Sechs Tage im Fjell…oder „Das, was diese Schule so besonders macht“

Es ist Mitte Oktober. Auf den Berghängen sieht man den Herbst kommen und in der Luft liegt eine klare Kälte. Die Tage werden kürzer und morgens muss man lange warten, bis die Sonne es über die Berggipfel ins Tal schafft.

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Malerische Aussicht im Camp

Im Outdoor College herrscht reges Treiben. In der Turnhalle stapeln sich haufenweise Kocher, Zelte, Wanderstöcke und anderes Tourenmaterial nebst kleineren Haufen mit Lebensmitteln, Streichhölzern und Isomatten. Es wird abgewogen, neu verpackt, ausdiskutiert und geplant. Im Klassenzimmer wird sich über Karten gebeugt und Streckenlängen werden berechnet und ausgiebig geprüft. Die gesamte Tourenplanung liegt in der Hand der Kinder. Die Outdoortrainer (die extra für die Touren aus Deutschland anreisen) haben sie Expertenteams bilden lassen, die die einzelnen Bereiche unter Kontrolle haben: Navigation, Biwak, Küche und Sicherheit. Für die Kids ist es bereits die dritte Tour – für mich ist es die e

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Rucksäcke auf und weiter geht’s!

rste. Und das merkt man auch. Während ich mir überlege, wie viele Decken ich wohl zusätzlich zu meinem Schlafsack brauche (es geht hoch in die Berge und es soll kalt werden) und wie ich überhaupt alles in meinen Tourenrucksack bekomme, sind sie schon einen Schritt (oder auch mehr) weiter und erklären mir, dass fünf Paar Socken nun wirklich nicht notwendig sind. Drei reichen: eins an den Füßen, eins zum Trocknen in den Hosentaschen und ein trockenes warmes Paar für den Notfall. Das Paar fürs angenehme Hygienegefühl scheint keine Rolle zu spielen, aber letztendlich gehen Gewicht und Stauraum vor den Problemchen unerfahrener Tourenbegleiter und mein Socken- und Unterwäschevorrat wird durch Brot und Butter ersetzt. Außerdem werden Klopapier, Tee und Gewürze meiner Verantwortung übergeben. Könnte schlimmer sein (und schwerer!).

Dann geht es endich los auf meine erste Tour. Die Schüler gehen in zwei Gruppen mit je einem Outdoortrainer und ein oder zwei Betreuern vom College los. Nach Kanu-, Kajak- und Wandertouren im Spätsommer handelt es sich diesmal um eine reine Trekkingtour. Von Sonntagnachmittag bis Freitag werden wir unterwegs sein und uns im norwegischen Fjell zurechtfinden müssen. Nach einem ausgiebigen letzten Mittagessen im OC schultern wir unsere Rucksäcke und marschieren los.

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Welcher Berg ist das da drübenr wohl? Navigation mit Karte und Kompass.

Erst einmal geht es steil bergauf; einen Wanderweg hinauf ins Fjell direkt gegenüber der Schule. Da es erst nachmittags losging, kommen wir an diesem ersten Tag nicht weit, bevor es heißt: mögliche Lagerplätze ausspähen, Feuer machen, Essen kochen. Unser Lagerplatz liegt in einer Mulde zwischen höheren Bergen und bietet alles, was wir brauchen: fließendes Wasser aus dem Bach, Holz zum Feuermachen, Windschutz und einigermaßen ebene Flächen für die Zelte. Der anstrengende Aufstieg wird durch erste Eindrücke vom herbstlichen Fjell entschädigt. Rote und gelbe Gräser sind im schwindenen Tageslicht zwischen knallgelben Birken zu erahnen und geben einen Vorgeschmack auf die nächsten Tage. Bei Tee und Nudeln mit Käsesauce lassen wir den Blick hinunter ins Tal schweifen, wo Lunde liegt und damit unsere warmen Betten. Kalt wird es nämlich schnell hier oben und so hopsen alle vor den Schlafengehen noch ein wenig die Hügel rauf und runter, um warm in die Schlafsäcke zu kriechen.

Die nächste Tage erwartet uns wunderschönstes Herbstwetter. Wir wandern vorbei an Seen, auf denen sich der erste Frost zeigt, bestaunen von Anhöhen die prächtigen Farben und halten Ausschau nach Spuren norwegischer Fauna. Die Schüler erhalten nebenbei kleine Lektionen in Navigation, Feuermachen, Zeitplanung und Spurenlesen, während unser Weg uns höher und höher in die Berge führt. Ich habe mich mittlerweile an das Gewicht auf meinem Rücken, an mein Zelt und an das unstehte Vorankommen gewöhnt. Die Tagesetappen variieren stark je nach Höhenprofil und geben genügend Gelegenheiten, stehenzubleiben und die beeindruckende Landschaft auf mich wirken zu lassen. Während die Kinder nach Landmarken Ausschau halten, um sich bei der Navigation zu orientieren, bestaune ich die Weiten und versuche, alles in mich aufzunehmen.

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…und noch ein wunderbares Bild zum Schluss: so schön kann Norwegen sein!

Die letzte Nacht verbringen wir in ca. 800 Metern Höhe und da wir die Tagesetappe nicht ganz geschafft haben, ist unser Lagerplatz auch ziemlich windungeschützt und eisig. Leichter Graupel fällt vom Himmel, weswegen wir das Abendessen in eines der Schlafzelte verlegen, wo man zumindest etwas vor dem eisigen Wind geschützt ist. Am nächsten Morgen liegt ein knapper Zentimeter Schnee über allen Spuren, sodass in Windeseile abgebaut und losgelaufen werden muss. Einerseits, weil es echt kalt ist und andererseits, weil wir heute wirklich den Zeitplan einhalten müssen, um nachmittags unten im Tal zu sein, damit wir abgeholt werden können. Somit wird die letzte Tagesetappe mit sieben bis acht Kilometern im unwegsamen Gelände tatsächlich unsere längste und anstrengendste auf dieser Tour, was aber zum Schluss auch noch einmal Genugtuung verschafft und das Gefühl, wirklich etwas getan zu haben. Übergücklich und erschöpft lassen sich alle in die Sitze der OC-Busse fallen und freuen sich auf eine warme Dusche und ein kuscheliges Bett. Was bleibt, sind Geschichten und farbenprächtige Erinnerungen, die in der Schule sofort an die andere Tourengruppe weitergegeben werden müssen. Ich selbst freue mich genauso wie die Kids, ersteinmal zurück zu sein und werde bis zur nächsten Tour im November den Luxus des Warmen und Trockenen bestimmt doppelt zu schätzen wissen!

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