“Ask the Guy in the Pickle Suit“ – oder wenn Erfahrung zur Routine wird

Jupp, das bin ich, also der Guy im Pickle Suit. So nennen wir hier salopp unsere Uniform, zu Deutsch Gewürzgurkenanzug, oder so ähnlich, denn die Farbe Grün dominiert unsere Uniform, von der Hose bis zur Mütze. Und immer wenn wir die Besucher am Observatorium begrüßen, machen wir sie scherzhaft darauf aufmerksam, sich mit Fragen an die Pickle Suits zu wenden.

Seit zwei Wochen laufe ich jetzt schon als Gewürzgurke durch das Johnston Ridge Observatory und ich muss zugeben, dass die sich eigentlich wie zwei Monate anfühlen. Keine Ahnung, ob das an meinem veränderten Tagesablauf oder an den vielen neuen Eindrücken liegt, die hier tagtäglich passieren. Zumindest habe ich hier, verglichen zu meiner letzten Tätigkeit als Student (und jetzt lasse ich hier mal richtig die Klischees von der Kette) einen richtigen Tagesablauf. Mein letztes Semester bestand nämlich eigentlich nur aus dem Schreiben meiner Masterarbeit und die konnte ich ja schreiben, wann ich wollte.

Hier hingegen muss ich um neun Uhr morgens mit Sack und Pack für einen 9-Stunden Tag bereit stehen. Ich glaube, es liegt wirklich an der Tatsache, dass ich hier kein Internet, kein Netflix, kein YouTube, kein Video-On-Demand oder sonst eine Ablenkung habe, die mich davon abhält, nach Sonnenuntergang noch unnötig lange wach zu bleiben. Es ist schon erstaunlich, aber hier müssen wir miteinander reden, Spiele spielen, Filme gucken, Bier trinken, und wenn der Erste gegen 22 Uhr keine Lust mehr hat, oder vor Müdigkeit bereits auf dem Sofa einpennt, dann folgt halt bald darauf die gesamte Clique. Inzwischen habe ich mich nicht nur an einen sehr angenehmen Tagesablauf gewöhnt (man hat dadurch nämlich echt mehr vom Tag und sogar – welch Überraschung – von der Sonne, falls diese scheint), sondern auch an die Tatsache, das Handy mal für einige Zeit beiseite zu legen oder gar zu vergessen. Zwar versuche ich regelmäßig den Kontakt nach Deutschland aufrecht zu erhalten, nicht zuletzt, weil mich mein Mobilfunkanbieter meinen Vertrag hier ohne Zusatzkosten wie in Deutschland nutzen lässt, aber trotzdem kann ich danach das Handy getrost wieder für ein paar Tage in die Ecke legen.

Facetten eines Rangers

Neben all dieser lebenswichtigen Erfahrungen ist da ja noch der Job am Observatorium, also salopp das Gurkenglas (genug Gurken-Witze). Mein erstes Rangerprogramm habe ich inzwischen auswendig drauf und brauche noch nicht einmal mehr meinen Spickzettel. Besonders letztes Wochenende gab mir der massive Ansturm der Besucher (wir hatten Memorial Day Weekend, 30°C und Sonne wie blöd) und die fast 100 Zuhörer meines Programms zusätzliche Power. Die von uns angebotenen Ranger-Talks sind ein Anlass für viele Besucher, zum Johnston Ridge Observatory zu kommen, und jeder Ranger baut in seine Talks besondere Geschichten ein.

Mein Fokus liegt beispielsweise auf den verschiedenen verändernden Ereignissen, die ich liebend gerne in Form von Vorher-Nachher-Bildern verdeutliche. So locke ich regelmäßig ‚Ohs‘ und ‚Ahs‘ aus den Besuchern, wenn diese feststellen, dass der Landrutsch am Mount Saint Helens den Wasserstand des naheliegenden Spirit Lakes um knapp 70 Meter anhob oder der Pyroklastische Strom innerhalb von drei Minuten eine Fläche so groß wie Chicago zerstörte.

Außerdem fasziniert es die Menschen, wenn sie von den tragischen Helden des Ausbruchs, beispielsweise von David Johnston oder Harry Truman (nicht der Präsident, ein anderer Harry Truman) erfahren, wenn sie verstehen, dass der Ausbruch des Mount Saint Helens den Beginn der modernen Vulkanologie markierte oder ihnen bewusst wird, dass sie vor einen Berg stehen, der vor 37 Jahren um gut 300 Meter höher war als heute. Zudem habe ich es mir nicht verkneifen können, die Begriffe ‚Bier‘, ‚Schnitzel‘, ‚Sauerkraut‘ und ‚Autobahn‘ in meine Präsentation einzubauen, was zwar der Stereotypisierung nicht unbedingt entgegenwirkt, mir jedoch einige Lacher einbringt.

Trotzdem bin ich neben meiner Rolle als Alleinunterhalter und Lehrperson auch als Naturschützer und Aufpasser unterwegs. Das passiert gerne dann, wenn wir Schülergruppen bei uns zu Besuch haben. Leider kommt es dann nicht selten vor, dass ich Schülerinnen oder Schüler darauf aufmerksam machen muss, dass die Natur hier geschützt werden muss und das Verlassen der Wanderwege oder das Anfassen und Mitnehmen von Steinen oder Pflanzen nicht gestattet ist. Raten Sie mal, welche Art Mensch sowas gar nicht gerne verstehen will? Da bleibe ich doch lieber bei meinen Ranger-Programmen, die mir bislang immer großes Lob eingebracht haben (besonders durch die Tatsache, dass ich Nicht-Muttersprachler bin), auch wenn ich hin und wieder den Bösen spielen und Schülerinnen und Schüler zu Recht weisen muss.

Naturschutz ist das wichtigste Gebot

Wir, also meine Kollegen und ich, haben zwar in unseren Ranger-Programmen immer wieder subtil die Nachricht versteckt, dass das National Volcanic Monument eine Schutzzone ist, trotzdem bleibt es nicht aus, die Besucher immer wieder darauf hinzuweisen, denn nach dem Ausbruch 1980 tat sich für die Wissenschaft eine einzigartige Möglichkeit auf: Was passiert mit Mutter Natur nach einem solch fatalen und zerstörerischen Ereignis, wie es am Mount Saint Helens eingetreten war?

Um es kurz zu fassen: Das Leben kehrte zurück und heute beherbergt der Mount Saint Helens eine Reihe neuer Arten und Spezies. Auch wenn das Ökosystem komplett in sich zusammenbrach, fand die Natur doch einen Weg, das zerstörte und verwüstete Gebiet neu zu gestalten und der Mensch soll in diesem Stück keine beeinflussende Rolle haben. Und heute kommen die Besucher in Scharen zum Observatorium, stellen sich für ein Foto vor diesen so gewaltigen Berg (glauben Sie mir, in echt wirkt der Vulkan dreimal größer als auf Bildern), bestaunen die farbenfrohe Natur, interessieren sich für den katastrophalen Ausbruch von 1980 und sind vielleicht froh, einen weiteren Punkt von ihrer Bucket List zu streichen.

Und ich? Ich bin mittendrin, ein Teil davon, jeden Tag. Ich wache morgens auf und schaue auf diesen Berg (gemäß dem Fall, dass er nicht in einer Suppe aus Nebel und Wolken verschwunden ist), fasziniert von der Kraft und der Stärke der Natur, von der Schönheit und der Ruhe der Landschaft, von der Stille und der Unberechenbarkeit eines Vulkans (letzteres ist übrigens meine Main Message an die Besucher meines 1980-Programms). Glauben Sie mir, ich sage das nicht aus Spaß: Gott, bin ich froh darüber, dass dieser Berg ein Zuhause geworden ist!

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