Schlagwort-Archive: Türkei

Türkei – und plötzlich weg

Jetzt ist es vorbei, denke ich, während ich vor dem Ege-Park auf den Bus warte. Es ist vier Uhr am Morgen und nicht so kalt wie ich dachte. Ich sitze auf meinem Koffer und versichere mich wieder, ob wirklich alle meine drei Taschen da sind, Reisepass, lieber noch einmal nach gucken. Ich habe hier schon mal gesessen, fällt mir ein, und ich muss lächeln.

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Heimat in der Fremde?

Heimat muss ein Ort sein. Glaube ich. Das Elternhaus vielleicht, der Wald der Kindheit, die Laube im Garten, der Dachboden oder die Vorratskammer. Vielleicht ist es aber auch ein kleiner Ort, der in etwas Unsichtbaren liegt, in einem Gefühl zum Beispiel.

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Türkei – Hoffart leidet Pain

Das türkische Wetter sorgt dafür, dass meine Haare schneller wachsen und sich meiner Meinung nach mindestens verdoppelt, wenn nicht gar verdreifacht haben. Für einen blonden Wuschelkopf ist das super, für die restliche Körperbehaarung eher nicht so.

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Türkei – BH kaufen für Fortgeschrittene

Man möchte ja eigentlich meinen, dass die Türkei ein von Sexualität befreites und prüdes Land ist. Jedenfalls nicht so offen wie Deutschland. Das stimmt auch – bezüglich des Verhaltens von Mann und Frau miteinander. Wenn Frauen und Frauen aber unter sich sind, kennen sie keine Schamgrenze mehr.

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Erdogans Werdegang

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Foto dpa

 

Recep Tayyip Erdogan soll derzeit der einflussreichste Mann in der Türkei sein. Das ist nicht weiter verwunderlich, da er nun einmal Begründer der AKP ist und seit 2001 Ministerpräsident. Wer also wissen will, wer Erdogan eigentlich ist und woher er kommt, ist hier richtig. Interessant zu wissen, der Ministerpräsident war in vier Parteien, die verboten wurden, weil sie gegen die staatliche Ordnung der Türkei verstießen.

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Türkei – mein Weihnachten

Türkei, Frohe Weihnachten

Wie läuft denn Weihnachten bei dir so, war die Frage eines Freundes. Eher nicht so, habe ich geantwortet.

Der 24. war ja nun ein Dienstag und damit ein Schultag, ich bin aber nicht hingegangen. Aus reinem Protest, weil immerhin, bin ich ja Christ und Austauschschülerin. Austauschschülerin zu sein, ist so oder so die beste Begründung für alles, was ich tue.

Meine Gastmutter kam morgens um 9 Uhr zu mir und sagte: „Iyi Noeller“ (Frohe Weihnachten). Sie verlautbarte, dass sie nun gehen müsse. Ich stand also auf, frühstückte und duschte. Dann habe ich Weihnachtsmails verschickt und anschließend im Johannesevangelium gelesen. Ich muss dazu sagen, dass ich mittlerweile Christin bin und deshalb finde, dass Weihnachten ein toller Tag ist. Allerdings komme ich aus einer Familie, die zumindest zur Hälfte (die Hälfte, bei der ich aufgewachsen bin) atheistisch oder deistisch geprägt ist, und ich selbst lange Jahre eine extreme Verfechterin des Atheismus war (vom 8. bis zum 12. Lebensjahr, süß oder?). Ich habe Weihnachten in dieser Zeit strikt abgelehnt. Unabhängig von irgendwelchen Religionen, war Weihnachten als die ganz klassische Familienparty-Variante nie so wichtig. Trotzdem war es etwas schwierig das Haus zu verlassen, als meine Kunstlehrerin mir mitteilte, ich möge bitte zur Schule kommen.

Es geht nicht um den Tannenbaum oder Geschenke. Es ist einfach nur die Stimmung, die fehlende Festlichkeit. Ich mag die Adventszeit am liebsten, es ist sicherlich nicht nur für mich die schönste Zeit in Deutschland, neben Ostern, weil diese Feiertage nun mal auch die sind, in der unsere Kultur am meisten zum Tragen kommt. Das wurde mir eben an diesem Weihnachtsmorgen plötzlich sehr bewusst. Als ich aus dem Haus trat, waren da keine Glühweinstände oder Tannenbäume, keine schlechten und schrecklichen Weihnachtslieder sowie kein Klitsch und keine Kirchenglocken. Aber das wusste ich alles.  Das Schlimmste war, die Weihnachtsgrüße, oder eher, dass es keine gab. Keiner wünschte „Frohe Weihnachten“. Vielleicht vermisse ich das ganz besonders, weil es das ist, was ich an Weihnachten am liebsten mag, dass in meinem kalten und rüden Deutschland an einem Tag alle zueinander Hallo sagen und sich etwas Schönes wünschen. Oder wahrscheinlich ist es auch nur, dass ich merke, dass ich hier die einzige bin, die weiß, dass es ein besonderer Tag ist. Vielleicht fühlen sich so die Moslems in Deutschland wenn Bayram ist, und keiner „Iyi Bayramlar“ wünscht, oder die Hand küsst. Aber immerhin haben die dann ja noch die ganze Großfamilie um sich. Egal, wie ihr merkt, bin ich ein wenig im Selbstmitleid auf dem Weg zur Schule versunken. Der Schulweg dauert aber nur fünf Minuten, deshalb war der Nullpunkt schnell überwunden, weil ich damit rechnete, dass zumindest meine Schulkameraden informiert sein müssten, und wohl gratulieren würden. Dem Pförtner Mehmet Abi (großer Bruder Mehmet) wünschte ich also ein fröhliches „Iyi Noeller“. Er dachte daraufhin kurz nach und sagte: „Türkiyede noel yok!“, und „Noel gibt’s nichts Türkei, Hill Pol“. „Trotzdem“ murmelte ich, dazu reichte sein Deutsch aber nicht aus. Ich ging in den Klassenraum. Keine Reaktion, außer natürlich von der amerikanischen Austauschschülerin und dem Thailändischen. Nein, das mit Weihnachten hatten sie offensichtlich nicht auf dem Plan (welcher Plan auch, das Wort gibt es hier gar nicht). In meiner Parallelklasse, wo die meisten meiner Freunde sind, auch Fehlanzeige. Etwas frustriert ging ich also zum Kunstraum, wo ich übrigens die Hälfte meines üblichen Tages verbringe, mit Malen und Zeichnen und andern kreativen Dingen. Die anderen drei Austauschschüler waren auch da. Die Kunstlehrerin kam mit einem Tablett Tee herein, schloss die Tür ab und holte einen wunderbaren Weihnachtskuchen aus ihrer Tasche. Der Kuchen war erstens noch warm und zweitens die Kombination aller weihnachtstypischen Zutaten wie Apfel, Zimt und Nüsse. Weil ich mit ihr fast jeden Schultag verbringe, und sie immer mit mir türkisch spricht, bin ich auf ihre Sprechweise eingestellt und sie gehört zu den wenigen, die ich fast immer verstehe. Die gute Seele sagte also, dass sie sich vorgestellt habe, dass sie selber so weit weg von ihrer Familie wäre und es der Tag eines wichtigen Festes wäre. Sie könne sich sehr gut vorstellen, wie wir uns fühlen, sagte sie und schenkte uns allen eine Tasse mit Vögeln und integrierter Spieluhr (Mary Christmas).

Nach der Schule ging ich mit meinem besten Freund zu Seeseite, der ein gutes Gespür für stille Momente hat und diese sehr genießt. Die Seeseite von Izmir ist jeden Tag auf eine andere Weise schön und ich sitze dort manchmal Stunden und sehe mir das Wellenspiel und die Wolkenbilder an. Aber oft steht der Wind falsch, und das Wasser stinkt so erbärmlich nach faulen Eiern, dass man in Izmir geboren sein muss, um sich dort heimisch und wohl zu fühlen. Aber an diesen Tag war das Meer sehr klar und roch nur ein wenig salzig und kalt. Auf den Steinen saßen wir sicherlich zwei Stunden und redeten nicht viel, nur manchmal, dann scherzten wir und das Gespräch verlief sich wieder. Vielleicht hätte ich dazu die Ruhe in Deutschland nicht gehabt, an Weihnachten, dabei war das besonders schön. Das einfach nur dasitzen und an Jesus und alles andere zu denken.

weihnachten

Später habe ich mich mit den anderen neun Austauschschülern meiner Organisation getroffen. Wir alle, mit dem gleichen Schicksal gestraft, waren wild entschlossen, Weihnachten zu feiern und zwar mit allem was dazugehört. Also auch mit dem Gottesdienst. Ich finde oft, das schon zwei Kulturen ganz schön schwierig sind, und treffe mich nicht so oft mit dieser sehr interkulturellen Gruppe (3 Deutsche, 1 Ungarin, 2 Italienerin (nur 1 anwesend), 1 Amerikaner, 1 Mexikaner, 1 Thailänder, 1 Belgierin (die auch nicht da)), war an diesem Abend aber sehr dankbar dabei zu sein.  Ein deutsches Mädchen hatte das alles organisiert (klar, wer sonst sollte etwas organisieren. Das Klischee stimmt aber wirklich) und eine Kirche aufgetan, die katholisch und italienisch war. Diese Kirche war, anders als die meisten Kirchen, zwar als solche von draußen zu erkennen, aber von einem hohen Stacheldrahtzaun, in einem gefängnis-grau gestrichen, umgeben und sah ansonsten auch eher so aus, als würde hier seit fünfzig Jahren nur noch der Kantor mit dem verrückten Pastor und einer senilen Nonne leben. Als man aber durch die Tür des feindlich und total unchristlich anmutenden Zaunes und die Kirche eintrat, wurde man von dem lieblich-sanftem Goldschimmer des katholischen Prunks und einer Weihrauchwolke empfangen. Weil wir ein interkulturelles Programm sind und jede Kultur ein anderes Verständnis von Pünktlichkeit und Ordnung zu haben scheint, waren wir noch später als die italienischen Türken und mussten die Messe überstehen.  Was es heißt, in eine italienische Gemeinde zu gehen, wurde uns erst nach Betreten des Gottesdienstes und nach dem letzten Lied des extrem schiefen Chores klar. Mit Ausnahme der italienischen Austauschschülerin verstand keiner was, auch nicht unsere lieben türkischen Freunde, die wir extra mitgebracht hatten, dass sie dolmetschen würden. Stehend und unverständig litten wir also die Messe durch, es war unglaublich langweilig. Aber irgendwie vertraut, es war die selbe Langweile wie man sie als Kind in Weihnachtsgottesdiensten hatte, es gehörte zu Weihnachten eben dazu sich erst unter der Kanzel zu langweilen, bevor es an das Geschenke auspacken ging, so wie es auch zum Erwachsenwerden gehörte, die Predigt spannend zu finden.

Am Ende gab es das Abendmahl. Es war schwer, den türkischen Freunden im Flüsterton zu erklären, warum das nun Jesu Leib und Blut sei und warum sie es auf keinen Fall ausprobieren sollten, wenn sie nicht unbedingt Christ sein wollten. Die Hälfte war so oder so vergebens, es gab gar kein Blut. Einfach nur eine Oblate. Ich fragte die Italienerin, warum das so sei. Sie meinte, das wäre in Italien auch so, wahrscheinlich hätte man nicht genug Wein für jeden. Danach gingen wir essen, froh diese christliche Pflicht überstanden zu haben. Um 23 Uhr traf ich meine Gastschwester und Familie und wir machten uns gemeinsam auf die Suche nach einer anderen Kirche, auch katholisch und italienisch, weil dort der Chor der Musiklehrerin sang. Die ersten drei Lieder waren schön und nur ein winziges bisschen schief, dann kam aber eine Opernsängerin dazu, die alle Negativklischees in einem bestätigte. Jingle Bells in Operngesang, doppelt so langsam mit maximaler Stimmvibration gesungen, leider die Höhen nicht so gut hinbekommen, oder eher gar nicht. Das hatte dann wohl der Chorleiter auch gemerkt und versucht eine Strophe auszulassen, was die Dame aber nicht lustig fand und sich rächte, in dem sie ein paar zusätzliche Triller einbaute, was den Chor aus dem Takt brachte. Jingle Bells, laughter all the ways…oder so. danach eine unglaublich lange Predigt in Italienisch und das so gleichgültig vorgetragen, dass ich fast eingeschlafen wäre, wenn nicht plötzlich die Kirchenälteste mit der Kollekte über meinem Kopf geklappert hätte. Ich war beeindruckt, denn ich hätte nicht gedacht, das Hexen-Großmütterchen aus dem Märchen einmal zu sehen. Toll, was man hier alles so trifft.

Das habe ich auf dem Heimweg auch gedacht, als ich nämlich in dem Taxi, von dem wir uns bis zu unserem Auto fahren ließen, mein Handy verlor. Super, gleich nach dem Aussteigen bemerkt, war aber zu geschockt, als dass ich es hätte stoppen können. Wir also ins Auto, dem Taxi hinterher gejagt, was ein wenig aussichtslos war, wo unsere einzigen Anhaltspunkte waren, das das Taxi gelb und der Fahrer mitteljung war und schwarze Haare hatte. Ich betete und mein Gastvater fragte einen anderen Taxifahrer, der alle anderen anfunkte. Zehn Minuten später hatte ich es wieder. Ich habe vor sechs Wochen schon mal mein Handy verloren. Allerdings auf einem öffentlichen Platz, wo ich auf dem Gras gesessen habe, als ich 15 Minuten später wieder angerannt kam, war es natürlich schon weg. Ich fragte den Straßenfeger, ob er es gesehen hätte, er gab es zurück, obwohl er sicherlich vier Kinder und eine Frau zuhause hat und in einer dieser halben Häuser wohnt. Das ist wirklich besonders hier.

Als wir dann mit reichlich katholischem Segen und dem Handy nach Hause kamen, sah ich, dass meine Gasteltern einen winzigen Plastiktannenbaum mit Geschenk darunter aufgestellt hatten.

Türkei – von diesem und jenem

Wenn ihr mich fragen würdet, auf welche Art ich die Türkei am meisten erfahre, würde ich „auf kulinarische Weise“ antworten. Als Jugendlicher ist man, sofern man die Erlaubnis hat, meistens draußen. Es passiert nie, dass man die Freunde nach Hause einlädt oder sich einen netten Abend auf der Couch macht. Wenn man das täte, säße man mit Sicherheit nicht alleine dort, sondern okkupiert von den Familienältesten, sei es von  Großmutter, Tante, Opa oder Mutter oder besonders unangenehm vom großen Bruder (Klischee!!).

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