzen, dass es eine kulturelle und sprachliche Vielfalt gibt, genau dieses jedoch auch unseren Zusammenhalt definiert. Ich möchte, dass Kreativität und Ideen Grenzen überwinden und wir wissenschaftlicher Vorreiter sind. Ich möchte, dass wir uns über unsere gemeinsame Geschichte definieren und in der Welt eine führende Rolle in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Form übernehmen. Wir können das!

Ich möchte, dass Grenzen an Land und im Kopf überwunden werden. Es braucht keine 28 Armeen in Europa. Es braucht ein starkes Europäisches Parlament mit einer starken europäischen Regierung.

Und wie soll das alles funktionieren, Till? Ganz einfach, sage ich! Denn mit einem klaren Ziel vor Augen lassen sich Entscheidung einfacher beschließen, lassen sich unterschiedliche Positionen besser diskutieren. Bisher hat man das Gefühl, wir seien lethargisch, wenn es darum geht, endlich über die Zukunft zu reden.

Dabei ist es doch so einfach: Die Jugendlichen von heute sind die Bürger Europas von morgen, Ihnen gehört die Zukunft. Wenn man Jugendliche befragt, haben neun von zehn ein positives Bild von der Europa. Folglich ist dort der Ansatzpunkt über Aufklärung, über Reisen, über gegenseitiges Kennenlernen die Menschen für Europa zu begeistern. Warum also nicht jedem 18-Jährigen ein Interrail Ticket schenken? Warum nicht Austauschprogramme in der Schule europaweit viel stärker fördern? Wieso nicht Programme wie Euroscola deutlich ausbauen und es noch viel mehr Jugendlichen ermöglichen, das Europäische Parlament in Straßburg kennenzulernen? Jeder Schüler besucht einmal den Bundestag, warum diskutiert jeder Schüler nicht auch mit anderen Schülern aus allen europäischen Ländern zwei Tage in Straßburg über Europa und lernt die Europäische Union kennen? Warum nicht das Erasmus-Programm aufstocken, damit jeder Student einmal in seiner Studienzeit im europäischen Ausland ein Semester verbracht hat?

Der Anfang ist so einfach. Es muss nur unser Wille sein. Dazu brauchen wir endlich eine Debatte über unsere Ziele, nicht in zehn Jahren, sondern jetzt bald, damit das Schiff zur Not noch umgesteuert werden kann. Ich weiß, dass das kein leichter Weg ist, aber wir sind 500 Millionen, es gibt nichts, was wir nicht erreichen können.

Und am Ende sage ich euch mein Ziel für Europa, schließe den Bogen um meine Ausführungen wieder zu Guy Verhofstadt oder Wolfgang Schäuble, die sich ebenso wie ich erträumen, dass die Europäer in den Vereinigten Staaten von Europa leben und arbeiten. Nicht heute und auch nicht morgen, aber vielleicht in 30 Jahren? Vielleicht auch erst in 50 Jahren, Hauptsache wir steuern dann auf einen Zielhafen zu.

Liebe Grüße

Euer Till

2 Gedanken zu „Eine Vision für Europa?

  1. Heino und Heike

    Lieber Till,

    Dein Gedankengut haben wir gemeinsam gelesen und finden Deine Einstellung für die Zukunft Europas bewundernswert. Wir finden Deinen Text toll und sind total Deiner Meinung. Nur weiter so. Dann kannst Du vieles erreichen.

    Antworten
    1. Frank

      Ich schließe mich der Meinung von Heino und Heike an, Till hat mir mit seinem phänonormalen Aufsatz die Augen geöffnet. Weiter so Till, wir schaffen es!

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