Die Berg ruft – oder wie ich zum Dosenfutterer wurde

Menschen sind überall gleich. Kaum kommt die Sonne raus, kriechen sie aus ihren Behausungen wie die Erdmännchen aus ihren Erdlöchern und bevölkern die ach so schöne Natur. Besonders hier in Washington State eignen sich die umliegenden Berge der Cascade Range und die zahlreichen Seen und Flüsse für Ausflüge ins Grüne.

Es war der erste wirklich schöne Tag im Jahr nach einem harten und langen Winter, in dem es in den Bergen viel geschneit hatte. Ein wirklich gelungener Einstand, denn mir wurde direkt die Schuld für den Sonnenschein in die Schuhe geschoben (und das, obwohl ich als waschechter Norddeutscher kaum in Sonnenschein-Aktien würde). Und so fuhren meine Betreuerin Allison und ich, nachdem ich am Flughafen Portland angekommen war, Tags drauf in Richtung Mount Saint Helens.

 That’s her, that’s Helens

Bereits auf der Interstate 5 in Richtung Norden entlang des Columbia Rivers schien die noch völlig verschneite Kuppe des Vulkans durch die Bäume am Straßenrand.

Bevor es jedoch zum Science and Learning Center des Mount Saint Helens gehen sollte, musste ich einkaufen, für zwei Wochen – mindestens. Mein neues Zuhause hat nämlich einen bedenkenswerten Nachteil: Es liegt mitten im Nichts, in der Pampa, im Nirgendwo. Folglich gibt es dort weder Einkaufsmöglichkeiten noch andere Geschäfte. Das erste kleinere Geschäft liegt etwa 45 Minuten Autofahrt entfernt und der nächste Supermarkt etwa eine Stunde. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass ich mich mit Konserven, Nudeln, Crackern und ein wenig frischem Obst eindecken musste. Und das tat ich. Ich schob meinen Einkaufswagen durch die Gänge eines Safeways-Marktes in Longview, welcher am Ende proppevoll werden sollte. Für den Fall, dass der Vulkan jetzt ausbrechen würde und sämtliche Lebensadern unterbrochen wären, hätte ich wohl gefühlt genug zu essen für ein halbes Jahrhundert auf Lager.

Meine Lieblingssackgasse

Danach ging’s den Highway 504 hoch, ganze 52 Meilen gen Osten, bis es nicht mehr weiter ging, denn der Highway 504 ist eine Sackgasse. Die Leute vom State Forest Service sagen, es sei die längste Sackgasse Washingtons, ich sage, es ist auf jeden Fall die schönste. Viele Kurven, kaum Verkehr, viele Brücken und hinter jeder Ecke lauert die Berg (ja, die Berg). Viele Touristen waren bereits heute schon unterwegs, auch wenn die ganzen touristischen Einrichtungen auf der Strecke noch geschlossen waren. Aber die zahlreichen Aussichtspunkte waren natürlich offen. Wir stoppten an jedem Viewpoint und schauten auf diesen wundervollen Vulkan. Was ein Anblick. Unbeschreiblich. Der schneebedeckte Gipfel des Mount Saint Helens strahlte so intensive, dass er gegen das Licht fast blendete. Auch die umliegenden Berghänge waren noch schneebedeckt und in der Ferne ließ sich das leise Rauschen des Toutle Rivers ausmachen, der sich vor uns ins Tal ergoss und durch das viele Schmelzwasser ziemlich hoch angestiegen war. Auch der weiter östlich liegende Vulkan Mount Adams war gut zu sehen. Selbst Allison freute sich, ihre Helens nach über einem halben Jahr endlich wolkenfrei wieder zu sehen.

Wir sprachen mit einigen Touristen und immer wieder vielen solche Ausdrücke wie Yeah, that‘s her, baby oder Look at the old Lady oder Isn’t she beautiful? Leicht kamen wir mit den Besuchern ins Gespräch, beantworteten einige Fragen, schossen Bilder und ich fragte mich insgeheim, warum so viele Leute den Mount Saint Helens als alte Dame bezeichnen.

Ein wenig Charme der 70er Jahre

Wir erreichten das Science and Learning Center fast am Ende des Highways. Viel weiter ging es zu dieser Zeit noch nicht, denn die Zufahrt zum Johnston Ridge Observatory, meinem späteren Einsatzort, war noch auf Grund der Schneemassen gesperrt. Wir bogen ab und erreichten über eine Servicestraße die beiden Bungalows, in denen die Mitarbeiter wohnten. Jetzt sah ich endlich, wie ich in den nächsten fünf Monaten leben würde. Durch die Eingangstür betrat ich einen geräumigen Gemeinschaftsraum mit Sitzecke, Fernseher, Esstisch und vier abschließbaren Einbaukammern, eine für jeden Mitbewohner. Hinten lag die Küche, groß und gut ausgestattet, inklusive zwei Kühlschränken, Waschmaschine und Trockner. Zwei Schlafzimmer und ein Badezimmer gingen vom großen Wohnzimmer ab. Und das Beste: Aus dem Wohnzimmerfenster blickt man direkt auf den Mount Saint Helens. Ich kann also jeden Morgen der alten Dame einen guten Morgen wünschen.

Die anderen Staffs waren auch schon da. Ich teile mir das Zimmer mit David, einem Ranger, der sein zweites Jahr am Observatorium antreten wird. Zudem wohnen noch Allen und Charles hier. Darüber habe ich mich besonders gefreut, denn Allen ist der Ranger, der mich und meine Exkursionsgruppe letztes Jahr herumgeführt hat. Umso schöner war die Überraschung, als wir uns wiedersahen, auch wenn er einen Moment gebraucht hat, um mich wiederzuerkennen. Bereits am ersten Tag machten wir beide eine kleine Wanderung zu einem Picknickplatz mit Blick auf den Cold Water Lake. Charles hingegen ist, ebenso wie ich, ein internationaler Praktikant aus Südafrika, der bereits letztes Jahr hier als Ranger tätig war. Überhaupt sind bisher alle Bewohner der Bungalows in ihrem mindestens zweiten Jahr. Aber irgendwie ist es überhaupt kein Problem, in dieser Familie Anschluss zu finden.

Ich hätte auch draußen pennen können

Lange saßen wir an unserem ersten Abend nicht mehr zusammen. Schnell bemerkte ich, wie sehr einem das Internet, Handy, Filme und Multimedia abhalten können, ins Bett zu gehen. Zudem war ich noch immer gejetlagged und mich zog es bereits gegen 19 Uhr in die Koje, hielt mich aber bis 22 Uhr davon ab. Die erste Nacht im neuen Bett war buchstäblich hart. Die Matratze schien offenbar mit Schieferplatten gefüllt worden zu sein und auch das Kissen war nicht gerade kuschelig. Hätte mir jemand in meiner damaligen Grundschulklasse beim Spiel Simon Says nach dem Kommando Find something soft dieses Kissen gebracht, hätte ich das wohl nicht durchgehen lassen. Immerhin fährt David wohl heute in die Stadt, dann kaufe ich mir ein neues.

Dank Ohrenstöpsel hatte ich aber eine wirklich ruhige Nacht, auch wenn es draußen ordentlich gestürmt hatte (sicherlich war drinnen schlafen doch die bessere Idee) und die harte Matratze hatte ich irgendwann eingelegen. Tags drauf wurde das Wetter schlechter, und noch einen Tag später lag morgens Schnee. Na klasse, aber hey, ich darf mich nicht beschweren. Immerhin bin ich nicht hier, um mich über das Wetter auszulassen. Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung, kleiner Geographenschnack. Und der Sommer steht ja noch vor der Tür und der kann hier, wenn die Sonne scheint, echt schön werden.

Morgen beginnt endlich das Ranger Training. Zwei Wochen lang werden uns dann neben der Geologie und der Ökologie des Mount Saint Helens auch die Arbeitsabläufe gezeigt. Ich bin schon ganz aufgeregt. Und wenn der Berg, sorry, die Berg, nicht ausbricht, melde ich mich an dieser Stelle bald wieder mit Eindrücken aus meinem Leben als Ranger am Mount Saint Helens.

PS. Mein Bett ist dank neuem Kissen und einer zusätzlichen Matratze echt gemütlich geworden! Ich habe also keine Bedenken mehr, eines Morgens selbst als Schieferplatte aufzuwachen.

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