Was der Mount Saint Helens mit einer Flasche Cola zu tun hat

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Vulkan hören? An feuerspeiende Berge? An Lava? An Zerstörung? Vielleicht haben Sie ja schon einmal einen aktiven Vulkan gesehen? Oder waren Sie vielleicht schon einmal in der Eiffel? Oder auf Teneriffa? Oder beim Mount Saint Helens?

Was fasziniert uns an Vulkanen? Nun, dieser Frage gehe ich hier unter anderem nach, denn seit heute habe ich mein erstes Programm fertig. Als Ranger muss ich hier nicht nur über die Geologie, Ökologie, die Geschehnisse aus dem Jahr 1980 und darüber hinaus Bescheid wissen, sondern dieses Wissen auch an die Besucher weitergeben, in Form von Ranger-Talks. Mein erstes Programm habe ich fast fertig (ich habe hier übrigens den besten Büroblick der Welt). Ich stehe also vor einer Schaar von Besuchern und erzähle, was mit dem Mount Saint Helens im Jahre 1980 passiert ist. Und genau das mache ich jetzt hier auch, in Kurzform, im nächsten Abschnitt.

Ein Ausbruch von unerwarteter Intensität

Am 18. Mai 1980 brach der Mount Saint Helens im US-Bundesstaat Washington im Nordwesten der USA mit damals völlig unerwarteter und unbekannt er Intensität aus. Zwar war bereits zwei Monate zuvor durch eine Reihe von Erdbeben und kleineren Eruptionen deutlich geworden, dass ein Ausbruch bevorsteht, jedoch hatte niemand erwartet, dass die Heftigkeit und das Ausmaß der Zerstörung so groß sein wird. Niemand hatte zu der Zeit die Mechanismen dieses Ausbruchs an einem anderen Vulkan dokumentiert, denn die Eruption des Mount Saint Helens verlief nicht wie ein typischer Ausbruch.

Das erste, was passierte, war völlig vulkan-untypisch. Eine zwischen dem 20. März und dem 18. Mai entstandene über 130 Meter dicke Beule an der Nordflanke des Vulkans rutsche ab und löste den größten jemals dokumentierten Landrutsch überhaupt aus. Knapp 3 Kubikkilometer Berg wurden depositioniert und der Mount Saint Helens schrumpfte innerhalb weniger Sekunden um 400 Meter. Nehmen wir den Deckel einer gut geschüttelten Colaflasche als Vergleich, den Sie von der Flasche schrauben. Dann haben Sie sozusagen die fehlenden 400 Meter der Vulkanspitze in Ihren Händen.

Sie erinnern sich, die Colaflasche haben Sie vor dem Aufschrauben gut und heftigs geschüttelt. Mit anderen Worten, der Inhalt der Flasche bleibt nicht, wo er ist, sondern versucht, dem Druck zu entkommen, durch die Öffnung, die Sie gerade geschaffen haben. Ähnliches passierte am Mount Saint Helens. Der Druck innerhalb des Berges löste die nächste Stufe der Eruption aus, eine Explosion, genannt Blast. Dieser Blast hatte eine Reichweite von über 40 Kilometern und hat teilweise alles in seinem Lauf entfernt und zerstört. Bäume wurden wie Zahnstocher umgeknickt, die Landschaft umher komplett verwüstet und einige Menschen kamen dabei ums Leben, bedauerlicherweise, obwohl es Sicherheitszonen und Sperrbezirke gab (aber denken Sie daran, niemand hatte mit einem solch verherenden Ausbruch gerechnet). Zurück zur Colaflasche. Das, was beim Öffnen so zischt, ist zu vergleichen mit dem Gas, welches aus dem Mount Saint Helens austrat, mit dem Unterschied, dass das Gas unglaublich heiß, schnell und mit Asche, Steinen und Felsen versetzt war. Nichts hatte eine Chance in dieser Wolke des Todes zu überleben.

Ihre Colaflasche kann aber noch mehr. Neben dem Kohlendioxid kommt da ja irgendwann auch noch Cola raus. Nun, das kann man mit der Aschewolke vergleichen, die während der Eruption aus dem Vulkan austrat und innerhalb von zwei Tagen die Ostküste der USA erreichte und innerhalb von zwei Wochen den Globus umkreiste. Selbst hunderte Kilometer vom Mount Saint Helens entfernt, in Spokane und Yakima, bedeckte die Asche fast einen halben Meter des Bodens und machte den Tag zur Nacht.

Gigantische Schlammlavinen und Murenabgänge, genannt Lahare, machten sich zeitgleich in Richtung Westen auf den Weg, das North Folk Toutle River Valley hinab und sorgten beispielweise dafür, dass die Tiefe des Columbia River um über neun Meter schrumpfte. Es dauerte noch Wochen, den Fluss wieder beschiffbar zu machen.

Faszination durch Zerstörung

Tja, und heute? Heute kommen die Besucher in Scharen hoch zu uns zum Johnston Ridge Obervatory, um sich den Mount Saint Helens anzusehen und sich im Visitor Center zu informieren. Und das ist meine Aufgabe, den Besuchern ihre Faszination über diesen Vulkan zu erklären. Seit letzten Samstag hat das Observatorium wieder geöffnet, leider ist mein erster offizieller Arbeitstag erst am Mittwoch. Trotzdem bin ich schon hier. Aus Faszination? Definitiv! Aber ich möchte mich auch vorbereiten um nicht so lange warten zu müssen und um endlich anfangen zu können. Mittwoch heißt es dann endlich: Rein in die Uniform, rauf zum Observatorium und Besucher über einen Berg aufklären, der wegen seines Ausbruchs im Jahre 1980 nicht nur zu einem der bekanntesten Vulkane der Welt wurde, sondern auch den Beginn der modernen Vulkanologie markiert. Und außerdem denken Sie daran, dass Sie jedes Mal, wenn Sie eine Sprudelwasser- oder Colaflasche in der Hand haben, theoretisch einen kleinen Vulkan in den Händen halten.

 

 

 

 

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