Zwischen neuem Präsidenten und neuer Religion

Viel ist passiert in den vergangenen Tagen: Nach 2 1/2 Jahren hat der Libanon einen neuen Präsidenten, meine Kommilitonin Maxie und ich haben die 19. Religionsgemeinschaft des Landes gegründet und uns außerdem in den Bergen eine Pause vom Lärm der Stadt gegönnt.

kl7

Nach dem Mittagessen bleibt meist nur wenig Zeit für eine Runde Kaffee und ein Blick ins Vokabelheft. Meist erreichen wir die Sprachschule wenige Minuten vor Beginn des Unterrichts. Zwischen uns und der arabischen Heidi Klum liegen vier Stockwerke, die Lydia normalerweise läuft, während Maxie und ich meist mit dem Fahrstuhl Vorlieb nehmen. So auch an jenem Tag, als wir gemeinsam mit einer weiteren Frau den türlosen Lift betreten.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Kurz vor dem vierten Stock geht plötzlich das Licht aus. Wir bleiben stehen. Für einen Moment fühlt es sich so an, als würde der Fahrstuhl ein Stockwerk tiefer sinken. Es ist drei Uhr. Und Stromausfall. So, wie jeden Tag – drei Mal mindestens. Weil die Stadt Beirut ihre Bürger nur mit sechs Stunden Strom am Tag versorgt, sind Hausbesitzer auf Generatoren angewiesen, mit denen sie selbstständig dafür sorgen, dass in den stromfreien Stunden trotzdem alles erleuchtet ist. Im wohlhabenden Hamra gehen die Lichter meist nach wenigen Sekunden wieder an, da sich hier offenbar die meisten Bewohner einen hauseigenen Generator leisten können. In anderen Vierteln ist dies hingegen nicht der Fall. Dort greift die Bevölkerung entweder auf ein illegales Stromnetz zurück, oder bleibt schlichtweg ohne Versorgung. Gerade in benachteiligten Stadtteilen und Flüchtlingslagern scheint ein Netz aus (illegalen) Kabeln die Straßen zu überdachen. Nicht nur an fließendem Strom, auch an fließendem Wasser mangelt es den Libanesen. In den vergangenen Wochen wurden wir an der Universität dazu aufgerufen, besonders in dieser wasserarmen Zeit auf unseren Verbrauch zu achten, da – ähnlich wie beim Strom – die Hochschule nur für wenige Stunden Wasser aus staatlicher Quelle erhält, und sonst darauf angewiesen ist, für das übrige Wasser privat aufzukommen. Je nach Wasserzufuhr schmeckt das Wasser aus dem Duschkopf mal mehr und mal weniger nach Mittelmeer – trinkbar ist es zu keiner Zeit.

Blick auf Douma

Blick auf Douma

Neben all den schönen Bildern der Natur und den verwunschenen hübschen Ecken der vom Krieg gezeichneten Stadt gibt es auch eine andere Seite, die den Alltag prägt und die Armut und das Chaos des Landes verdeutlicht.

An dritter Stelle der begrenzten Ressourcen steht außerdem das Internet, durch das wir an der N.E.S.T mit monatlich 6 GB surfen können. Meine Leidenschaft für Rapper und pubertäre Youtuber muss in diesen Monaten gezwungenermaßen eine Pause einlegen. Stattdessen malen Maxie, Lydia und ich in Zeiten der Prokrastination meist Mandalas aus, die später zu Briefumschlägen umfunktioniert werden. An dieser Stelle herzliche Grüße an Frau Kesselgruber und lieben Dank für das lebensprägende Motto „Da kann man immer noch ’nen Briefumschlag draus basteln!“, das deutliche Spuren hinterlassen hat.

Der Fahrstuhl fuhr übrigens wenige Sekunden später wieder hoch. In der vergangenen Woche haben wir die letzte Stunde bei Frau Klum belegt, und sind seit dieser Woche – wie geplant – in einem anderen Sprachinstitut.

Alle zwei Wochen findet Mittwochs im „Radio Beirut“ eine Hip-Hop Session statt, bei der bekannte Künstler und junger Nachwuchs ihre Fähigkeiten zum Besten geben können. Nachdem ich seit Jahren versuche, all meine Freunde von der gesellschaftlichen Wichtigkeit meiner geliebten Rapperinterviews zu überzeugen, habe ich in Maxie endlich einen Menschen gefunden, der mein Anliegen teilt. In der kleinen Bar in Gemmayzeh treffen wir auf einige uns bereits bekannte Gesichter. Erst seit Ende des Bürgerkrieges hat sich die Szene entwickelt, deren Anhängerzahl wahrlich überschaubar scheint. Während viele Besucher bereits nach kurzer Zeit wieder verschwinden, bleiben Maxie und ich nahezu bis zum Schluss, was uns die Gunst des Rappers „Chyno“ einbringt, der bei einem kurzen Gespräch von seiner diesjährigen Tour in Deutschland erzählt. Menschen mit mehr Internet als mir und Interesse an Rap sei an dieser Stelle ein Besuch auf Youtube empfohlen.

Bereits am nächsten Morgen steht für mich und Maxie die bereits zweite Andacht auf dem Plan. Wir befassen uns mit dem 12. Kapitel des 1. Korintherbriefs und laden die Anwesenden zu einer kleinen Schreib-Meditation ein, die sie von ihren Plätzen durch die kleine Kapelle führt. Einige der eher konservativ geprägten Studierenden scheinen mit kreativen Ansätzen hin und wieder etwas überfordert, wenngleich wir von den Dozierenden dazu angeregt worden sind, die Andachten nach unseren Wünschen zu gestalten.

Innehalten in den Bergen

Innehalten in den Bergen

Auch vor dem Wochenende macht das N.E.S.T-Bedürfnis nach Gemeinschaft nicht halt. Das letzte Oktoberwochenende steht im Zeichen des „Fall Retreats“, das die gesamte Studierendenschaft gemeinsam mit den Lehrenden in die Berge des Landes führt. Zwei Nächte verbringen wir in Douma, einem christlich geprägtem Dorf in der Nähe Batrouns. Es tut gut, frische Luft zu atmen, und fern von dem allseits präsenten Lärm der Stadt zu sein.

Spaziergang durch Douma

Spaziergang durch Douma

Während der Freizeit steht neben der Gemeinschaft die Geschichte Jakobs im Vordergrund, die in Kleingruppen in theologischen und persönlichen Gesprächen beleuchtet wird. Am Samstag machen wir außerdem eine Wanderung in das „Johannes der Täufer-Kloster“ Doumas, in dem einige von uns an einem Griechisch-Orthodoxen Gottesdienst der Nonnen teilnehmen, die vollkommen in schwarz gekleidet sind und seit ihrer „spirituellen“ Eheschließung mit Gott keinen eigenen Vornamen mehr tragen.

Tannourine

Tannourine

Noch dazu erzählen die Frauen, dass sie täglich um 3:30 Uhr morgens aufstehen. Ein Lebensstil, der trotz des wunderschönen Klosters – in dem Fotografieren leider verboten ist – für mich wenig erstrebenswert klingt.

Blick auf die libanesischen Berge

Blick auf die libanesischen Berge

Auf unserer Rückkehr nach Beirut machen wir außerdem Halt in Tannourine, einer beeindruckenden Gebirgslandschaft, in der im Frühling Wasserfälle fließen, von denen derzeit nur kleine Pfützen erkennbar sind. Im Mittelpunkt der hiesigen Woche stand die Vorbereitung auf die erste mid-term Klausur. Unser Islam-Dozent gab uns im Vorhinein eine detaillierte Beschreibung der bevorstehenden Fragen und Aufgaben, sodass wir uns sehr genau auf die Klausur vorbereiten konnten. Einerseits hatte ich in den letzten Tagen Gelegenheit, durch die intensivere Beschäftigung mit den Texten Zusammenhänge und historische Zahlen und Fakten besser zu begreifen. Andererseits aber erforderte die Arbeit wenig eigene Denkleistung und in erster Linie die Fähigkeit, auswendig zu lernen und das Wissen zum richtigen Zeitpunkt abzurufen. Ich hoffe, es ist mir schließlich am Donnerstagmorgen gelungen. Das Essay über Mohammed habe ich inzwischen zurück – und wenngleich ich mir die detaillierten Kommentare noch nicht angesehen habe, ist das Ergebnis sehr gut. Ich hoffe nach wie vor, dass wir untereinander Zeit finden, die verschiedenen Positionen über das Prophetentum besprechen zu können, da für die Nachbesprechung im Lehrplan leider kein Zeitfenster eingeplant ist.

Libanesischer Herbst

Libanesischer Herbst

Neben den Vorbereitungen für die Klausur haben Maxie und ich außerdem der American University einen weiteren Besuch abgestattet, um an einer Podiumsdiskussion zur Legislative und der öffentlichen Sphäre des Landes teilzunehmen. Denn nicht nur im Klassenraum, auch im Land hat sich in den vergangenen Tagen so einiges getan: Am Montag wurde nach 2 ½ Jahren ein Präsident gewählt. Der maronitische Christ Michel Aoun, der bereits zu Bürgerkriegszeiten in das politische Geschehen involviert war, hat es nach langen Machtkämpfen an die Spitze geschafft. Während wir es leider verpasst haben, die Feierlichkeiten im Stadtzentrum zu beobachten, war es bereits eine Freude, die Wahlen im Fernsehen zu verfolgen. Während in Deutschland bei Abstimmungen im Parlament zu digitalen Mitteln gegriffen wird, sind die Libanesen nach wie vor auf Stimmzettel angewiesen. Dies führte dazu, dass in mehreren Wahlgängen zu viele Zettel abgegeben wurden, was die Wahl jedes Mal aufs Neue ungültig machte. Während Aoun im ersten Wahlgang nicht die benötigten Stimmen erhielt, um es bei einem Wahlgang zu belassen, muss der zweite Wahlgang mehrfach wiederholt werden. Letztlich werden zwei Männer eingesetzt, die sich neben die Wahlurne stellen müssen um zu überwachen, das jeder Politiker auch wirklich nur einen Zettel einwirft. Mit der nötigen Sozialkontrolle klappt es nun endlich, und die Zahl der Zettel korreliert schließlich mit den Anwesenden. Autokorsos, Feuerwerk und Schüsse bringen die Freude Aouns Anhänger zum Ausdruck. Die erzielte Einigung scheint ein Erfolg für die Christen des Landes, wenngleich ihre Einigkeit häufig an der Frage über den „richtigen“ Präsidenten und an politischen Fragen im Allgemeinen zu scheitern scheint. Während die libanesische Verfassung es voraussieht, dass ein maronitischer Christ das Amt des Präsidenten trägt, ist es an den Sunniten, den Premierminister zu stellen. Der wiederum wurde wenige Tage nach der Wahl des Präsidenten von Aoun am Donnerstag ernannt: Ab sofort soll Saad Hariri, der bereits von 2009 – 2011 an der Spitze stand, erneut das Amt übernehmen. Es scheint sich einiges zu bewegen in diesem Land, in dem die Politik so furchtbar verworren und kompliziert, und die Gesellschaft so gespalten erscheint.

Präsidentenwahl vor dem Fernseher

Präsidentenwahl vor dem Fernseher

Auch für das kommende Wochenende steht ein weiterer Ausflug mit der Uni auf dem Programm: Wir werden das maronitisch geprägte Qadisha Valley besuchen, das als einer der schönsten Flecken des Landes gilt. Auf Anraten Lydias haben wir beschlossen, den Ausflug zu verlängern und eine Nacht im Kloster zu verbringen, um auch am Sonntag ein wenig weiter zu wandern und etwas länger von Natur umgeben zu sein.

Von Kirche zu Kirche..

Von Kirche zu Kirche..

In der Auseinandersetzung mit den Maroniten begegnen mir Fragen rund um die libanesische christliche Gesellschaft, denen ich mich in Deutschland noch nie gestellt habe. Eines der Themen, an dem sich die Christen neben der Frage über den Präsidenten zu spalten zu scheinen, ist die grundlegende Frage nach der Identität: Sind die Christen Araber, wie die Muslime des Landes? Stammen sie womöglich (so betonen es die Maroniten) von den Phöniziern ab und sind fern von arabischen Bezügen? Oder steht ihre christliche Identität schlicht im Vordergrund, fernab von nationalen Fragen? Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen religiösen Strömungen und Identitäten ist hier eng mit den politischen Aspekten des Landes verknüpft, und wird somit nicht nur spannend sondern auch sehr lebendig.

Neben den bereits bestehenden 18 Religionsgemeinschaften haben Maxie und ich übrigens bei einem Glas Wein eine 19. hinzugefügt. Bislang hat die Gemeinschaft lediglich zwei Mitglieder (Maxie und mich) und bedarf an etwas Werbung: Neben den Shiiten und Sunniten gibt es neuerdings auch die Shu-iten, die Agnostiker des Landes. (Das arabische Fragewort „shu?“ hat viele Bedeutungen, heißt in erster Linie aber „was?“). Diejenigen also, die sich zwischen all den überzeugten Gläubigen einfach nicht entscheiden können, seien an dieser Stelle herzlich eingeladen, unsere Gruppe zu stärken und sich in Unwissenheit und Hoffnung den Shu-iten anzuschließen.

Wanderung durch die Berge

Wanderung durch die Berge

Ein Gedanke zu „Zwischen neuem Präsidenten und neuer Religion

  1. Uwe

    So, so. Shu-iten.
    Vielleicht nicht doch besser: „Hada-iten“ (oder wie man es im Libanon wohl aussprechen würde: „Haida-iten“)?
    Das wäre sowas wie Dadaisten, die sich gegenseitig die schönsten Hadithe vorlesen.

    Antworten

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