Groß werden in drei Ländern: über Multilokalität, Mehrsprachigkeit Heimat und Glück

Wie sich Multilokalität anfühlt 

Paraguay, Deutschland, Thailand. Südamerika, Europa und Asien. Eigentlich können diese drei Länder kaum unterschiedlicher sein. Mein Leben ist voller Kontraste und ich bin dankbar dafür.

Geboren und zum größten Teil aufgewachsen bin ich in Asunción, der Haupstadt Paraguays und in Areguá – ein kleines Dorf, das ungefähr 30 km von Asunción entfernt liegt und für seine Erdbeerplantagen bzw Töpfereien national bekannt ist. Areguá, ciudad de ensueño. Stadt der Wachträume oder traumhafte Stadt wurde dieser Ort von den Menschen in Paraguay genannt. Klein, idyllisch und tranquilo. Ein friedliches Dörfchen, wo man ein simples Leben führt und Gemeinschaftlichkeit, Freunde und Familie mehr als alles andere schätzt. Ein wunderbarer Ort, um aufzuwachsen.

Als ich schließlich kaum älter als ein Jahr war, ging es  los: Meine allererste interkontinentale Reise stand bevor. Es ging quasi einmal um die Welt, von meinem kleinen Dörfchen Areguá in die millionenmetropole Bangkok in Thailand und von da in die angrenzende Provinz Nonthaburi, wo ein Teil meiner Familie lebt. Einen Kulturschock hat man mit 1-2 Jahren wahrscheinlich noch nicht, aber seit ich denken kann, überrascht mich Thailand immer wieder. Jahr für Jahr.

Mit zwei ging ich dann nach Deutschland, um drei Jahre bei meinen Großeltern in Kiel zu leben und Deutsch zu lernen. Kiel ist für mich typisch norddeutsch: Meer, Hafen, Möwen und Fischbrötchen. Rundherum Strände, kühle Ostseeluft und viele schöne Ecken, die mir mit den Jahren sehr ans Herz gewachsen sind. Ganz anders als Thailand, ganz anders als Paraguay.

Schließlich wurde ich mit sechs Jahren in Paraguay eingeschult und habe mehr oder weniger weitere 17 Jahre hauptsächlich in Paraguay, zwischendurch für einige Monate immer wieder bei meinen Großeltern oder mit meinen Eltern in Deutschland und einmal jährlich ca. einen Monat lang bei meiner Familie in Thailand gelebt. Mit Ende 17 habe ich meinen Lebensmittelpunkt für ungefähr acht Jahre nach Deutschland verlegt, um zu studieren und eine Ausbildung zu beginnen und bin seit August 2016 bis heute noch für unbestimmte Zeit in Thailand, um meinen Horizont zu erweitern, Land und Kultur kennen zu lernen aber vor allem, um Kampfsport zu lernen. Ich führe also kein multilokales Leben mehr im eigentlichen Sinne, sondern habe nun in all den drei Ländern eine Zeit lang wirklich viel Zeit am Stück verbracht. Und eines Tages werde ich mich wohl für eines entscheiden müssen. Das Land, das langfristig mehr oder weniger mein Lebensmittelpunkt werden soll.

Oft werde ich gefragt, ob das einfach ist. Ständig auf Achse zu sein, drei Leben zu haben, die unterschiedlicher nicht sein können, ob ich Freunde und Familie nicht vermisse…. die Antwort ist und bleibt wohl immer nein. Es ist nicht einfach, überall Stücke von sich selbst zu hinterlassen. Aber das viele Reisen lehrt vor allem auch eines: loszulassen. Und einfach zu leben. Im dem Moment zu leben, wo man gerade steht und geht, wo auch immer das ist.

Neue Erfahrungen zu machen und dann mit dem Wissen weiter zu ziehen, dass an einem anderen Ort neue hinzukommen ist unbezahlbar. Man lernt, sich öfter fallen zu lassen und sich dem Leben hinzugeben, ihm einfach zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass jedes Ding sich irgendwann findet. Man lernt seine Sinne zu schärfen und auf das Wesentliche zu lenken. Man fängt an simpler zu leben, da das Reisen einen ausfüllt.

 

Mehrsprachigkeit

Die Grenze meiner Sprache ist die Grenze meiner Welt. – Wittgenstein

Fremdsprachen lernen. Womöglich eines der angesagtesten Dinge überall auf der Welt. Überall trifft man auf Menschen, die sich an neuen Sprachen versuchen möchten, weil Fremdsprachen faszinieren und begeistern. Ob an heimischen Sprachschulen, im Badeurlaub oder wo auch immer – diese Menschen sind fast überall.

Doch wozu überhaupt eine Fremdsprache lernen? So manch anderer empfindet das als furchtbar anstrengend, andere wiederum nehmen jede Möglichkeit, die sich dafür bietet dankbar an. Und warum Letzteres besser ist:

Eine neue Sprache zu lernen bedeutet – aus meiner Sicht – nicht nur eine Sprache zu lernen, sondern auch eine neue Denkweise anzunehmen und einen tieferen Einblick in eine andere Kultur möglich zu machen. Jede Sprache ist anders und meiner Meinung nach kann keine Sprache mit einer anderen verglichen werden, geschweige denn wirklich übersetzt werden.

Übersetzt werden kann immer nur sinngemäß. Sinngemäße Übersetzungen sind aber nie das gleiche. Wörter in anderen Sprachen haben meistens allein schon immer eine andere Konnotation als dieselben Wörter in der eigenen Muttersprache. Und manche Wörter kann man gar nicht erst übersetzen, weil sie es in der anderen Sprache schlichtweg nicht gibt. Sprache ist das Tor zur Welt und zu anderen Menschen, durch das man – wenn man wirklich möchte – jeder Zeit gehen kann.

Andere Sprachen zu lernen, bedeutet sich für die Welt, für dessen Menschen zu interessieren und vor allem aber auch diesen Menschen – indem man ihre Sprache und Kultur besser kenenn lernt – einfühlsamer zu begegnen und sie zu respektieren.

Es gibt unzählige Gründe, Sprachen zu lernen. Tausend Gründe dafür und kein einziger dagegen.

Das Leben und all seine Facetten annehmen: Lebenslanges Lernen

Man wird ein Teil der Orte, die man besucht, heißt es. Das stimmt. Überall, wo man hingeht, bringt man etwas mit und hinterlässt auch etwas dort. Freunde, Familie, Erinnerungen…

Aber ob man dadurch heimatlos wird? Nicht unbedingt. Wenn man multilokal lebt und überall etwas länger bleibt als ein durchschnittlicher Urlauber, können auch Freundschaften mit Tiefe entstehen und gepflegt werden, selbst dann, wenn man zeitweise getrennt ist. Das Schönste daran ist aber, dass man zu sehen bekommt, wie wahre Freundschaften – egal wie viele Kilometer man voneinander getrennt ist – trotz allem bestehen bleiben und selbst aus der Ferne heraus weiter aufblühen können.

Selbstverständlich kommt es auch vor, dass man sich zeitweise entwurzelt und einsam fühlt. Das ist mir natürlich auch schon passiert. Eine Zeit lang hatten andere und ich mich selbst immer gefragt, mit welchem Land ich mich überhaupt wirklich identifiziere und für welches Land ich mich eines Tages entscheiden würde. Dieses Thema ist immer wieder aktuell und eines Tages werde ich mich letztendlich für einen langfristigen Lebensmittelpunkt entscheiden müssen, um Wurzeln zu schlagen. Bis dahin schlage ich aber noch Wurzeln, wo ich stehe und gehe und feiere mein wildes, freies Leben mit seinen Höhen und Tiefen, die man als Reisender noch intensiver erlebt.

Und das ist gut so. Ich lerne immer mehr über mich selbst, meine Mitmenschen und über die Welt im Allgemeinen so lange ich auf Reisen bin. Ich lerne von Zeit zu Zeit durch das Reisen Vorurteile zu revidieren und Perspektiven zu ändern. Ich lasse neue Mentalitäten und Eindrücke auf mich hinabregnen und betrachte die Welt wie durch ein buntes Kaleidoskop. Die Reisen bietet aus meiner Sicht eine unerschöpfliche Quelle an Möglichkeiten und Abenteuern, von denen ich und jeder ein Leben lang lernen und profitieren kann. Diese Möglichkeit sollte man ergreifen, so lange man kann. Vielleicht sogar ein Leben lang.

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