Das Leben zwischen zwei Kontinenten

Ich bin geboren und aufgewachsen in Kiel, ich habe mein Leben lang bei Kiel in Deutschland gewohnt. Ich bin ein richtig norddeutsches Kind, so würde ich mich beschreiben. Ich liebe Norddeutschland, ich mag das Meer, die raue und herzliche Art der Menschen, den Sinn für Humor und manchmal auch das Wetter.

Schon seit klein auf sind meine Eltern mit mir auf Reisen gegangen und haben mir neue Orte gezeigt. Doch nachdem ich die Schule beendet hatte, wollte ich mehr. Ich wollte eine ganz andere Kultur und ein Teil dieser Kultur werden. Also zog es mich nach Uganda um dort einen Freiwilligendienst zu absolvieren.

Ein Jahr in einem Land welches dem Herkunftsland am wenigsten ähnelt, ist eine Erfahrung, die mich sehr geprägt hat. Uganda hatte für mich plötzlich alles, was ich in Deutschland vermisst habe. Ich war so glücklich dort zu sein und wünschte mir, dass die Zeit nicht endet. Natürlich gibt es Schwierigkeiten in einer so fremden Kultur zu leben, doch ich habe mich zurecht gefunden, ich habe mich angepasst, ich habe Leidenschaft entwickelt.

Ich wollte alles aufsaugen, alles wissen, alles hinterfragen, alles genießen – jeden Moment. Auf Tiefs folgten immer Hochs und ich wurde frei.

Uganda hat sehr inspirierende und freie Menschen. Ich habe gemerkt, wie ich jeden Tag etwas gelernt habe, jeden Tag wurde ich angeregt mich mit etwas auseinander zu setzen, mit etwas zu befassen, es anzunehmen, es positiv zu sehen und tiefer und tiefer in die Kultur ein zu tauchen. Ich habe die lokale Sprache gelernt, ich habe verhandelt, ich habe getanzt, ich habe viel gesehen.

Doch das Jahr ging zu Ende.

Der Gedanke an das Zurückkehren nach Deutschland war für mich schlimmer, als der Gedanke damals aus Deutschland wegzugehen. Ich wusste, dass nichts mehr so sein wird wie in diesem Jahr.

Der Einstieg zurück in mein Leben in Deutschland fiel mir sehr schwer. Nichts hatte mich mehr inspiriert, nichts angeregt, nichts bewegt. In Deutschland lief einfach alles wie vorher aber doch anders. Bis ich mich wieder eingefunden habe, hat es lange gedauert. Ich glaube, es gelang mir auch nicht so gut, da ich wusste, dass ich wieder reisen gehen werde. Doch habe ich nach der Zeit auch wieder Inspiration bekommen, Leute kennen gelernt und das Leben genossen. Ich habe die Kunst genossen, das Kulturprogramm, den Wind, den Regen, den Strand, das Essen, die Ruhe. Ich habe gemerkt, was ich vermisst habe in meinem Jahr in Uganda.

Ich habe aber vermutlich auch genossen, weil ich wusste, dass es nur ein bestimmter Zeitraum sein würde, den ich wieder in Deutschland verbringe.

Nun bin ich zurückgekommen nach Uganda. Es hat sich angefühlt wie nach Hause kommen. Hier fahre ich auf den Motorrädern mit und lächle, das Glück überkommt mich. Ich lache mit den Leuten, ich scherze, ich verhandle – ich bin angekommen. Plötzlich habe ich wieder hunderte von Ideen, die ich machen möchte, die ich umsetzen möchte. Ich habe Motivation mich dem Leben der Ugander zu widmen, zu arbeiten, auszugehen, zu lernen.

Doch ich weiß, es wird nicht für immer sein.

Bin ich so glücklich, weil ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist und ich sie daher genießen muss?

Mir ist sehr bewusst, dass ich in den nächsten Jahren mehr Zeit in Deutschland verbringen werde als in Uganda, mir ist bewusst, dass es mein Zuhause ist. Es fühlt sich auch so an, aber Uganda fühlt sich auch, wenn nicht gerade stärker, nach meinem Zuhause an.

Ich habe nun zwei Orte, die ich Zuhause nenne. Das ist an sich etwas schönes. Ich bin auch gespannt, ob ich in der Zukunft weitere Orte zu meinem zu Hause machen kann oder werde.

Aber ehrlich gesagt, ist es gerade gar nicht so schön. Es ist schwierig. Wie balanciere ich mein Leben zwischen zwei Ländern, zwei Kontinenten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Kann ich etwas Uganda noch Deutschland bringen? Kann ich etwas Deutschland nach Uganda bringen (was wiederum leichter ist, als anders herum). Ich lebe in einem Zwiespalt zwischen zwei Welten. In Deutschland vermisse ich Uganda und andersherum wünsche ich mir ein paar Dinge nach Uganda.

Ich denke, es hört sich gerade so an, als wünsche ich mir in Uganda zu bleiben und hier zu leben. Ehrlich gesagt, habe ich gerade auch diese Gedanken aber ich weiß, dass ich nach Deutschland zurückkehren und zur Universität gehen möchte. Das bedeutet für mich, ich muss meinen Weg finden, zwischen diesen beiden Welten zu leben. Der Kontakt zu Menschen vor Ort ist aufgrund der sozialen Medien und einer meist guten Internetverbindung kein Problem, doch wie berichtest du, wenn der Mensch nicht versteht, wie es in dem jeweils anderen Land ist. Ich kann berichten, ich kann Fotos verschicken, ich kann erzählen, doch die wenigsten verstehen, wie genau was hier passiert und wie ich mich fühle. Die Schönheit in manchen Dingen ist auf Fotos nicht sichtbar. Die Schönheit erkennt man mit dem Herzen vor Ort.

Doch ich denke, ich muss mich in dem Moment auf den jeweiligen Ort konzentrieren. Doch wie konzentrierst du dich, wenn du Angst hast, dass man etwas vergessen wird und dass die Sehnsucht nach einer stetigen Verbindung zum anderen Land groß ist. Und wie wird es sein, wenn ich in noch mehr Orten der Welt lebe und die zu meinem Zuhause mache. Wie balanciere ich ein Leben in verschiedenen Orten? Es fühlt sich schön an, immer zu wissen, dass Uganda mein zu Hause ist, aber wie oft kann ich zurückkehren? Wie verändert sich Uganda, wenn ich nicht da bin und wie verändern die Menschen sich, die ich zuvor täglich gesehen habe und dann plötzlich lange nicht mehr.

Wo bin ich gerade? Wo will ich sein? Oder möchte ich in diesem Zwiespalt leben?

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