Warten auf ein Weihnachtswunder

In den vergangenen Tagen durfte ich trotz überdurchschnittlichem Taschentuchverbrauch den Erzählungen einer libanesischen Kinderbuchautorin lauschen und ein Freitagsgebet in Sidon im Süden des Libanons beobachten. Außerdem erzähle ich euch, warum ich mich am vergangenen Samstag ein bisschen gefühlt habe wie in Hogwarts und weshalb ich sehnlichst auf ein kleines Weihnachtswunder warte.

Endlich stand Mitte November der lang ersehnte Besuch im Qadisha Tal bevor. In den Bergen wandern wir mehrere Stunden mit unserer Dozentin Dr. Rima durch das bezaubernde Wadi, um mehrere Klöster zu bestaunen. Keine Frage: Sollte irgendwer in Zukunft beschließen, die Herr der Ringe Trilogie erneut zu verfilmen, wären die Berge und Wälder eine perfekte Kulisse. Für die meisten geht es nach der langen Wanderung zurück nach Beirut. Nur sieben von uns haben beschlossen, auch den kommenden Tag in den Bergen zu verbringen. Während sich der Bus also zurück in die Hauptstadt bewegt, werden wir von einem Taxie-Truck durch die Berge zu unserer Schlafstätte gebracht: Müde und ein wenig fröstelnd landen wir am Abend im Mar Antonius Qozhaya Kloster. Die Fahrt im offenen Truck war dank der Aussicht auf die Berge und die untergehende Sonne atemberaubend, gleichzeitig aber auch sehr windig. Im Kloster werden wir freundlich in Empfang genommen, essen zu Abend und wärmen uns mit einer Tasse Tee auf. Am kommenden Morgen besuchen wir den Klostergottesdienst und begeben uns auf eine weitere Wanderung durch das zauberhafte Tal, bevor wir am späten Nachmittag zurück nach Beirut kehren.

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Blick auf das Qadisha Tal

Seit der letzten Wanderung ist ein ganzer Monat vergangen. In der Zwischenzeit habe ich zahlreiche weitere Kirchen mit meinem Ostkirchen-Seminar besichtigt, Stollen und Lebkuchen auf dem Weihnachtsbasar der deutschen Gemeinde verkauft und ein islamisches Gericht in Sidon besucht.

Nachdem die vergangene Woche mit einem Ausflug ins Flüchtlingslager und einem Besuch der interreligiösen ‚Adyan-Stiftung‘ begann, geht es am nächsten Morgen mit einem Vortrag im ‚Institute for Woman’s Studies in the Arab World‘ weiter. Bei Keksen, Tee und Taschentüchern stellt die Leiterin das Institut vor, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Frauen in der arabischen Welt eine Stimme zu geben.

Am Abend steht eigentlich die finale Arabischstunde an, in der eine Abschlussklausur geschrieben wird. Da ich dank einer anhaltenden Erkältung weder vorbereitet noch motiviert bin, beschließe ich auf die Prüfung zu verzichten und stattdessen mit einem Tee unter meiner Bettdecke vorlieb zu nehmen. Auch den kommenden Tag lasse ich, bis auf 2 ½ Stunden Ostkirchenseminar, vom Bett aus an mir vorüberziehen. Eine kurze Verschnaufpause, die mir zwischen all den Besuchen, Vorträgen und Gesprächen eigentlich ganz gelegen kommt.

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Besuch im islamischen Gericht in Sidon

Nachdem wir bereits bei unserem Ausflug ins islamische Gericht Bekanntschaft mit dem Imam und Richter Sheikh Muhammad Abu Zeid gemacht haben, sollen wir in dieser Woche erneut mehrfach aufeinandertreffen. Anstelle von unserem Islam-Dozenten Dr. Ford übernimmt am nächsten Morgen der islamische Gelehrte die Unterrichtseinheit, um uns ein von ihm veröffentlichtes Werk vorzustellen, dass sich vorrangig mit der historischen Entwicklung des Jihad-Verständnisses und verschiedenen Perspektiven auf den Krieg in Syrien beschäftigt.

Am Nachmittag verschwinden wir für einige Stunden in den Libanon vergangener Zeiten, als wir uns plötzlich im Wohnzimmer der libanesischen Autorin Emily Nasrallah wiederfinden. Bei einer Tasse Tee und überkandierten Früchten, die uns von den zwei asiatischen Hausdamen serviert werden, hören wir der junggebliebenen Dame zu, die uns an ihrer Lebensgeschichte teilhaben lässt. Ihre Bücher – von denen ich bisher noch keines gelesen habe – handeln offenbar vor allem vom Leben in ihrem Heimatdorf und der Zeit des libanesischen Bürgerkrieges. Als erste Frau aus ihrem Dorf hat Emily in den fünfziger Jahren ihr Elternhaus verlassen, um in Beirut in ein anderes Leben einzutauchen. Die beeindruckende Frau erzählt mit unendlich scheinender Liebe von ihrem bereits verstorbenem Ehemann, und berichtet über die Höhen und Tiefen ihres Lebens im Libanon. Ihre leuchtenden Augen bestärken mich in meinem Vorhaben, nie aufzuhören Geschichten zu erzählen.

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Blick aus der Moschee in Sidon, im Süden des Landes

Glücklicherweise geht es mir am Freitag schon wieder etwas besser, sodass ich mich am Morgen gemeinsam mit Islam-Dozent Dr. Ford und den anderen Kursteilnehmern auf den Weg nach Sidon machen kann, um am Freitagsgebet in der Moschee von Sheikh Muhammad teilzunehmen. Vor dem Gebet besuchen wir zunächst die pompöse Hariri-Moschee, die vom ehemaligen Premierminister Rafiq Hariri erbaut wurde. Die Räumlichkeiten bieten für unzählige Gläubige Platz. Mehrere tausend Betende nehmen dort am Freitagsgebet teil. Wir hingegen machen uns nach unserem Besuch auf den Weg in die Moschee von Sheikh Muhammad, und ich beobachte wenig später das Geschehen von der Frauenempore. Nach dem Gebet werden wir mit Datteln und viel zu süßem ‚Turkish Delight‘ herzlich willkommen geheißen, und in einem der Versammlungsräume außerdem zum Mittagessen eingeladen.

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Freitagsgebet aus der Frauenperspektive

Auch bei unserem zweiten Besuch in Sidon fühle ich mich in den sonnigen Straßen in der gemütlichen Hafenstadt sehr wohl.

Am Abend erwartet uns an der N.E.S.T eine Gesangsstunde mit der Frau des Hochschulpräsidenten, die gleichzeitig die letzte Chorprobe vor unserem ersten offiziellen Auftritt darstellt.

Gespannt blicken wir dem kommenden Tag entgegen, an dem wir uns am Nachmittag in das Dorf Dhour El Choueir begeben. Dort findet ein interkonfessionelles Adventssingen in insgesamt vier Kirchen statt. Der Abend beginnt mit einer halbstündigen Veranstaltung in der protestantischen Kirche, in der wir zu unser aller Belustigung in bordeauxroten Roben zwei Lieder zum Besten geben.

Die repräsentative Veranstaltung, die nicht nur christliche Stimmen, sondern auch einen muslimischen Chor auf dem Programm stehen hat, wird von einem christlichen Fernsehsender und einigen Politikern begleitet.

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Mit dem Chor beim Adventssingen in Harry-Potter-Roben

Gewappnet mit heißer Schokolade und allen warmen Kleidungsstücken, die mein Schrank so hergegeben hat, geht es direkt weiter zu den katholischen Maroniten, bei denen die Reihen deutlich besser gefüllt sind als bei uns. Außerdem statten wir auch dem griechisch-orthodoxen Männerchor einen Besuch ab, bevor wir es uns bei Crêpe und deutscher Bratwurst gut gehen lassen. In der griechisch-katholischen Kirche gibt es für uns keinen Platz mehr, weil dort eine bekannte libanesische Sängerin auftritt, die an diesem Abend alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Den krönenden Abschluss lassen wir uns dennoch nicht entgehen: Im Zentrum des Ortes steht ein riesiger Weihnachtsbaum aus Plastik, der mit theatralischem Operngesang und einem riesigen Feuerwerk elektrisch zum Leuchten gebracht wird. Für einige Minuten macht das Lichtermeer am Himmel die Nacht zum Tag, und lässt die Kälte der Berge für einen Moment vergessen.

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Feierliches Feuerwerk

Den dritten Advent verbringe ich an der N.E.S.T, um mich nach den vielen Besuchen wieder der Universität und einigen Erledigungen für Deutschland zu widmen. Apropos Deutschland: Im Grunde hoffe ich darauf, bereits in der kommenden Woche am Freitag in den Flieger zu steigen, um Heiligabend und den Start in das neue Jahr mit Freunden und Familie zu verbringen. Momentan ist diese Reise jedoch noch einigermaßen ungewiss, da ich bislang auf mein Visum warte. Seit über 2 ½ Monaten befindet sich mein Reisepass nun bereits auf einem Amt, das aus mir unerfindlichen Gründen noch nicht die Zeit dafür gefunden zu haben scheint, mir und meinen ausländischen Kommilitonen den entsprechenden Sticker in den Pass zu kleben.

Nun bietet sich in dieser Woche die Möglichkeit, auf legalem Wege einen Aufpreis zu bezahlen, um den Prozess zu beschleunigen. Wenn alles klappt, müsste das Dokument spätestens einen Tag vor meiner Abreise abholbereit sein. Da ich nach der ein oder anderen Erfahrung im Nahen Osten allerdings aufgehört habe, offiziellen Zeitangaben zu glauben, bleibt mir nur zu hoffen, dass ein kleines Weihnachtswunder geschieht.

Die neue Woche startet mit einem Ausflug in die kleine Bibliothek des Sursock-Museums, das sich in Gemmayzeh befindet. Da ich einen Tag vor meiner (hoffentlich) bevorstehenden Abreise nach Berlin noch ein Referat über den muslimischen Denker Tariq Ramadan halten muss, verbringe ich fünf Stunden über einem seiner Aufsätze, der sich mit der Sharia und Muslimen in Europa befasst. Kurz vor dem Abendessen lädt die deutsche Gemeinde außerdem zu Glühwein und Stollen, um sich bei den Helfern des Weihnachtsmarktes zu bedanken.

In den nächsten Tagen steht vor allem die Vorbereitung meines Referats auf dem Programm, außerdem findet am Freitag die große Weihnachtsfeier statt, für die wir seit Wochen Adventslieder einstudieren. Für den vierten Advent planen Lydia, Maxie und ich den Besuch eines armenischen Gottesdienstes, bevor ich in der kommenden Woche hoffentlich nach Deutschland fliegen kann.

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