Das Leben beim Nachbarn – Studieren im Ausland

Oft im Leben guckt man auf seine größten Entscheidungen zurück und fragt sich, ob alles wirklich so gelaufen ist, wie man es sich zu Beginn vorgestellt hat. Dies hier ist mein Rückblick auf die eineinhalb Jahre, die ich bereits aufgrund meines Auslandsstudiums in Dänemark verbracht habe. Es gab Höhen und Tiefen, schöne und schwere Momente. In zwei Monaten habe die Halbzeit erreicht und und es scheint doch besser zu laufen als es am Anfang aussah.

Schon als kleiner Hamburger Bengel hatte ich den Traum die Welt zu bereisen. Nach dem Realschulabschluss bat sich dann das erste Mal die Möglichkeit für eine längere Zeit, eine andere Kultur kennenzulernen. Meine Eltern, selber total Reise begeistert, waren schnell an Bord und ich habe angefangen meinen einjährigen Schüleraustausch, zusammen mit einer Organisation, zu planen. 2012 ging es dann endlich los und ich hatte ein unglaublich interessantes, wertvolles und schönes Jahr, mitten auf dem Land zwischen Kornfeldern und Jägerhütten, in Ohio, USA. Als ich dann 2013 zurück in den deutschen Alltag gekommen bin, hat sich der drang nach Reisen von früher so stark in meinem Kopf festgesetzt, dass ich mich schon gleich an den Plan für die nächsten paar Jahr gemacht habe. Während des Abis habe ich mir einen Schülerjob gesucht, 2 Jahre nebenbei durchgearbeitet und währen alle dem so viel angespart wie nur ging. Wenige Tage nach der Zeugnisvergabe ging es dann Los: Erst zurück in die USA für ein paar Wochen, dann ein paar Wochen wandern in Schweden und Norwegen und anschließend möglichst viel Geld für den Winter sparen, wo ich dann für ein halbes Jahr nach Österreich gezogen bin, um als Skilehrer zu arbeiten. Anschließend kam dann das Highlight, worauf ich so lange gewartet habe: Ein wenig mehr als 4 Monate ging es dann mit dem Rad durch Süd-Ost Asien, was aber ein kompletter Beitrag für sich selber ist. Während alle dem, habe ich aber stetig mein Langzeitziel weiterverfolgt, welches dann wenige Wochen nach meiner Rückkehr aus Asien umgesetzt wurde:

Weiterbildung an einer dänischen Universität

Das Ankommen in Dänemark hätte chaotischer nicht seien können. Da ich fast das komplette Jahr davor nicht in Deutschland war, hatte ich nur mangelhafte Ressourcen um für das Auslandsstudium vorzubereiten. 2 Wochen vor Studiumsbeginn hatte ich noch keine Wohnung, keinen Job und keine Informationen darüber, wo ich wann und wie sein soll. Um das komplette Chaos zu vermeiden, habe ich mich dann kurzfristig ins Auto gesetzt und bin das erstmal in meine zukünftige Heimat für die nächsten 3,5 Jahre gefahren. Dort angekommen, wurde ich von einem Couchsurfer empfangen der mir alle Tipps und Tricks für das Leben in Dänemark gegeben hat. Diese bestanden hauptsächlich aus dem Beitreten von Facebook-Gruppen. Nachdem ich dann stolzes Mitglied von allen möglichen Gruppen geworden bin, habe ich wehrend meines 2-tägigen Besuches schließlich alles Wichtige klären können und sogar eine Wohnung finden können. Das einzige Problem mit der Wohnung? 5 Typen auf viel zu wenigen Quadratmetern und ein Zimmer für 3 Leute, einschließlich mir. Zu dem Zeitpunkt war es mir aber relativ egal, da ich hauptsächlich ein Dach über dem Kopf haben wollte und nur wenig Miete zahlen konnte da ich vorher mein Erspartes auf der Asienreise verbraucht hatte.

Ende August begann das Abenteuer dann richtig. Mit einer Kofferraumladung wurde ich aus Hamburg hoch nach Horsens gefahren und am nächsten Morgen ging es dann auch schon gleich zur ersten Vorlesung. Auch, wenn man als EU-Bürger nach Dänemark zieht, gibt es erstmal viele bürokratische Hürden bevor man richtig anfangen kann zu leben. Bewerbungen kann man erst schreiben, wenn man ein dänisches Konto hat, ein dänisches Konto kann man erst eintragen, wenn man eine dänische „CPR“ Nummer hat und diese bekommt man erst 8 Wochen, nachdem ein Vertreter der Behörde in die Universität kommt um deine Daten aufzunehmen, was ca. einen Monat nach Semesterbeginn der Fall war. Das erste Semester verging dann wie im Flug. Das Studium hat mir richtig Spaß gemacht und das Leben in einem komplett internationalen Umfeld war genau das richtige für mich. Fast jedes europäische Land war vertreten und egal mit welcher Gruppe man sich nach der Uni am Strand getroffen hat, es gab immer interessante Geschichten von verschiedenen Menschen mit verschieden Hintergründen kennzulernen. Das Lernsystem hat mir auch sehr gelegen, da ich in Projektarbeit deutlich effektiver als in Einzelarbeit bin und mündliche Beteiligung wehrend des deutschen Abiturs meine größte Hürde war. Gegen November, am Ende des ersten Semesters, hat sich das Leben in Dänemark das erste Mal wie Alltag angefühlt und mein Leben dort hat sich wie schien wie erfüllt. Es gab nur eine kleine Sache, die dort in meinem Hinterkopf war, welche das schöne Gefühl getrübt hat. In Hamburg wartet meine Freundin auf mich.

Fernbeziehung

Die Reise durch Süd-Ost-Asien im Frühjahr (2016) habe ich mit einer guten Freundin aus Hamburg gemacht und gegen Ende der Reise hat es ein wenig gefunkt. Nach anfänglichem Zögern (da ich ja nach Dänemark „auswandere“), hat sich aber doch eine Beziehung daraus entwickelt. Wenige Wochen nachdem die Beziehung angefangen hat, ging es für mich dann aber los nach Dänemark und seitdem haben wir dann eine Fernbeziehung geführt. Auch wenn es nur gut 300km zwischen uns waren, haben wir uns deutlich seltener gesehen als uns beiden lieb war und so hat sich im Hinterkopf ein wenig Frust und negative Emotionen angesammelt. Nach dem erfolgreichen Bestehen des ersten Semesters ging es in die Weihnachtsferien wo wir zusammen nach Österreich gefaren sind, damit ich wieder als Skilehrer arbeiten kann, da ich in Dänemark zu diesem Zeitpunkt immer noch keinen Job gefunden hatte. In dieser Zeit haben sich die Gefühle von ganz am Anfang wieder neu entwickelt, was das Tschüss sagen am Ende der Zeit in Österreich wieder enorm schwer gemacht hat. Das zweite Semester hat begonnen und so langsam wurde es eng mit dem Geld. Wie man sich vorstellen kann, ist das Leben in Dänemark ein wenig teurer als in Deutschland und um nicht wieder von meinen Eltern abhängig zu werden, musste ich zu ein wenig drastischeren Mittel greifen.

Die schweren Monate

Zusammen mit meinen Mitbewohnern haben wir das Containern für uns entdeckt und damit unser Budget auf ein Minimum reduzieren können. Um die Jobsuche ein wenig einfacher zu machen, habe ich in dieser Zeit angefangen, mich für Projekte und bei NGO’s zu engagieren, was sich bis heute noch sehr gut in meinem Lebenslauf macht. Nachdem ich eine gewisse Anzahl an positiven Referenzen durch das Engagement bei z.B. AIESEC oder einer freiwilligen Fahrradwerkstadt sowohl wie bei Projekten wie YES2016 und dem Co-Pilot Projekt gesammelt habe, hat es auch endlich mit den Bewerbungen geklappt. Aus einer Initiativbewerbung bei Trendhim hat sich ein Bewerbungsgespräch und anschließend ein gut bezahlter Job ergeben. Wer sich vorher schon über ein Studium in Dänemark informiert hat, weiß sicherlich über das sogenannte SU Bescheid, welches auch internationalen Studenten zur Verfügung steht. Eine Studentenförderung von 850 Euro, zusätzlich zum Gehalt wird einem Studenten jeden Monat ausgezahlt, wenn dieser ein zwischen 43 und ca. 90 Stunden im Monat arbeitet. Mit dem angenehmen Mindestlohn von 17 Euro und diesem Bonus, war ich dann auch endlich finanziell abgesichert und konnte nach einer Alternative für meine eher Studiums-feindliche Wohnung suchen. Mit einem guten Freund aus der Uni habe ich mich dann in den vorher genannten Facebookgruppen auf die Suche gemacht und bin schnell auf meine Traumwohnung gestoßen. Das Leben hier in Dänemark hat dann endlich einen Wendepunkt erreicht, wo ich von „Kampf von Monat zu Monat“ zu einem entspannten Leben wechseln konnte. Mein Bauingenieursstudium machte immer noch enorm viel Spaß, finanziell habe ich nach nur einem Monat schwarze Zahlen geschrieben und meine Freundin hatte endlich mehr Zeit um mich besuchen zu kommen.

Die Investitionen zahlen sich aus

Gegen Ende des Semesters gab es dann noch weitere Wendungen die alles noch ein wenig besser gemacht haben. Nach einem Jahr in dem ich ausschließlich Dänemark und Hamburg sehen konnte, habe ich meinen Reisedrang fast überwunden. Als dann aber die Möglichkeit kam, im Namen eines ERASMUS+ Projektes nach Armenien und London zu reisen, wurde diese alte Liebe aber wieder voll entfacht. Zusätzlich hatte ich eine Reise mit meiner Freundin, quer durch Bulgarien und Istanbul geplant und ich wurde in das Botschafterteam meiner Universität eingeladen was bedeutet, dass ich im Namen meiner Universität um die Welt reise durfte, um diese auf Bildungsmessen zu vertreten, wo neue Studenten anlocken sollte. Dieser Job hat mich im Sommer zusätzlich noch nach Indien gebracht, was den Sommer den wahrscheinlich besten Sommer überhaupt gemacht hat. Um beim Thema Auslandsstudium zu bleiben: All diese Reisen (Armenien, London, Indien) waren nur möglich, da ich die Entscheidung getroffen habe, in eine kleine Stadt mit einer kleinen Universität zu ziehen, da es dort kaum Konkurrenz für diese Möglichkeiten gibt. In diesem Sommer hat sich dann auch die Zukunft mit meiner Beziehung entschieden. Da meine Freundin eine ähnliche Einstellung gegenüber dem Reisen und dem „Weg sein“ hatte, hat sie sich auch für ein Auslandsstudium entschieden. Leider war das Zielland aber nicht Dänemark, was das Ende der Beziehung bedeutet hat.

Als Reaktion auf die Trennung habe ich mir mit meinem Mitbewohner einen Billardtisch gekauft. Auf dem Foto: meine drei besten Freunde aus Litauen, Island und Tschechien

Heute, nachdem Dänemark mittlerweile eineinhalb Jahre mein Zuhause ist, bin ich aber glücklicher als je zuvor. Meine große Wohnung, die ich zusammen mit meinem besten Freund bewohne, erlaubt es uns, viele Couchsurfer auf Ihrer Durchreise durch Dänemark zu hosten, finanziell kann ich das volle Potenzial des dänischen Sozialsystems und der dänischen Wirtschaft nutzen und das Studium war definitiv die richtige Wahl. Die englische Sprache liegt mir nach eineinhalb Jahren nun noch besser im Vergleich zu dem was ich wehrend meines Austausches in den USA gelernt hatte und ist fast auf Muttersprachniveau angelangt und mein Lebenslauf füllt sich durch die etlichen Möglichkeiten, die mir nur gegeben wurden, da die Stadt, in der ich studiere, so klein ist. Außerdem habe ich es geschafft, mittlerweile völlig unabhängig zu leben, was nicht viele 21-Jährige von sich behaupten können.

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