Ein Herbst ohne Norah Jones

Eine weitere Stunde Englischunterricht im Flüchtlingslager, ein Ausflug in eine der ältesten Städte der Welt und meine erste Andacht an der Near East School of Theology: Neue Geschichten aus Beirut.

Nachdem ich gemeinsam mit meinen Kommilitoninnen Maxie und Lydia bereits in der vorigen Woche an einigen Ausflügen des ‚al-sharq‘ Netzwerkes teilnehmen durfte, begleiteten wir die Reisegruppe ein letztes Mal in die Heinrich-Böll Stiftung. Dort berichtete die Leiterin, Frau Dr. Bente Scheller, über die politische Lage des Landes seit Beginn der syrischen Flüchtlingskrise. Während wir in Deutschland mit einer Million Geflüchteten bereits maßlos überfordert scheinen, leben im Libanon zwischen 1-2 Millionen Syrer (mit genauen Zahlen hat es in diesem Land keiner so richtig…), bei etwa 4 Millionen Libanesen, etwa einer halben Million Palästinensern und einem Land, das etwa halb so groß wie Hessen ist. Dass diese Umstände nicht spurlos an der Bevölkerung vorbeigehen, liegt vermutlich auf der Hand. Umso spannender war es, einen fundierten und ortskundigen Überblick vermittelt zu bekommen, um die komplexen Verstrickungen langsam zu entwirren und Stück für Stück etwas besser zu begreifen.

Prokrastination bei begrenztem Internetvolumen...

Prokrastination bei begrenztem Internetvolumen…

Auf der Rückfahrt machen Maxie und ich einen kurzen Abstecher bei Virgin Records, dem wohl größten Musik- und Elektronikanbieter der Stadt. Es gibt nur eine Künstlerin, von der ich alle CDs besitze, und jene hat Anfang Oktober ein neues Album veröffentlicht: Norah Jones. Hoffnungsvoll folge ich der Aufforderung des Security-Mannes am Eingang und überlasse ihm meine Handtasche (warum auch immer), bevor ich mich auf die Suche nach dem Album begebe.
Bis auf etwa sechs Mitarbeiter ist der Laden leer. Kunden sucht man hier vergeblich. Ein Phänomen, das immer wieder auffällt: Ein völlig disproportionales Mitarbeiteraufkommen gemessen an der ausbleibenden Kundschaft. Selten steigern die zahlreichen Arbeitskräfte die Effektivität. Meist stehen sie sich sogar augenscheinlich im Weg. Der große und moderne Laden wirkt, als sei in ihm etwa 2008 die Zeit stehen geblieben. Alles glänzt, doch das musikalische Angebot ist völlig veraltet. Das neue Album von Norah suche ich hier vergebens.
Stattdessen springt Maxie und mir in der Elektronikabteilung ein günstiger Scanner ins Auge. Seit wir bei unserem Copyshop-Fiasko zunächst 32 Euro für lächerliche 60 Seiten zahlten (von denen wir nach längerer Debatte zum Glück die Hälfte erstattet bekamen), und weil in der Uni die Scan-Funktion des Kopierers einfach nie funktioniert, beschlossen wir kurzerhand, das Gerät mitzunehmen. Unser Verkäufer war augenscheinlich etwas überfordert mit der Tatsache, dass tatsächlich endlich jemand etwas kaufen wollte. Überrascht stellte er fest, dass der Artikel nicht mehr im Sortiment vorhanden war, und packte uns kurzerhand das Ausstellungsmodell in einen Karton.

Es wäre vermutlich zu einfach gewesen, hätte unsere Scanner-Geschichte an dieser Stelle ein Happy End gefunden. Stattdessen stellten wir beim Auspacken fest, dass der Verkäufer offenbar vergessen hatte, das Verbindungskabel zwischen Scanner und PC mit in den Karton zu legen. Ein Grund, wenige Tage später erneut in den Laden zu spazieren.
Zunächst aber war es für mich und Maxie an der Zeit, eine erste Andacht an der unserer Uni zu halten. Die tägliche Zusammenkunft zum kurzen Innehalten ist ein fester Bestandteil des Alltags an der Hochschule. Jeder ist angehalten, etwa ein Mal im Monat selbst eine Andacht zu gestalten. Mittwochs liegt der Schwerpunkt meist auf Liedern und weniger auf Texten, und weil unsere Andacht auf einen Mittwoch fällt, bestehen auch unsere 20 Minuten zum Großteil aus Musik und Gesang.
Obwohl ich jener neuen Verpflichtung zunächst skeptisch entgegenblickte, macht es letztlich viel Spaß, selbst entscheiden zu dürfen, mit welchen Inhalten wir die Zeit füllen möchten.
Nach einer Uni-intensiven Woche wird es Zeit für einen Abend außerhalb von Hamra.

Zunächst aber begeben wir uns erneut in den Virgin Store, um darüber in Kenntnis gesetzt zu werden, dass das fehlende Verbindungskabel nicht zum Standardpaket dazugehört. Einigermaßen irritiert versuche ich herauszufinden, wie sich erklären lässt, dass Drucker und Scanner standardmäßig ohne das entscheidende Kabel verkauft werden, mit dem sich das Gerät erst benutzen lässt. Eine überzeugende Antwort auf diese Frage hat unser Verkäufer leider nicht, dafür aber ein extra abgepacktes Kabel, für weitere acht Dollar…
Nach einer längeren Odyssee ist es uns nun also endlich möglich, Dateien zu scannen und bei Bedarf auch zu drucken. Weil sich im selben Geschäft auch eine Konzertkasse befindet, werde ich immerhin zufällig darauf aufmerksam, dass Mitte November die marokkanische Band Hindi Zahra ein Konzert ein Beirut geben wird! Eine Veranstaltung, die ich mir nicht entgehen lassen kann. Die zauberhafte Musik und die eingängige Stimme der Sängerin haben mich in den letzten Jahren immer wieder beglückt und begleitet.

Unterwegs in Gemmayzeh

Nach unserem Kabelkauf verbringen wir den Abend im angesagten Gemmayzeh in einem Café, in dem Geschichtenerzähler angehalten sind, ihre Anekdoten mit dem Publikum zu teilen. Einige erzählen auf Arabisch, andere auf Englisch. In dem großen Laden trifft sich offenkundig die intellektuelle Elite und die Studierendenschaft der American University. Wir lachen über einen Ankunftsbericht eines amerikanischen Studenten, und staunen nicht schlecht, als wir bei einer arabischsprachigen Geschichte immerhin einigermaßen viele Vokabeln wiedererkennen.

Ein Abend voller Geschichten im alternativen Gemmayzeh

Ein Abend voller Geschichten im alternativen Gemmayzeh

Am kommenden Morgen mache ich mich ein zweites Mal mit Maxie auf den Weg ins Flüchtlingslager, um mit ihr Englisch zu unterrichten. Während die etwa fünfzehn Schüler in der vergangenen Woche beim ersten Aufeinandertreffen erstaunlich lieb und brav erschienen, ist das Eis in der zweiten Stunde augenscheinlich gebrochen. Den Kindern bereitet es eine große Freude, uns wie wild auf der Nase herumzutanzen. Ein Junge versteckt sich hinter der Tafel, ein Mädchen unter einem Plakat, ein anderes Kind wirft einen Tisch um und die Packung Druckerpapier, die wir für Schreibübungen mitgebracht haben, scheint wie von Zauberhand immer leerer zu werden. Als die ersten Papierbälle fliegen, ist das Chaos endgültig ausgebrochen. Während Maxie und ich mit unseren drei Brocken Arabisch versuchen, einigermaßen für Ruhe zu sorgen, ist es den Kindern ganz offensichtlich ein großer Spaß, unsere Grenzen auszutesten. Weil wir freiwillig und ohne bindende Verpflichtungen im Klassenraum stehen, können wir die mittelschwere Katastrophe gut verkraften und hoffen, in der nächsten Woche mit konsequentem Frontalunterricht wieder mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.
Da es für die palästinensischen Kinder keine normalen Schulen gibt, ist die Einrichtung in der wir unterrichten in erster Linie ein Zufluchtsort für die Kinder, an dem sie von der Straße fernbleiben und ihre Zeit einigermaßen sinnvoll verbringen können. Ohne jede Aussicht auf eine vielversprechende Zukunft fehlt es den Kindern an jeglicher Perspektive. Zwei Mädchen, die uns noch wenig zuvor ordentlich an der Nase herumgeführt haben, bringen uns nach der lauten Stunde zwei Gläser Wasser und grinsen uns mit unschuldigen Augen an. Es fällt schwer, ihnen wirklich böse zu sein. Den Abend lassen wir mit unseren männlichen deutschen Kommilitonen und Salam, einer syrischen Studentin der N.E.S.T, bei einem Bier in Hamra ausklingen.

Sonnenuntergang in Byblos

Sonnenuntergang in Byblos

Am kommenden Tag steht unser erster selbst organisierter Ausflug auf dem Programm: Lydia, Maxie und ich fahren mit öffentlichen Bussen nach Byblos, eine der am längsten besiedelten Orte der Welt. Dort begeben wir uns nicht nur auf die Spuren der Kreuzfahrer, sondern können auch an einem zauberhaften Sandstrand Ende Oktober im Mittelmeer baden. Die malerische kleine Stadt scheint ein Anziehungspunkt für libanesische Touristen, die zwischen Restaurants und Basar den Alltag in Vergessenheit geraten lassen. Die Stadt fühlt sich ein bisschen an, wie ein orientalisches Ostseebad: Hier gibt es Meer, Souvenier- und Postkartenstände und jede Menge Essen. Es tut gut, die Aussicht auf die Steinwüste Beiruts für einige Stunden hinter sich zu lassen, und gegen Meer und antike Gebäude auszutauschen.

Am Strand von Byblos

Am Strand von Byblos

Am Sonntag widme ich mich wieder der Uni und der ausstehenden Lektüre, und spaziere am Abend mit Maxie zum ersten Mal zu den Taubenfelsen, eine der bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Während wir den malerischen Sonnenuntergang bewundern stellen wir wieder ein Mal fest, dass sich der nicht-arabischsprachige Tourismus äußerst in Grenzen hält. Jeder „westlich“ erscheinende Tourist sticht uns sofort ins Auge.

Taubenfelsen in Raouché, Beirut

Taubenfelsen in Raouché, Beirut

Die neue Woche beginnt mit einem morgendlichen Besuch in Gemmayzeh, bei dem Maxie und ich feststellen müssen, dass die nachts so lebendige Gegend am Morgen ausgestorben zu sein scheint. Nach einem langen Spaziergang landen wir im ‚Saifi Village‘, einer kleinen touristischen Oase, die ein Hostel, eine Sprachschule und ein nettes Restaurant beherbergt. Unseren Ausflug nutzen wir sogleich, um die Konditionen der Sprachschule zu erfragen. Voraussichtlich werden wir unsere Sprachschule verlassen und stattdessen ab kommender Woche dort Arabisch lernen. Am Abend machen Lydia, Maxie und ich es uns auf dem Balkon gemütlich, um eine Dokumentation über die syrischen Geflüchteten im Libanon anzusehen, die von der Heinrich-Böll Stiftung finanziert und uns bei unserem Besuch mitgegeben wurde.
Die Kommentare der bedürftigen und armen libanesischen Bevölkerungsgruppe im Film lassen Wut, Unzufriedenheit und Ängste laut werden lassen. Auch bei einem Tischgespräch beim Mittagessen mit einigen Studierenden der N.E.S.T wird deutlich, dass die Flüchtlingskrise zu großen Kontroversen und Herausforderungen führt.
Heute war ich am Nachmittag zum ersten Mal mit Maxie beim Sport. Kürzlich wurden wir darauf aufmerksam, dass eine dänische NGO ein wöchentliches Workout im Park anbietet, das sich lediglich an Frauen richtet. Gedacht ist das Angebot in erster Linie für Frauen und Mädchen, die sich das überteuerte Sportangebot nicht leisten können. Aber auch wir sind herzlich eingeladen und rennen Parcours über den vom Krieg gezeichneten „Park“, der eher gelb als grün leuchtet. Das Gelände ist voller kaputter Gegenstände, die sich bestens zum Klettern und Springen eignen. Neben dem Park befindet sich eine weitere riesige Parkanlage, die bis vor einem Jahr aus politischen Gründen für über 20 Jahre geschlossen war, und durch einen Zaun von der anderen Anlage getrennt ist. Als unwissende Neuankömmlinge spazieren Maxie und ich natürlich zunächst in den riesigen Park, vorbei an Soldaten, die das Gebiet bewachen. Wenig später stehen wir vor dem riesigen Zaun – dahinter steht unsere dänische Trainerin mit zwei weiteren Mädchen. Wir lassen uns von ihr sagen, dass es nur zwei Wege gibt, auf die andere Seite zu gelangen: Entweder, wir laufen den gesamten Weg durch den riesigen Park zurück und dann ein Mal um das gesamte Gelände, oder – wir klettern über den Zaun.

Sport im Park

Wenig später hängt Maxie auf dem Zaun, als plötzlich ein Wachmeister angelaufen kommt, der überraschenderweise nicht schimpft, sondern stattdessen seine Hilfe anbietet. Auch als sich einige Jungs um uns scharen, um die weibliche Gruppe beim Sport machen zu beobachten, kommen nach einer Weile die freundlichen Guards, um die jungen Männer zu vertreiben. Eine der Ideen der NGO ist es, den Frauen eine sichere Umgebung zu bieten, in der sie ohne Geld und ohne Männer Sport machen können. Women Empowerment scheint das Stichwort. Tatsächlich begegnen uns viele freundliche und doch überraschte Gesichter, als wir bei unserem Parcours-Rennen an Basketball- und Tennisfeldern vorbeirennen, und nahezu nur männliche Sportler passieren. Womöglich tut sich mit dem Angebot der NGO eine Möglichkeit auf, die völlig überteuerten Fitnessstudios der Stadt zu meiden und dennoch aktiv zu bleiben.
Die Woche hält noch einiges bereit: Morgen steht ein Hip-Hop-Abend im Zeichen des Battleraps auf dem Programm. Am Donnerstag halten Maxie und ich bereits die nächste Andacht, und am Freitag fahren wir mit der gesamten Belegschaft der Uni auf das sogenannte „Fall Retreat“ – ein Community-Wochenende, das Gelegenheit zum besseren Kennenlernen bieten soll. Ich freue mich auf drei Tage außerhalb der N.E.S.T und bin gespannt, was ich beim Nächsten Mal von unserem Ausflug zu berichten haben werde.

Ein Gedanke zu „Ein Herbst ohne Norah Jones

  1. Phil

    sehr cooler Bericht. Bin gerade erst auf diesen Blog der KN gestoßen. Wusste gar nicht das er existiert – aber gefällt mir! Werde noch ein paar Stunden hier heute lesen 🙂

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