Heute Slum, morgen Swimmingpool

Uganda ist ein Land der Kontraste.

Neben vermutlich 1,5 Millionen bis 2,1 Millionen Menschen (40 Millionen Einwohner), die im Slum wohnen, hat Uganda jährlich (Stand 2014) ca 1,2 Mio Touristen zu Besuch.

Die Menschen, die nach Uganda kommen, sind entweder zur Entspannung und Safari hier oder möchten sich intensiver mit der Kultur beschäftigen, wie ich es getan habe, durch Freiwilligenarbeit, oder auch Praktika.

Das Land kennen zu lernen bedeutet aber auch, jegliche Seite kennen zu lernen und ich muss sagen, das verwirrt mich bis heute.

Uganda ist eins der ärmsten Länder Afrikas, welches auf die internen kriegerischen Auseinandersetzungen, politische Lage und Missmanagement der Wirtschaft zurück zu führen ist.

Noch heute kämpft Uganda mit den Auswirkungen der Geschichte.

Doch obwohl Uganda große Probleme mit der Armut, HIV und Korruption hat, hat Uganda Orte erbaut die dem westlichen Standard entsprechen. Es gibt riesige Hotels mit Swimmingpools, Bars die selbst in Deutschland zu den teureren Bars gehören würden, einen Golfplatz und viele Shoppingmalls. Häufig stecken ausländische Investoren hinter diesen Kolossen des Luxus.

Arm und Reich leben in Uganda also fast direkt nebeneinander (hauptsächlich in Kampala).

Selbst ich habe mich immer wieder erwischt, wie ich beide Seiten Ugandas in kürzester Zeit erlebt habe. Ich habe den Vormittag im Slum verbracht, was für mich meist sehr informativ ist und mich nachdenklich macht, und am Nachmittag bin ich in eins der teureren Restaurants in Kampala gegangen, weil mir das Essen schmeckt und ich das kostenlose Wifi nutzen wollte. Die Kinder die ich vorher im Slum besucht habe, sind aber immer noch da und haben womöglich nicht mal etwas zu essen.

Ich glaube, ich habe mich so sehr an diesen Kontrast gewöhnt, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke, wie paradox es ist, wenn ich mich von einem Platz Kampalas zum anderen bewege und plötzlich in einem ganz anderen Lebensstandart bin.

Ich habe auch immer wieder an mir selbst entdeckt, wie ich mich, zum Beispiel im Bezug auf den jeglichen Ort, anpasse. So kann ich in den ärmeren Orten so lange nach einem günstigen Restaurant für das Mittagessen suchen (Ich möchte dann nicht 7.000 UGX, ca 2 Euro, ausgeben, sondern suche ein Restaurant, das Essen für 4.000 UGX anbietet). Einfach, weil ich mit den Menschen zusammen bin, die immer auf ihr Geld schauen und bewusst nach niedrigen Preisen suchen um genug für die nächste Zeit zu haben und ich mich daran anpasse, nicht mal bewusst, sondern ganz unterbewusst. Später am Tag kann ich dann aber in ein Café gehen und 10.000 UGX für einen Eis-Tee ausgeben, weil ich Lust habe, mir etwas zu gönnen und mich zu entspannen.

Ich kann an einem Tag stundenlang um 1.000 UGX beim Motorradfahren (hier als quasi privates Taxi) verhandeln, einfach weil ich plötzlich zu geizig bin und auch behandelt werden möchte wie alle anderen, und kann mich dann zu einer Mall fahren lassen um mir für 8.000 UGX ein richtiges deutsches Brot kaufen.

Ich bin mir sicher, ich bin nicht die einzige, die in diesen Kontrasten lebt. Ich kann auch nicht sagen, wo ich mich wohler fühle. Natürlich ist es komisch zu sagen, dass ich mich im Slum wohl fühle, aber ich hatte schon wirklich schöne Nachmittage, die ich mit Familien von Freunden verbracht habe. Wir haben einfach zusammen gesessen, die Familie ist ihren Tätigkeiten nachgegangen und ich habe zugeschaut und fand es schön, ein Teil dessen zu sein.

Auch liebe ich es, mein Essen auf der Straße zu holen, auch wenn mal kein Strom ist, bei Kerzenschein auszusuchen, was ich essen mag, mit den Leuten auf dem Markt zu verhandeln anstatt in den Supermarkt zu gehen, meinen Saft vom Händel gegenüber in Plastiktüten zu kaufen, statt einem Tetrapack und viele weitere kleine Dinge, die offiziell ein Zeichen der „Unterentwicklung“ (Ich setze diesen Begriff in Anführungszeichen, weil das Thema: Was ist Entwicklung? Ein anderes ist). Doch ich genieße diese Dinge. Zur gleichen Zeit gehe ich gerne an einem Samstagnachmittag zu einem Hotel und verbringe den ganzen Tag am Pool und kaufe mir europäisches, teures Essen.

Wenn ich so darüber nach denke, verstehe ich mich selbst nicht. Ich bin kein Mensch des Konsums, ich gehe in Deutschland nicht wirklich shoppen. Ich brauche nicht die neusten Trends, aber trotzdem habe ich plötzlich Bedürfnisse, den ich theoretisch nicht nachgehen möchte, es aber doch tue. Ich habe genug Kleidung in meinem Schrank hier in Uganda, aber trotzdem kann ich den ganzen Nachmittag auf dem Seconhand-Markt verbringen, einfach weil die Kleidung so günstig ist und weil es mir so Spaß bringt. Wobei die niedrigen Preise und wie sie zu Stand kommen, noch ein ganz anderes Thema ist, dem ich mir aber bewusst bin.

Doch dann fühle ich mich komisch, wenn ich plötzlich zu geizig bin, vier Maracuja für 1000UGX zu kaufen, weil ich fünf Maracuja für den Preis haben möchte.

Doch diesen Kontrast erkenne ich nicht nur an mir, sondern auch an Ugandern. Auch wenn sie manchmal nicht wissen, wie sie am nächsten Tag Essen kaufen, möchten sie gerne ein Bier trinken am Abend oder schöne Kleidung haben. Hier geht es häufig nicht darum, was man mit dem Geld in Zukunft hätte machen können, sondern den Moment zu genießen. Und immer wenn ich wieder so eine Situation habe, denke ich mir, dass ich das einfach gerade mache, um zu genießen.

In Uganda gibt es Zimmer, die vermietet werden für umgerechnet 28 Euro im Monat, was für manche schwer aufzubringen ist, im gleichen Moment checken andere in die Lodge ein, die 300 Euro die Nacht kostet. Auch wenn ich nicht in eine Lodge gehe, sondern das günstige Guesthouse bevorzuge, merke ich, wie viel Geld ich doch für den kleinen Luxus ausgebe.

Wenn mich Leute fragen, wie ich es differenziere, wann ich mehr Geld ausgebe und wann ich mehr verhandle, muss ich sagen, dass ich keine Regel habe. Ich mache das immer nach Gefühl und kann gut die Preise hier einschätzen, aber ab und zu in dem westlichen Standard zu leben, überkommt mich doch immer und immer wieder.

Ich möchte diesen Artikel hier offen lassen, denn ich habe ehrlich gesagt keine Lösung und ich weiß auch nicht, ob ich eine Lösung finden muss, solang ich nicht unfair bin, ist es glaube ich in Ordnung und ziemlich menschlich solche Bedürfnisse zu haben.

Ein Gedanke zu „Heute Slum, morgen Swimmingpool

  1. Stefan Wehmeier

    „Wir werden also, bei sonst gleichen Verhältnissen, jenes Land als auf der höheren Stufe volkswirtschaftlicher Entwicklung stehend zu bezeichnen haben, in welchem der Mittelstand am meisten vertreten ist. Wo aber der Mittelstand sich in fortschreitender Auflösung befindet, dort haben wir eine direkt dem Verderben entgegenreifende Entwicklung vor uns, und zwar umso sicherer, je größer der Reichtum ist, welcher diesen Auflösungsprozess des Mittelstandes begleitet.“ 

    Prof. Dr. Gustav Ruhland (1860-1914) gehörte zu den ganz wenigen Nationalökonomen der jüngeren Geschichte, die ehrlich waren und für die das Folgende nicht zutraf:

    „Ich sah, dass den meisten die Wissenschaft nur etwas ist, insofern sie davon leben, und dass sie sogar den Irrtum vergöttern, wenn sie davon ihre Existenz haben.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

    In seinem Werk „System der politischen Ökonomie“ (1903 bis 1908) konnte Prof. Ruhland (der 1887 einen diesbezüglichen Forschungsauftrag von Reichskanzler Bismarck erhielt, der das Werk nicht mehr lesen konnte) über einen Zeitraum von drei Jahrtausenden und anhand von 22 über die Kulturgeschichte verteilten Volkswirtschaften im Detail nachweisen, dass alle Hochkulturen und Weltreiche in der Geschichte an der systemischen Ungerechtigkeit der Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz zugrunde gegangen sind. Die einzige Möglichkeit für einen Neuanfang ist ein Krieg zur umfassenden Sachkapitalzerstörung, damit nach dem Krieg wieder neues Zinsgeld in neue Sachkapitalien investiert werden kann. Unsere heutige „moderne Zivilisation“ macht dabei keine Ausnahme, es besteht allerdings zu früheren Zeiten ein gravierender Unterschied:

    USA: 7260, Russland: 7500, Frankreich: 300, China: 260, Großbritannien: 215, Pakistan: 100-120, Indien: 90-110, Israel: 80, Nordkorea: 6-8.

    Die Zahlen benennen die aktuelle Anzahl der Atomsprengköpfe. Ohne die atomare Abschreckung wäre es spätestens in den 1980er Jahren zum Dritten Weltkrieg gekommen. Auf der anderen Seite hat darum heute – durch das Ausbleiben dieser „überfälligen Sachkapitalzerstörung“ – die Zinsumverteilung sowohl innerhalb der Nationalstaaten als auch zwischen den Staaten ein solches Ausmaß erreicht, dass der Atomkrieg nicht mehr erforderlich ist, um unsere ganze „moderne Zivilisation“ – von einem Tag auf den anderen – auszulöschen! Die Heilige Schrift bezeichnet dieses unmittelbar bevorstehende Ereignis als Armageddon. Angst? Die sollten alle haben! Warum hat keiner Angst? Weil die Religion die halbwegs zivilisierte Menschheit so schwachsinnig gemacht hat, dass sie es schon gar nicht mehr verdient, aufgeklärt zu werden:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/05/geld-religion-und-politik.html

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